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Forschung

Ruslana Bovhyria (Dissertation): Imperiale Ökonomien. Herrschaft, Handel und private Korporationen in Zentralasien, 1855-1925

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts rückte die Region Transkaspien in den Mittelpunkt des globalökonomischen Geschehens. Der Bau von transkontinentalen Schienen- und Kommunikationsverbindungen sowie die wirtschaftsräumliche Verdichtung verliehen diesem Transitland neue Bedeutung. Gleichwohl eröffnete der sukzessive Ausbau russischer Machtstellung in Zentralasien weitgehende Handlungsspielräume für industrielle Interessengruppen. 

Am Beispiel der kommerziellen Schifffahrt am Kaspischen Meer wird im Rahmen dieser Studie die Rolle von privaten Handelsgesellschaften auf deren imperiale Dimension analysiert. Die These, dass kaufmännische Firmen und Geschäftsleute nicht nur maßgeblich zur Ausgestaltung marktkapitalistischer Ordnungen an den Peripherien beitrugen, sondern auch als colonial contractors staatliche Machtansprüche zur Geltung brachten, bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung. Ein weiterer Aspekt des Forschungsvorhabens fragt nach den Ambivalenzen der angestoßenen Transformationsprozesse. Zwei zentrale Themen stehen dabei im Vordergrund: Neben den Aushandlungsprozessen um Ressourcen- und Landnutzung geht es hierbei vornehmlich darum, unter stärkerer Heranziehung von regionalen Quellen dem Wandel von lokalen Lebensentwürfen über die Zäsur von 1917 hinweg nachzuspüren. 

Robert Kindler: Der Staat in der Steppe. Eine Geschichte Kasachstans 

Das Buchprojekt verfolgt zwei miteinander verbundene Ziele. Einerseits geht es darum, eine problemorientierte Überblicksdarstellung der kasachstanischen Geschichte vorzulegen. Andererseits wird das Buch Antworten auf die Frage liefern, wie sich eine solche Geschichte heutzutage erzählen lässt. Die Geschichte Kasachstans wird deshalb nicht als artifizielle Nationalgeschichte entworfen, sondern in ihren vielfältigen Verflechtungen, Transfers und Konflikten verständlich gemacht. Der Fokus liegt dabei auf der Zeit vom frühen 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart  Die Geschichte der kasachischen Steppe ist in diesem Zeitraum stets auch eine Geschichte (post-)imperialer Herrschaftsbeziehungen und Auseinandersetzungen mit Russland bzw. der Sowjetunion.

Natasha Klimenko: The Masters of the New East: Art, Transregional Networks, and the New (Soviet) Person in Central Asia

Starting in the 1920s, Soviet elites in Central Asia were involved in imperial state-building programs. These campaigns included visual artists connected to avant-garde movements in the Russian metropoles of Moscow and Leningrad. Many of them had studied in Western Europe, and held connections to networks in Paris and Rome, among other cities. In Central Asia, artists, alongside other “experts”—such as ethnographers—founded institutions and associations. They contributed to knowledge about local populations and set up pathways between Western Europe, other Soviet capitals, and the Soviet Central Asian republics. This project investigates the networks, practices, and ideas of Soviet artists active in the Uzbek Soviet Socialist Republic in the first half of the 20th century. It looks at the stories of individuals in broader transregional and global contexts. The project asks: How did the art and concepts of the Soviet avant-garde contribute to identity-building in the Uzbek Republic, and what role did Soviet imperialism play? What changed in the shift from avant-garde art to Socialist Realism? What was the relationship of local actors to external artists and their networks? And how do histories of art and artistic practices in the region tie in with comparable global developments?

Aleksandr Korobeinikov: From the Land of Exile to the Land of the Future. Empires, Intellectuals, and Natural Resources in Yakutia, 1894–1930

The research project undertakes a comprehensive analysis of the dynamic shift in the role held by the Yakut (Sakha) region and its natural resources (primarily gold and furs), spanning the late Russian Empire through the nascent stages of the Soviet Union. Despite the prevailing perception of northeastern Siberia as a "land of exile" with limited industrial appeal, a convergence of privately funded and state-sponsored scientific expeditions engendered a wealth of knowledge concerning the region, consequently molding a distinct perception of its natural resource potential – resonating both within Yakutia and echoing through the corridors of influence in St. Petersburg and Moscow. Central to this study's assertion is the proposition that this knowledge not only empowered local Sakha intellectuals, who emerged on the 20th-century horizon, to initiate discussions about future development but also endowed them with the agency to fervently critique the persistent colonial governance paradigm prevalent in postimperial Yakutia. Navigating the intricate trajectory of regional resource utilization alongside intertwined themes of political subjectivity, ownership, and spatial orientation, this project culminates in an intricately woven narrative of the intensely contested process of decolonization.

Martin Wagner (Dissertation): Kollektive Disziplinierung. Die Transformation totalitärer Herrschaft nach Stalin und Mao

Totalitäre Regime können sich von innen heraus verändern und selbst mäßigen, sie können Gewalt und Willkür einhegen, die Allmacht des Einzelnen eingrenzen, und ihre Beziehung zu den Beherrschten neu begründen. Die poststalinistische Sowjetunion und das postmaoistische China sind zwei Beispiele dafür, wie der Terror aus dem Leben der Menschen verschwinden konnte, weil die Täter von einst nicht mehr in jener Ordnung leben wollten, an deren Schaffung sie selbst beteiligt gewesen waren. 

Mit dem Tod Stalins im März 1953 und Mao Zedongs im September 1976 kam der Massenterror an ein Ende, nicht aber die Systeme, in deren Namen die Führer Furcht und Schrecken verbreitet hatten. Wie konnten die Gefolgsleute Stalins und Maos der Gewalt ein Ende setzen, ohne das Herrschaftssystem zu verändern? Und wie gelang es den Nachfolgern der Tyrannen, untereinander Frieden zu halten?

Sowohl in der Sowjetunion als auch im China vollzog sich der Herrschaftswandel von der Alleinherrschaft zu einer autoritären Ordnung im Modus der Krisenbewältigung einer so genannten „kollektiven Führung“. Wie unterschieden sich die Antworten, die die Erben der Macht in der Sowjetunion und China auf diese Herausforderung fanden? Lernten Moskaus und Beijings Reformer voneinander, grenzten sie sich voneinander ab?

Martin Wagner (zusammen mit Sören Urbansky): China und Russland. Eine kurze Geschichte einer langen Beziehung

In vier Jahrhunderten Nachbarschaft haben die Beziehungen zwischen China und Russland viel Licht und Schatten gesehen. Die Zeit der Glücksmomente war kurz. Sie endete oft unverhofft. Russland und China waren einander dabei ein stetes Gegenüber; ein Gegenüber, dem sie sich – ganz gleich ob in Freundschaft, Gleichgültigkeit oder Feindschaft – nicht entziehen konnten. Denn als imperiale Großreiche, sozialistische Supermächte, autoritäre Gewaltregime glichen sie einander, verglichen einander, konkurrierten und kooperierten, waren in Annäherung getrennt, in Abgrenzung geeint.

Vom Jahr 1689, als sie die gemeinsame Territorialgrenze zogen, bis in die Gegenwart des Jahres 2022, als sie territoriale und symbolische Grenzen überschritten, verband Russland und China eine wechselvolle Geschichte. Diese Interaktion war stets mehr als die Summe außenpolitischer Entscheidungen und diplomatischer Vereinbarungen. Sie ist die Geschichte von Wahrnehmungen und Einflüssen, vom Abarbeiten „am Anderen“ und zuweilen der Übernahme ins Eigene.




Hier finden Sie eine Übersicht über die abgeschlossenen Dissertationsprojekte.

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Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften
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