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Oktober 2021

Lange nach der Schlacht (1995)

07.10.2021

Lange nach der Schlacht

Lange nach der Schlacht

Eduard Schreiber (geb. 1939) studierte Literaturwissenschaft und Publizistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und arbeitete als Assistent am dortigen Institut für Literarische Publizistik. Als promovierter Literaturwissenschaftler begann er im DEFA-Studio für Kurzfilme zunächst als Dramaturg und Szenarist zu arbeiten. Neben seinen Regiearbeiten von über 50 Dokumentarfilmen wurde Eduard Schreiber, der sich auch Radonitzer nennt, durch seine Arbeiten zur Filmtheorie und Filmgeschichte und als Nachdichter, Übersetzer von Poesie und Prosa sowie anderen Schriften aus dem Tschechischn ins Deutsche sowie als Herausgeber bekannt. In Tschechien ist er Mitglied der Künstlervereinigung „Q“.

Stiftung DEFA Filme: Eduard Schreiber – Regisseur, Drehbuchautor

DEFA: Zeitzeugengespräch mit Eduard Schreiber

Eduard Schreiber: Filmografie

 

Regine Kühn wurde 1941 in Torgau geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften in Moskau. Von 1966 bis 1969 arbeitete sie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Von 1969 an schreibt Regine Kühn Drehbücher und übersetzt zahlreiche literarische Werke aus dem Russischen ins Deutsche. 1994 erhielt sie den Deutschen Drehbuchpreis. Seit 2001 lehrt die Autorin und Übersetzerin an der HHF „Konrad Wolf" in Babelsberg.

Regine Kühn: Werke

Pressestimmen zum Film: 

  • „Einer Gruppe Frauen, die auf einem Markt nahe der Garnison protestieren, ist die Kamera hingegen mehr als willkommen. Sie protestieren dagegen, nach dem Abzug im Atom-Versuchsgelände Semipalantinsk in Kasachstan angesiedelt zu werden. Eine der Organisatorinnen des Protestes, Oksana Iwanowa, ist die erste Russin, die vor der Kamera aus ihrem Leben erzählt.“
  • „Auf der Feier zum Jahrestag der Oktoberrevolution im November 1991 läuft in einem kleinen Raum zeitgemäße elektronische Musik und ein paar Männer tanzen verloren durch den Raum. Die Stimmung zum Jahreswechsel 1991/2, der das Ende der Sowjetunion brachte, ist gedrückt. In den Gesprächen mit russischen Soldaten und ihren Angehörigen wird neben dem Blick zurück auf das Leben auch Kritik hörbar.“
  • „…Regisseur Eduard Schreiber zur Motivation, den Film zu drehen: ‚Ich bekam plötzlich das Gefühl, dass durch die Veränderung in den östlichen Gesellschaften diese Menschen ihre Biografien verloren. Wir alle machten vielfältige Erfahrungen. Ich hielt es in diesem Moment für wichtig, dass wir mit unserer Arbeit etwas von diesen Biografien bewahren und auch aufarbeiten’.“

Quelle: Zum 25. Jahrestag des Abzugs der sowjetischen Armee aus Deutschland zeigt das Kino Krokodil die Langzeitdokumentation Lange nach der Schlacht von Fabian Tietke. (taz, 22 Aug 2019)

 

  • „Vater und Sohn, beide Soldaten, der Vater singt zur Gitarre wehmuetig-stolz von Offiziersehre, der Sohn von Oede und Langeweile. Es wird gesoffen, zusammengraeumt, im Zeremoniell Abschied genommen, mit der alten sowjetischen und der neuen deutschen Nationalhymne auf scheusslich verstimmten Instrumenten.“ 
  • „Langsam aber sicher schaelt sich das Bild einer Symbiose heraus: die deutschen Kneipiers, Kurzwarenhaendler und Baecker sitzen auf dem Trockenen, das Gelaende wird zur Kirmes, ein Fellineskes Areal. Dazwischen aber immer die Gleichgueltigkeit der ersten Natur gegenueber der zweiten: dem Unkraut zwischen den Rissen auf der Landebahn, der Sonne zwischen den zerbrochenen Fensterscheiben, dem weissen Hund im Schlamm ist es egal, wer hier wohnt - und nur das sieht man, nicht das Drama selbst.“

Quelle: Das flimmernde Lebensrad, Zwei Langzeitdokumentationen im Forum: "Onkel Willy aus Golzow" und "Lange nach der Schlacht" - das reinste Kracauer-Kino von Mariam Niroumand. (taz, 20 Feb 1996)

 

„Mit langem Atem und sensiblem Gespür für die Seelenlage der plötzlich aus ihrer Bahn Geworfenen gelang es dem Film, eine Mauer des Schweigens und Misstrauens zu durchbrechen. Anders wäre es auch nicht möglich gewesen, Offiziere zu begleiten, die mit Mitte Vierzig in die südrussische Steppe abgeschoben wurden, in Baracken ohne fließendes Wasser, oder die ihr Geschick selbst in die Hand nahmen - wie jener Kulturoffizier, der nun als Müllsortierer in Bayern lebte. Schreiber und Kühn gelangen Bilder wie Zeitzeichen: Frauen, die die Armee ihrer Männer bestreikten, weil sie nicht in verseuchte Gebiete verfrachtet werden wollten. Oder die Gesichter russischer Soldaten, als ihre Kapelle zum ersten Mal das "Deutschlandlied" intoniert.“

Quelle: Bilder als Zeitzeichen von RALF SCHENK (Berliner Zeitung, 27 Aug 2009)

 

Ausschnitte aus dem Interview mit Erika Richter:

E.R.: Was war der Ausgangspunkt für euren Film?

R.K.: ...mein Leben lang (bin ich) durch Altes Lager durchgefahren (...), wenn ich zu meinen Eltern fuhr. Ich hatte das Gefühl, es handelt sich um eine Insel, die mich ungeheuer an russische Provinzstädte wie etwa Jaroslawl erinnerte. Zum Beispiel diese merkwürdigen handgemachten Gitter vor allen Läden, damit nicht eingebrochen wird. Der Ort hatte in seinem Äußeren nichts Deutsches mehr. Die grünen Zäune wurden später durch Betonzäune ersetzt. Da war es nur noch halb so schön.

(...)

E.R.: War das schwierig?

E.Sch.: Es war unbeschreiblich schwierig. Sie waren in ihren Denkstrukturen immer noch von ihrer Siegermentalität und dem ganzen militärischen Geheimniskram geprägt. Es ging nichts ohne eine Genehmigung vom Oberkommando der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf. Die hatten wir natürlich nicht. Die kriegten wir auch nicht so einfach. Obwohl wir ein Jahr lang immer wieder versuchten, endlich etwas Verbindliches in die Hand zu kriegen.

R.K: Die ganze Frauengeschichte zum Beispiel ist illegal gedreht. Wir trieben uns auf dem Markt herum. Da gab es eine aufgeregte Frauengruppe. Ich schlich mich hin und merkte, worum es ging: Sie sollten in das Atom-Versuchsgelände Semipalantinsk abgezogen werden. Sie wiederum sahen, dass wir mit einer Kamera dort waren, versprachen sich von uns Schutz, Öffentlichkeit. Sie dachten, wir seien von der ARD. Dann bekamen wir relativ schnell einen etwas intensiveren Kontakt zu Oksana, die ja eine der wichtigen Figuren in unserem Film ist. Oksana hatte Courage. Sie hat sich ständig mit uns getroffen, hat uns Informationen gegeben, was für sie gefährlich war.

E.Sch: …Da sind katastrophale Dinge zustande gekommen, die vielfach nicht der Wahrheit entsprachen. Aus dieser Erfahrung heraus war für sie, wenn sie eine Kamera sahen, erst einmal Schluß. Dasselbe traf übrigensauf die Deutschen in dem Ort zu. Schauergeschichten von Waffenhandel, von Schmuggel, von Rauschgift wurden erzählt. Wir mußten den Leuten immer wieder erklären, daß wir mit dem Fernsehen nichts zu tun haben, daß wir einen Kinofilm machen, daß wir aus dem Osten sind, daß wir drehen wollen, bis der letzte Russe weg ist und daß wir erst danach an die Öffentlichkeit gehen werden.

Quelle: Lange nach der Schlacht, Interview mit Erika Richter (26. internationales forum des jungen films berlin, 1996)