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Juli 2021

Szabadok (2019)

05.07.2021

szabadok

szabadok

Produktionsland: Ungarn

Jahr: 2019

Regie: Szilárd Bernáth

Kamera: Dávid Hartug

Musik: Dániel Dinyés

Sprachfassung: Ungarisch

Dauer: 17 Min

Genre: Musical/Drama


Das Grauen als Musical – eine Rezension zu Szilárd Bernáths „Szabadok“

„Du bist mein Schicksal, die Vitalität meiner Seele…“ Das sind die ersten Worte des Ohrwurms, der den Protagonisten von Szilárd Bernáths Szabadok (2019) nicht mehr loslassen will. In Bernáths Kurzfilm, der sich vor allem durch seine außergewöhnliche Inszenierung der Handlung auszeichnet, steht ein Mensch vor einer fürchterlichen Entscheidung.

Den Hintergrund der Handlung von Szabadok bildet das reale historische Ereignis des ungarischen Volksaufstands von 1956. Der Aufstand richtete sich gegen die sowjetische Besatzungsmacht und mündete in der Besetzung des Hauptquartiers der Staatsschutzbehörde und der Hinrichtung zahlreicher Geheimpolizisten durch die Aufständigen. Tóni, der Protagonist des Films, ist Büroangestellter der Staatsschutzbehörde. Da er im Aufstand viele seiner Freunde verlor, bietet er sich einer Truppe sowjetischer Soldaten auf dem Weg nach Budapest als Navigator an. Kurz darauf patrouilliert er die menschenleeren, vom Aufstand gezeichneten Straßen Budapests: allein, mit einer russischen Waffe und einem Lied, das er zu Beginn des Films mit seiner Tante am Klavier spielte und das ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Ein Lied, das sich zu einer surrealen Musical-Nummer ausweitet, als Tóni einen jugendlichen Widerstandskämpfer festhält und sich entscheiden muss: Richtet er ihn hin, wie es ihm aufgetragen wurde, oder lässt er ihn laufen?

Der Kurzfilmkombiniert zwei Filmgenres, die nicht zum ersten Mal zusammengeführt werden (etwa Soldier of Orange, Paul Verhoeven, 1977 oder Carmen Jones, Otto Preminger, 1954), im Fall von Szabadok aber auf sehr originelle Art und Weise: der Kriegsfilm und das Musical. Denn er inszeniert sich nicht durchgehend als ein Musical, ganz im Gegenteil: Die musikalische Einlage kommt unerwartet und wirkt verstörend, was sowohl dem Kontext der konkreten Szene, in die sie eingebunden wird, als auch dem inhaltlichen Kontext des Films im Allgemeinen und seiner sonst sehr düsteren, schweren Atmosphäre geschuldet ist. Szabadok ist ein Schwarz-Weiß-Film, der in seiner Ästhetik und Inszenierung vor allem an sowjetische Kriegsfilme wie Aufstieg (Voschoždenie, Larissa Šeptiko, 1977) oder Komm und Sieh (Idi i Smotri, Ėlem Klimov, 1985) anknüpft – Filme, die den Krieg nicht glorifizieren, sondern dessen Brutalität und das durch ihn verursachte Leid offenlegen: eine verfallene, vom Krieg gezeichnete Welt, Einschusslöcher in den Wänden und Leichen mit Schildern um den Hals. Ein im Gesicht verwundeter Protagonist. Eine Tante und KZ-Überlebende mit einer tätowierten Nummer am Unterarm. Leere Straßen, deren Bewohner den einsamen Kollaborateur voller Missmut von ihren Fenstern aus beobachten. In diesen Straßen trifft Tóni auf einen jungen Widerstandskämpfer, den er festhält. Als er diesen fasst, beginnt eine unerwartete, absurde Musical-Einlage, in der Tónis innerer Konflikt verhandelt wird. Diverse Figuren halten Tóni dazu an, sich für die Hinrichtung zu entscheiden, sie bauen sogar einen Galgen auf. Dabei sind sie immerzu am Tanzen und Singen, ebenso wie der Junge selbst.

Umso einschneidender ist der Kontrast, den die Musical-Einlage herstellt. Sie wurde durch das wiederkehrende musikalische Motiv in Form von Tónis Ohrwurm von Beginn an aufgebaut - im Englischen trägt der Film sogar den Titel „Earworm“. Die Tatsache, dass die Szene die klimatische Entscheidung des Protagonisten über Tanz, Gesang und einen geradezu unterhaltsamen Ton illustriert, dass sogar die Zivilisten, die zuvor aus ihren Fenstern sahen, an der Einlage teilnehmen, mittanzen und mitsingen, ist mit den Genrekonventionen des Musicals durchaus vereinbar. In Szabadok verhandelt und inszeniert sie einen inneren Gewissenskonflikt. Der Unterschied: Dieser Konflikt ist weder melodramatisch, noch steht er im Kontext einer eher banalen Handlung mit verschwindend relevantem historischem Hintergrund. Ganz im Gegenteil: Die düsteren, brutalen Umstände wie auch die bisherige Düsternis und Schwere der Inszenierung führen zu einem außergewöhnlichen Effekt: nicht unterhaltsam, sondern geradezu pervers erscheint das Tanzen, das Singen und der stark theatralisierte Prozess einer Erhängung. Verse wie „Werde zum Henker“, „Er ist ein verdammter Nazi“ und „Sein Leben spielt keine Rolle“ wirken umso erschütternder, wenn sie gesungen werden, manche sogar von dem kleinen Jungen selbst, dessen Leben auf dem Spiel steht. Und begonnen hat alles mit einem Ohrwurm, dessen erste Worte „Du bist mein Schicksal, die Vitalität meiner Seele“ sind, der sich als musikalisches Leitmotiv durch den gesamten Film zieht und in der Musical-Einlage seine Auflösung findet. Ein melancholisches Lied, das zu einer verstörenden Abhandlung eines Gewissenskonflikts verkommt. Eine Situation, deren Grausamkeit auf völlig widersprüchliche Art verhandelt wird. Und genau darin liegt die große Stärke dieser Inszenierung: die Absurdität und Tragik der Inszenierung spiegelt die Absurdität und Tragik der erzählten Situation und der ihr zugrundeliegenden historischen Ereignisse.

Szabadok geht mit einem so prominenten, gewagten Stilmittel ein hohes Risiko ein, schließlich kann die Inszenierung der drohenden Hinrichtung eines kleinen Jungen als musikalische Einlage durchaus abstoßend wirken. Genau das will sie aber erreichen: Es ist eine Entscheidung, die zumindest für die Zuschauer_innen eindeutig sein sollte: Natürlich soll der Junge am Leben bleiben. Doch die Perspektive Tónis, eines massiv indoktrinierten Mitarbeiters des Staatsschutzes, ist eine andere. Die Musical-Einlage inszeniert auch den Konflikt zwischen Tónis menschlicher Seite, seiner Moral und seines Gewissens versus die propagandistische Indoktrination, die in konkreten Sätzen ausgesprochen, oder eher: in konkreten Versen gesungen wird. Schließlich verfährt die politische Propaganda in ihrer Methodik nicht unähnlich, wenn sie sich entgegen menschlicher Moral inszeniert und dramatisiert, um Menschen in ihrem Denken und Handeln zu beeinflussen. Von einer Inszenierung des gefährlichen manipulativen Potentials politischer Propaganda kann bei Szabadok ebenfalls gesprochen werden.

Dabei bleibt Szabadok bis zum Ende ambivalent. Tónis Menschlichkeit setzt sich gegen Rachedrang und Nationalismus durch und dennoch kann diese Entwicklung den Jungen in der ausweglosen Kriegssituation nicht retten. Es ist die Vielschichtigkeit dieser Szene, die Szabadok zu einem außergewöhnlichen Kurzfilm macht. Der Film macht sich Genrekonventionen zunutze und spielt sie auf eine Weise aus, die einen Kontrast mit starkem emotionalem Eindruck schafft. Dennoch bleiben die Zuschauenden mit Fragen zurück. Weshalb erlebt Tóni dieses grausame Dilemma gerade in Form eines Musicals? Inwiefern ist die Musical-Einlage mit Tónis Perspektive vereinbar? Inszeniert sie einen außerhalb der Handlung stehenden Blickpunkt, der Tóni und uns Melodie und Tanz auferlegt? Ist es eine Halluzination oder der Versuch des Protagonisten, die Situation auf eine ihm nahe, vertraute Art zu verarbeiten? Szabadok zeigt schon zu Anfang, dass Tóni ein sehr gutes musikalisches Gehör hat, dass er Klavier spielt, dass der Ohrwurm ihm stark anhaftet und ihn einfach nicht mehr loslässt.

„Frei“ oder „Ich bin frei“ – so lässt sich der Titel „Szabadok“ übersetzen. Und tatsächlich ist es eine Befreiung in mehrdeutigem Sinn, die in diesem Kurzfilm im Zentrum der Handlung steht – ein ambivalenter Titel für einen sehr vielseitigen, originellen und beeindruckenden Film.


Der Text ist eine studentische Arbeit aus dem novinki-Seminar „Geschichtsbilder und Kriegsdarstellungen im (ost)europäischen Film“ (WS 2020/21).