Rezension 6

Rezension Nummer 6 vom 16.11.2003

Srećko M. Džaja: Die politische Realität des Jugoslawismus (1918-1991). Mit besonderer Berücksichtigung Bosnien-Herzegowinas (= Untersuchungen zur Gegenwartskunde Südosteuropas, Bd. 37). München: R. Oldenbourg Verlag 2002, 318 S., ISBN 3-486-56659-8, 39,80 €

 

Rezensiert von: Katja C. Schmidt (Berlin)

 

Zu den gegenwärtigen Versuchen, den Zerfall des jugoslawischen Staates wissenschaftlich zu erklären, leistet Srećko M. Džaja mit seinem Buch „Die politische Realität des Jugoslawismus (1918-1991). Mit besonderer Berücksichtigung Bosnien-Herzegowinas“ aus historischer Perspektive einen ambitionierten Beitrag. In drei Kapiteln zeichnet Džaja die Geschichte des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (1918-1941, ab 1929 offizielle Staatsbezeichnung Königreich Jugoslawien), der Zeit des Zweiten Weltkrieges (1941 bis 1945) und des kommunistischen Jugoslawien (1945 bis 1991) nach.

 

Das Ziel des aus Bosnien und Herzegowina stammenden und in Deutschland lebenden Historikers ist, Jugoslawien als politisches Phänomen transparenter zu machen. Dazu betrachtet der Autor zunächst den Jugoslawismus als diffuse Ideologie, richtet aber sein besonderes Augenmerk auf den Jugoslawismus in der politische Praxis – wie er sich im Ersten und im Zweiten Jugoslawien manifestierte. Džaja will in seiner Arbeit die Frage klären, ob Jugoslawien irgendwann ein stabiler, das heißt auf breitem Konsens errichteter Staat war, der eine radikale Desintegration erlebte, oder von jeher eine politische Fehlkonstruktion war, die unvermeidlich scheitern musste. Zudem sucht Džaja nach Kontinuitäten und Dis-kontinuitäten zwischen dem Ersten und dem Zweiten Jugoslawien.

 

Der Begriff „Jugoslawismus“ steht im 19. Jahrhundert für das Vorhaben einer kulturellen und politischen Vereinigung der – unter mehreren Fremdherrschaften lebenden - Südslawen. Die Gründung des jugoslawischen Staates 1918 erfolgt nach Džaja als praktische Umsetzung dieser Jugoslawismus-Vorstellung. Der Jugoslawismus findet seinen ersten praktischen Niederschlag, wie Džaja in einem ersten Unterkapitel darlegt, in einer Sprachregelung, die in allen Vereinigungsdokumenten zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen erscheint: In dem Syntagma „von einem dreinamigen Volk der Serben, Kroaten und Slowenen“. Wie dieses Syntagma verstanden und politisch umgesetzt werden sollte, was unter den Namen „Serben, Kroaten und Slowenen“ zu verstehen war (drei Völker oder nur drei Stämme eines einzigen Volkes), war der Hauptstreitpunkt sowohl bei der Gründung als auch bei der weiteren Gestaltung des jugoslawischen Staates.

 

Džaja macht deutlich, dass der Jugoslawismus ein vages Projekt war, das sich im Ersten Jugoslawien nicht verwirklichen ließ. Der Autor zeigt, wie sich föderalistische Vorstellungen von Jugoslawismus nicht gegen den „integralistischen“ Jugoslawismus großserbischer Prägung durchsetzen konnten. Dazu bietet der Autor neben einer Betrachtung der Entwicklung der Staatsverfassung und der Bildungspolitik, zwei sehr interessante Abhandlungen zur Entwicklung der politischen Parteien sowie der Kirchen und Religionsgemeinschaften im Ersten Jugoslawien. Herausragend ist Džajas Überblick über das ideologische und politische Umfeld der politischen Parteien im Ersten Jugoslawien. In diesem Zusammenhang geht der Autor auch auf die Vereinigungen ein, die sich als Sport- oder Kulturvereine definierten, aber nationalistische Ziele verfolgten, speziell die Sokol-Bewegung und die Četnik-Verbände. Džaja stellt dar, wie diese in die Rolle „außerparlamentarischer Parteiensubstitute“ schlüpfen und sich vor allem nach der Diktatureinführung 1929 durch König Aleksandar zu paramilitärischen Verbänden entwickeln. Džaja gelingt es, mit Hilfe dieser Ausführungen zu zeigen, dass sich der Jugoslawismus in der Gesellschaft (oder vielleicht besser den jugoslawischen Gesellschaften) des Ersten Jugoslawiens nicht verfestigen konnte. Alle genannten zivilgesellschaftlichen Formen – mit Ausnahme einiger weniger Parteien – organisierten sich nach nationalen Gesichtspunkten und offenbarten die tiefe Gespaltenheit des ersten jugoslawischen Staates.

 

„Das politische System des Ersten Jugoslawien endete auf eine paradoxistische Weise: durch die massenhafte Vernichtung der jugoslawischen Völker und Volksminderheiten im Namen der extremistischen Ideologien.“ (S. 73) Das Scheitern des politischen Systems des Ersten Jugoslawiens bedeutete aber nicht gleichzeitig ein Ende des jugoslawischen Staates und des Jugoslawismus als politisches Projekt. Der jugoslawische Staat blieb als völkerrechtliches Subjekt bestehen. Die Kommunisten integrierten die Idee des Jugoslawismus in ihr Gesellschafts-projekt. Das Syntagma vom „dreinamigen Volk“ findet nach Džaja im Zweiten Jugoslawien seine Entsprechung im Syntagma von „Brüderlichkeit und Einheit“, durch das alle existierenden Völker (narodi) und Minderheiten (in der sozialistischen Terminologie ab 1963 narodnosti also Völkerschaften) in einem föderalistisch, nach dem Modell der Sowjetunion organisierten Jugoslawien ihre politische Anerkennung erreichen sollen. Nach der neuen, kommunistischen jugoslawischen Idee sollten „Brüderlichkeit und Einheit“ schließlich in eine neue klassenlose Gesellschaft führen.

 

Im zweiten Kapitel zeichnet Džaja die Geschichte des Zweiten Jugoslawiens von der kommunistischen Revolution 1944/45 bis zum Staatszerfall 1991. Nachdem der Autor die langsame Erosion von gesellschaftlichem Pluralismus während der ersten Jahre des Zweiten Jugoslawiens hervorragend beschreibt, setzt er seine interessanten Betrachtungen der zivilgesellschaftlichen Organisationsformen aus dem ersten Kapitel leider nicht fort. Nicht zuletzt weil nichtstaatliche Kulturorganisationen im Zweiten Jugoslawien selten waren und hauptsächlich in der unmittelbaren Nachkriegsphase und während der Niedergangsphase des Staates existierten. Džaja geht auch nicht näher auf halbautonome Kulturinstitutionen wie die zahlreichen Akademien der Wissenschaften oder der Schriftstellerverbände ein, die in den 1980er Jahren eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung des Nationalismus spielen sollten.

 

Es gelingt Džaja jedoch zu zeigen, dass der vorläufige Wirtschaftserfolg und der oberflächliche politisch-soziale Wandel nach dem Bruch mit Stalin nicht zu einer Stabilisierung, sondern vielmehr zur Verschärfung der Krise sowohl innerhalb der Partei als auch innerhalb der jugoslawischen Gesellschaften führt. Die Kollision von Zentralismusbefürwortern und Zentralismusgegnern auf beiden Ebenen war das grundsätzliche Dilemma, das im Vielvölkerstaat Jugoslawien nie überwunden werden konnte und das – nach Džaja – auch zu dessen Scheitern führen musste. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass beide jugoslawische Staaten ideologische Projekte waren, die nicht auf einem überprüften Konsens der Bevölkerung basierten, sondern mit überwiegend repressiven Mitteln errichtet und am Leben gehalten wurden.

 

Im dritten Kapitel „Bosnien und Herzegowina im Jugoslawischen Staat“ werden bereits gewonnene Erkenntnisse aus den ersten beiden Kapiteln wiederholt. Erneut im Ersten Jugoslawien beginnend, zeigt Džaja nun detaillierter wie sich die unterschiedlich gelagerten Interessen der „Kommunitäten“ (S. 159) Bosnien und Herzegowinas nicht nur im politischen Parteienspektrum, sondern auch in den Kulturvereinen spiegelten. Die serbische Prosvjeta, der kroatische Napredak, der muslimische Gajret und die muslimische Narodna Uzdanica sowie die jüdische Benevolencia werden dabei von Džaja in ihrer historischen Entwicklung vorgestellt. Auch die Probleme der bosnisch-herzegowinischen Kirchen und Religions-gemeinschaften im Kommunismus stellt Džaja dar und fügt jeweils eine Ausarbeitung zu den katholischen und serbisch-orthodoxen Priestervereinen sowie der Vereinigung der islamischen Geistlichkeit an. In einem Abschnitt, der insbesondere den Problemen der Muslime bei ihrer Nationwerdung gewidmet ist, stellt Džaja eine Verknüpfung zu den ideologischen Unsicherheiten der Kommunisten im Umgang mit den Muslimen und beim Ausgleichen von serbischen und kroatischen Interessen in Bosnien und Herzegowina her.

 

In der abschließenden Beantwortung der Frage, ob Jugoslawien irgendwann ein stabiler, das heißt auf breitem Konsens errichteter Staat war, der eine radikale Desintegration erlebte, oder von jeher eine politische Fehlkonstruktion war, die unvermeidlich scheitern musste, kommt Džaja in seiner Zusammenfassung abschließend zu folgender Feststellung: „Das jugoslawische Paket wurde zweimal zu schnell, ohne oder nur durch scheinbar demokratische Prozeduren zusammengeschnürt. Die Folgen sind bekannt.“ (S. 272) Die Methoden der Herrschenden zur Aufrechterhaltung der beiden jugoslawischen Staaten – mit ihrem jeweils unterschiedlich ausgelegten Jugoslawismus – haben, dem Autor zufolge, dem Staat zahlreiche Gegner geschaffen und ihn so letztendlich ins Chaos gestürzt. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass die Machterhaltungsmethoden ihrer Diktatoren in vielen anderen Staaten Ost- und Südosteuropas auch nicht zum Staatszerfall geführt haben. Weniger die Herrschaftsmethoden allein, als die nicht wahrgenommene Legitimität der staatlichen Existenz unter der Bevölkerung, dürfte das Ende Jugoslawien besiegelt haben.

 

Džaja hat ein hochinformatives Buch verfaßt. Seine Detailkenntnis beweist der Autor vor allem in über tausend Fußnoten – die wenigen Verweisfehler seien ihm nachgesehen. Džaja bietet eine Reihe aussagekräftiger Tabellen und Auflistungen zur Illustration seiner Aussagen sowie im Anhang mehrere aufschlussreiche Karten zur territorialen Entwicklung des heutigen Bosnien und Herzegowinas. Zudem verfügt das Buch über eine reichhaltige und interessant gegliederte Bibliographie, die eine nähere Betrachtung allemal wert ist.

 

In seiner Studie verfolgt Džaja bisweilen zwei widersprüchliche Ziele: Zum einen versucht er, eine Geschichte des politischen Projekts „Jugoslawismus“ zu schreiben, um auf diese Weise den Zerfall Jugoslawiens zu erklären. Zum anderen will der Autor durch die Untersuchung der zivilgesellschaftlichen Organisationen (hauptsächlich im Ersten Jugoslawien) Lücken in der Geschichtsschreibung Jugoslawiens und Bosnien und Herzegowinas schließen. Dieser Anspruch geht zu Lasten einer klareren Struktur.

 

Deshalb wirkt die Gliederung des Buches etwas unglücklich: Zunächst stellt Džaja die sozio-politische Geschichte Jugoslawiens in ihrer Verflechtung mit dem Jugoslawismus – im ersten Kapitel weniger, im zweiten Kapitel stärker – chronologisch dar. Das dritte Kapitel über Bosnien und Herzegowina erschient in der Folge als Anhängsel, in dem gefundene Ergebnisse der beiden vorangehenden Kapitel in einer chronologischen Schleife noch einmal durchexerziert werden. Zur Lesbarkeit des Buches hätte beigetragen, wenn der Autor das Fallbeispiel Bosnien und Herzegowina in die ersten beiden Kapitel eingearbeitet hätte, um seine Argumentation exemplarisch zu stützen. Auch wenn Džaja in einigen Unterkapiteln kaum mehr die Verbindung zu seinen eingangs gestellten Fragen herausarbeitet, gelingt es ihm in der Zusammenfassung am Ende des Buches alle Fäden wieder aufzunehmen und zu einem thesenartigen Überblick zusammenzuknüpfen (S. 263 bis 272). Trotz der genannten strukturellen Schwächen ist Džaja eine interessante und lesenswerte Geschichte Jugoslawiens im Spiegel des Jugoslawismus gelungen.

 

Katja C. Schmidt

 

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