Rezension 47

Rezension Nr. 47 vom 22.11.2006

Duchhardt, Heinz; Németh, István (Hg.):
Der Europa-Gedanke in Ungarn und Deutschland in der Zwischenkriegszeit
(= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz; Abteilung für Universalgeschichte; Beiheft 66).
Mainz: Verlag Philipp von Zabern, 2005; 172 (+ X) Seiten; ISBN 3-8053-3591-1; Euro 29,90.-

 

 

So zurückhaltend wie der Titel des Bandes klingt die Ankündigung der Herausgeber, „Schneisen“ schlagen zu wollen „in politische Aktivitäten und [...] Schrifttum“ (S. X), die in Deutschland und Ungarn in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg den Gedanken der Vereinigten Staaten von Europa populär zu machen suchten. „Europa“ im Vorfeld der großen Politik ist mittlerweile ein gängiges Thema der historischen Forschung. Dennoch erscheint der vorliegende Band, aus einer Budapester Konferenz von 2004 und vor dem Hintergrund zweier Quelleneditionen der beiden Herausgeber(1) entstanden, aus gutem Grund. Denn bis vor Kurzem war die deutsche Europaforschung sehr auf die deutsch-französischen Beziehungen fixiert und ignorierte den Osten und den Südosten des Kontinents weitgehend.(2) Da dies u.a. an den Sprachbarrieren liegt, wird auch hier der Leser gewarnt, dass „ein komparatistischer oder auch nur beziehungsgeschichtlicher Zugriff“ (S. VII) nicht zu erwarten sei und die Autoren „im allgemeinen den ihnen jeweils besonders vertrauten nationalen Untersuchungsfeldern verhaftet“ (ebd.) bleiben würden.

Dem entgegen verfolgt Heinz Duchhardt (S. 1-5) im ersten der – grob chronologisch geordneten – Beiträge den Kolonialdiskurs in Deutschland und Ungarn während des Ersten Weltkrieges in durchaus vergleichender Absicht. Dass in der von ihm analysierten Schrift Lajos Csérys, eines durch Müllentsorgung reich gewordenen ungarischen Unternehmers, Anfang 1915 die Errichtung eines ungarischen Kolonialreichs in Afrika mit derselben gelassenen Selbstverständlichkeit gefordert wurde, wie im imperialistischen Deutschland, mag bizarr scheinen. Dass die jeweiligen Diskurse (hier der Kolonialdiskurs) nicht nur vergleichbar sind, sondern sich direkt aufeinander beziehen, wird in Duchhardts Beitrag klar deutlich.

Nur mit etwas Mühe lässt sich Ma?gorzata Morawiec’ Untersuchung polnischer Föderationskonzepte (S. 7-20) unter den Titel des Bandes einordnen. Ihr Beispiel ist eine 1920 neu aufgelegten Schrift Stanis?aw Worcells von 1849 unter dem Titel „Polen und Ungarn“. Worcell legte dar, wie die „Völkergemeinschaft“ (S. 15) von Polen und Ungarn gerade zu Zeiten ihrer Gefährdung zusammenhalten müsse und berief sich dabei auf die engen Beziehungen beider Königreiche im Mittelalter. Die Schrift stehe stellvertretend für eine polnische Publizistik der frühen 1920er Jahre, in der die Idee einer mittelosteuropäischen – gegen Deutschland und die Sowjetunion gerichteten – Föderation (unter polnischer Führung) Allgemeingut war. Hier wurden, das ist das Besondere an der Quelle, historisch-staatsrechtliche Kriterien zur Begründung einer regionalen Föderation geltend gemacht, nicht kulturelle Gemeinsamkeiten. Panslawismus war für Worcell somit „Politik der Philologen“ (S. 20). Die „Europäizität“ (S. 7) des Textes bestand offensichtlich darin, dass er die Regeln supranationaler, prinzipiell auf ganz Europa ausdehnbarer Föderationsbildung diskutiert.

Die mit Ungarn befassten Beiträge von István Németh und Andrea Tuli sind eine Stärke des Bandes. Nicht nur ihrer Gegenstände wegen, sondern weil sie ungarische Quellen und Forschungsliteratur dem deutschen Publikum zugänglich machen. Németh (S. 71-98) zeichnet die „mitteleuropäische Alternative“ (S. 71) nach, die der ungarische Ökonom Elemér Hantos in den 1920er und 1930er Jahren entwickelt. Angesichts der „Balkanisierung“ des europäischen Wirtschaftsraumes schienen wirtschaftlicher Zusammenschluss und Zollunion in Europa unabdingbar. Dabei betonte Hantos, dass nicht nur die Ökonomie, sondern auch die europäische Kultur „nach ehebaldiger Zusammenfassung dräng[e]“ (S. 86). Nur hielt er als Pragmatiker die Wirtschaftspolitik für den naheliegenderen Ansatzpunkt, da dort die Defizite am sichtbarsten und die Vorteile für die Massen am deutlichsten erkennbar wären. Hantos’ Wirtschaftsprogramm war ein „mitteleuropäisches“, insofern es zunächst die Restauration des Österreich-Ungarischen Wirtschaftsraums vorsieht. Die Absicht war klar: Dem Drängen der deutschen Außenwirtschaftspolitik nach Südosten sollte ein Riegel vorgeschoben werden. Drum sah Hantos sich einer dauerhaften Obstruktion seiner Vorschläge durch Parteigänger einer Lösung unter Einbeziehung Deutschlands gegenüber – etwa auf dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag. Auch deshalb konnte er trotz seines Publikationsfleißes, vieler Kongressauftritte und des Engagements in der Paneuropa-Union wenig zugunsten einer regionalen Wirtschaftsunion bewirken.

Andrea Tulis Beitrag zu der sonst nur in ungarischer Sprache behandelten(3) ungarischen Sektion der Paneuropa-Union (S. 47-70) ist deshalb von besonderem Interesse, weil der guten Forschungslage zu den Aktivitäten des Paneuropa-Gründers Coudenhove-Kalergi bislang kaum Regional- oder Lokalstudien gegenüberstehen. Die 1926 gegründete Sektion – ein völlig eigenständiger Verein – war mit den besonderen Bedingungen der ungarischen Politik der 1920er und 1930er Jahre konfrontiert: Dem absoluten Primat der Revision von „Trianon“ gegenüber konnte sie wegen ihrer Forderung nach Anerkennung der europäischen Staatsgrenzen das Stigma der „Verräter“ nicht abschütteln. In dieser generell feindseligen Umgebung, von der offiziellen Politik weitgehend ignoriert, begann die Sektion um die führenden Köpfe Antal Rainprecht, György Lukács und Pál Auer Mitte der 1920er Jahre einen regen Betrieb als kulturelle Organisation: Tuli beschreibt Lesungen, Rednertausch, Bibliothek und regelmäßige Kaffeehaustreffen als typisches Bild bürgerlichen Vereinslebens, wie es vor allem die liberale und demokratische Intelligenz ansprach. Der Zugang zu den Vorhöfen der Macht, zu Abgeordneten und Ministerialbeamten, auflagenstarken Zeitungen und den Geldtöpfen der Industrie, sonst die Charakteristika von Lobbyarbeit im Namen „Europas“, blieb hier aber verwehrt. Die ungarische Sektion teilte den Konjunkturzyklus der (Pan-)Europabewegungen der Zwischenkriegszeit: Mitte der 1920er Jahre mit großem Presseecho gestartet, verloren ihre Aktivitäten in Folge des Scheiterns des Briand-Memorandums Anfang der 1930er Jahre an Dynamik. Im folgenden Strudel aus Wirtschaftskrise und politischer Radikalisierung verloren sich ihre Spuren 1937.

Für das deutsche Untersuchungsfeld beschreibt Jürgen Elvert „Mitteleuropa“ als politisches Konzept der nationalkonservativen Publizistik der Weimarer Republik (S. 127-142). Die Mitteleuropa-Publizistik hat der Autor selbst bereits ausführlich dargestellt.(4) In diesem Essay erprobt er jedoch eine quantitative medienhistorische Herangehensweise, das Ausloten einer „potentielle[n] Wirkungsmächtigkeit“ (S. 139) der publizierten Schriften im Deutschland der Weimarer Republik, und weist damit der oft praktizierten Zeitschriftenanalyse einen Weg, ihre gesellschaftshistorische Relevanz zu zeigen. Da Elvert die hohe Dichte „mitteleuropäischer“ Themen in einigen konservativ-revolutionären Organen belegen kann, und sich die durchschnittliche Gesamtauflage von 191 von ihm als solche eingestuften Zeitschriften auf über 1,8 Millionen addieren lässt, nimmt es nicht Wunder, dass die Ordnungsvorstellungen dieser Publizistenkreise in die breite Masse wirken konnten, nachweisbar auch auf sozialdemokratisches oder liberales Klientel. Diese „Meinungsmacher“ (S. 142) hätten damit nicht zuletzt der nationalsozialistischen Außenpolitik der 1930er Jahre erfolgreich das Feld geebnet.

Boris Schildmar schildert die „Bedeutung des Europadiskurses als Element der Widerstandsarbeit im deutschen Exil“ (S. 143-165). Für die Zeit bis 1938 konstatiert Schildmar ein „relatives Schweigen“. Danach, infolge der sich beschleunigendenden internationalen Entwicklung von Zweitem Weltkrieg und heraufziehender Systemkonfrontation, entwickelte das politische deutsche Exil eine rege Publikationstätigkeit, in der aufeinander folgend Freiheit und Demokratie als „europäische“ Werte, dann, in Folge des Kriegseintritts der USA, die weltpolitische Positionierung Europas gegen Ost und West, und schließlich die institutionelle Ausgestaltung des künftig vereinten Europas thematisiert wurde. Dass bis Kriegsausbruch der nationalsozialistischen Propaganda keine zugkräftigen Europa-Entwürfe entgegengesetzt wurden, erkläre sich aus der persönlichen Not der Emigranten, der Erwartung einer baldigen Heimkehr, aber auch mit den „politischen Alternativen der historisch verankerten Universalideologien“ (S. 164).

Zwei Beiträge widmen sich österreichisch-habsburgischen Gegenständen. Ina Ulrike Paul untersucht die konkurrierenden „Europaprojekte“ zweier „alt-österreichisch“ sozialisierter Europa-Lobbyisten, des Grafen Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, Gründer der Paneuropa-Union, und seines Gegenspielers Karl Anton Prinz Rohan (S. 21-45). Beide widmeten sich seit Anfang der 1920er Jahre der Propaganda der Vereinigten Staaten von Europa. Mit der Paneuropa-Union, respektive dem Verband für kulturelle Zusammenarbeit, sowie den Zeitschriften „Paneuropa“ und „Europäische Revue“ gelang es ihnen, ihre jeweiligen Bewegungen zu institutionalisieren. Während Coudenhove die Kriegszeit im amerikanischen Exil verbrachte, desavouierte sich allerdings sein Kontrahent Rohan, indem er sich den neuen Machthabern „im Reich“ allzu geflissentlich andiente. Anhand der Schriften der Leitfiguren und der Texte der beiden Zeitschriften analysiert Paul die politischen Positionen der beiden „Lager“ (die persönliche Antipathie der „Platzhirsche“ hinderte im Übrigen eine große Zahl zeitgenössischer Publizisten nicht daran, für beide zu schreiben). Coudenhove propagierte, im Laufe der Jahre nur unwesentlich modifiziert, die 1922 in dem Bestseller „Paneuropa“ geforderte „friedliche, auf Konsens, Gleichberechtigung und Toleranz gegenüber jeglicher Staatsform gegründete föderale Einigung der demokratischen Staaten Kontinentaleuropas“ (S. 26). Seine Zeitschrift diente ihm als Propagandaorgan, dessen Seiten er zum größten Teil selbst füllt. Anders Rohans Unternehmung: dass die „Europäische Revue“ zumindest zeitweilig als von renommierten Autoren bestückte Diskussionsplattform fungierte lag hier eher an einem Mangel an Programm: Keine „blutleere Theorie“ (S. 28) wollte man propagieren, sondern in der Diskussion der Eliten Europas das Wesen desselben ausloten. Rohans eigene Schriften waren von einer Mischung aus Abendland-Rhetorik und Faszination vom italienischen Faschismus gekennzeichnet. Er pflegte einen kulturellen Europabegriff, der – ganz Ideengut der „Konservativen Revolution“ – durch die europäischen Eliten, besonders die Jugend, und gegen den westlichen Parlamentarismus verwirklicht werden sollte. Dass von dort der Weg zur großdeutsch-nationalen NS-Vorkriegs-Propaganda nicht weit war, diese sich mit Coudenhove-Kalergis „globaler Perspektive“ (S. 44) und seinem Beharren auf der Staatenordnung der Pariser Vorortverträge jedoch nicht vereinbaren ließ, zeigt Paul detailliert.

Róbert Fiziker beschreibt die „Donaukonföderationspläne der österreichischen Legitimisten“ (S. 99-125). In der Perspektive dieser Gruppe machen zunächst Dynastie und Religion der Nation den Rang als erste Identitätskategorie streitig: Beim ersten Restaurationsversuch Karls stand eine explizit katholische Reichsvision Pate. Die Monarchie galt dabei als Gegenmittel zu den Defiziten der neuen Nationalstaaten, die eigentlich keine waren. Nach Vorstellungen des vom Kaiserhaus anerkannten „Reichsbundes der Österreicher“ hatte die jetzt verschiedenerseits angestrebte Völkergemeinschaft in Mittel- und Südosteuropa zu Zeiten der Monarchie bereits bestanden – eine „geographische und ethnopolitische Lebens- und Friedensnotwendigkeit für alle Beteiligten“ (S. 108). In den 1930er Jahren wurde sowohl in Ungarn als auch in Österreich die Reichs- und Dynastieidee mit der Nation versöhnt. Österreich wurde jetzt „als deutscher Stamm und Vertreter des besseren Deutschtums definiert“ (S. 109). Im Ständestaat schließlich setzte sich in Österreich jene Richtung der Legitimisten durch, die aus Furcht von dem Anschluss lieber ein eigenes, monarchisches Österreich wünschte, als die offensichtlich vorerst unmögliche Restauration eines Vielvölkerreiches.

Nicht nur in diesen beiden Aufsätzen ist der „habsburgische“ Hintergrund der beschriebenen Projekte deutlicher als die nationalstaatliche Norm der Lebensrealität der Zeitgenossen. Die Ortsangabe des Titels wird mit „Deutschland und Ungarn“ den Beiträgen des Bandes nicht gerecht – der „Europa-Gedanke“ scheint sich um Staatsbezeichnungen nicht zu kümmern. Ein Befund, der unmittelbar zur Frage nach der Qualität desselben führt: Was ist der im Titel genannte „Europa-Gedanke“ eigentlich? Ein politisches Programm? Ein Identifikationsangebot? Dazu hätte man gerne mehr erfahren. Dass dieser Punkt im Unklaren bleibt, hat mit der Vielfalt der angekündigten „Schneisen“ zu tun: Die methodischen Zugriffe auf das Thema sind sehr unterschiedlich: Neben intensiver Textexegese (Morawiec) und breiter Presseanalyse (Elvert) stehen organisationsgeschichtliche (Tuli) oder biografisch strukturierte Analyseansätze (Paul, Németh). Das steht einem vergleichenden Blick auf diese Kernfrage der historischen Europaforschung wohl mehr im Weg als der Umstand der Sprachbarrieren. Andererseits bietet der Band damit einen repräsentativen Überblick über die gängigen Methoden dieser Forschungsrichtung. Und er demonstriert die Reichhaltigkeit des Themenangebot, auch jenseits des weitgehend aufgearbeiteten deutsch-französischen Bereichs.

 

Rezensiert von Nils Müller (nilsmuller@web.de).

 

(1) Borodziej, Wlodzimierz; Duchhardt, Heinz; Morawiec, Ma?gorzata; Romsics, Ignác (Hrsg.): Option Europa. Der deutsche, polnische und ungarische Europa-Diskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, 3 Bde., Göttingen 2005; Németh, István (Hrsg.): Europá-tervek 1300-1945. Visszapillantás a jöv?be [Europapläne 1300-1945. Rückblick in die Zukunft], Budapest 2001.

(2) Duchhardt, Heinz: Europa-Diskurs und Europa-Forschung, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 1 (2000), 1-14; Ders.: Die Ausformung des Europagedankens auf dem Balkan, Bonn ²2003.

(3) Kiss, Henrietta: A Páneurópa-szekció Magyarorszagon (1926-1932) [Die Paneuropa-Sektion in Ungarn (1926-1932)], in: Valóság 46 (2003), 4 [http://www.valosagonline.hu/index.php?oldal=cikk&cazon=63&lap=0].

(4) Elvert, Jürgen: Mitteleuropa! Deutsche Pläne zur europäischen Neuordnung (1918-1945), Stuttgart 1999.

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