Rezension 44

Rezension Nummer 44 vom 01.06.2006

 

Janine Dahinden: Prishtina – Schlieren. Albanische Migrationsnetzwerke im transnationalen Raum. Zürich: Seismo-Verlag, 2005. ISBN 3-03777-035-X; 355 Seiten, Euro 32,70.-

 

Rezensiert von: Georgia Kretsi (Berlin)

 

Zumindest für Südosteuropakundige dürfte das Thema „Albanische Migrantinnen und Migranten“ in der Schweiz ungewollt zu Assoziationen führen, die auf die Verbindung zwischen den politischen Bewegungen der Kosovo-Albaner und schweizerischen Netzwerken sowie der Finanzierung des Kosovo-Kriegs über Schweizer Banken hinauslaufen. Solchen Assoziationen schenkt jedoch das Buch von Janine Dahinden „Prishtina – Schlieren Albanische Migrationsnetzwerke im transnationalen Raum“ keine Beachtung. Vielmehr gründet ihr Forschungsanliegen – von einer schweizerischen Innensicht aus – auf der Tatsache, dass die albanische Wanderung in die Schweiz eine längere Geschichte aufweist und dass Albaner/innen in der Schweiz eine der zahlenmäßig wichtigsten wie auch am stärksten stigmatisierten Einwanderergruppen bilden.

Empfehlenswert ist die Lektüre des Buchs für Migrationsforschende aus dem deutschen Raum auch daher, da Deutschland und die Schweiz Ähnlichkeiten in ihrer „Gastarbeiter-“ bzw. „Saisonniers“-Politik aufweisen. In beiden Ländern basierten die rechtlichen Prämissen für Arbeitsmigration auf deren temporären Charakter, den diese theoretisch annehmen sollte. In der Praxis verlief sie in beiden Fällen anders. Sowohl Form als auch Intensität der Einwanderung änderten sich im Zeichen der politischen Instabilität in Jugoslawien seit den 1980er Jahren zunehmend. Der verstärkte Emigrationsdruck aus diesem Gebiet sollte jedoch – ähnlich wie in Deutschland – auf eine veränderte Immigrationspolitik der Schweiz stoßen, die keine Arbeitskräfte mehr aus diesem Gebiet rekrutieren wollte. Die Einführung der Visumpflicht für Bürger/innen der BR Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre spitzte die Situation für diese Migrant/innen zu. Wie prekär sich deren soziale Lagen gestalten, kann an den Strukturen ihrer sozialen Beziehungen – wie speziell in dem besprochenen Buch deutlich wird – sprichwörtlich abgelesen werden.

Rückt man vom konkreten Fallbeispiel ab, steht im Zentrum der ursprünglich als Dissertation verfassten Studie die beeindruckende Analyse der Rolle von sozialen Netzwerken bei Migrationsentscheidungen, bei der Ausformung und Funktion von migrationsspezifischen Unterstützungssystemen und bei der Wiedereingliederung der Rückkehrer/innen. Es geht in diesem Werk um eine umfassende Analyse unter handlungstheoretischen Gesichtspunkten der persönlichen sozialen Netzwerke albanischer Migrant/innen in der Schweiz aus verschiedenen Orten des ehemaligen Jugoslawiens und der entsprechenden Rückkehrer/innen.

Das Buch ist in drei größere Einheiten unterteilt: in eine theoretische Auseinandersetzung mit der Rolle von Netzwerken im Migrationsgeschehen, in die kritische Darstellung von Erkenntnissen aus der Methode der Netzwerkanalyse innerhalb der Migrationsforschung und in die empirische Analyse der sozialen Netzwerke von albanischen Migrant/innen in der Schweiz und der Rückkehrer/innen (aus der Schweiz und aus Deutschland).

Entgegen den Erwartungen, in einer ethnologischen Arbeit eine ausführliche Darstellung der Mikro-Ebene und der Akteursperspektive in Form von Interviews, alltagsspezifischen Handlungen und Interpretationen vorzufinden, hat die Autorin eine Studie vorgelegt, die stark auf Modelle von Beziehungen ausgerichtet ist. Dadurch büßt sie einiges an Unterhaltsamkeit und auch an Überzeugungskraft ein, wenn sie von der Qualität von Beziehungen („stark“, „schwach“, „intensiv“ etc.) spricht oder auch wenn sie die Rolle von bestimmten sozialen Beziehungen (wie etwa zu Brüdern bzw. Müttern) zu beschreiben versucht. Das wertvolle Forschungsmaterial kommt nicht immer zur Geltung, stattdessen werden wiederholt die Ergebnisse der Analyse präsentiert und theoretisch eingebunden. Im Gegensatz dazu muss jedoch hervorgehoben werden, dass im Kapitel zu den Rückkehrer/innen, das die Autorin anhand von Fallbeispielen von einzelnen Migrant/innen und deren Netzwerke aufbaut, die Überzeugungskraft ihres durch die Netzwerkmethode erhobenen Materials voll entfaltet wird. Damit wird die Verflechtung von sozialen Beziehungsnetzwerken in aller Breite aufgezeigt und in den konkreten politischen und sozialen Kontext eingebettet.

Ein besonderer Erkenntnisgewinn dieses Buches liegt in der Einlösung der Aufgabe, migrationsrelevante Netzwerke zu beschreiben und konkrete Handlungen von Akteur/innen in Verbindung mit Netzwerkstrukturen zu erklären. Besonders anschaulich und detailliert präsentiert die Autorin die Theorie der Netzwerke und verbindet diese in kompetenter Weise mit verschiedenen Migrationstheorien (Multikulturalismus, Ethnisierungstheorie etc.). Ihre handlungstheoretischen Grundlagen basieren auf Bourdieu’schen Ansätzen von sozialem Kapital und Habitus. Das Habitus-Konzept verortet sich – wie auch soziale Netzwerke selbst – in der Mesoebene zwischen Praxis und Struktur und kann laut Meinung der Autorin daher Handlungsmöglichkeiten und -schranken der Akteur/innen innerhalb solcher Netzwerke besser aufzeigen.

Mit Konsequenz verfolgt die Autorin in ihrer empirischen Darstellung die in Kapitel 3 vorgestellten Konzepte der Netzwerkforschung: Es geht dabei um Form und Intensität von Netzwerken (Dichte und Multiplexität), um die von Mark Granovetter vertretene These der Stärke schwacher Beziehungen, um das Konzept der „strukturellen Löcher und Brückenbeziehungen“ (Roland Burt) innerhalb von Netzwerken, um die Differenzierung von (negativem/positivem) sozialem Kapital (Alejandro Portes) innerhalb der Netzwerke sowie um kulturelle Bedeutungssysteme. Angefangen vom letzten Aspekt lehnt die Autorin ihren Kulturbegriff an Clifford Geertz an, der Kultur als ein „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“ definiert hat. Hiermit begibt sich Janine Dahinden in eine Gratwanderung zwischen entgegengesetzten Theoriekonzepten, die einerseits für die Subjektivität kultureller Deutungen (Geertz), andererseits für die funktionale Rolle von Kultur in der Reproduktion von Strukturen (Bourdieu) stehen. Hierin sieht die Autorin auch ihre theoretische Herausforderung, nämlich innerhalb der Netzwerkanalyse die Reproduktionstheorie von Bourdieu in eine Theorie des sozialen Wandels überzuführen (83). Sie verspricht, dorthin zu gelangen, indem sie auf der Ebene kultureller Ordnungen Wandlungsprozesse nachzeichnet. Innovatives und strategisches Handeln sind Begriffe, die sie bei diesem Unterfangen einsetzt – parallel zum Geertz’schen Kulturbegriff –, um das reflexive und vielsagende Agieren der Akteur/innen zu erfassen.

Aus dieser selbstgestellten theoretischen Aufgabe lässt sich auch der wichtigste Kritikpunkt an dieser Arbeit ableiten. Denn das „selbstgesponnene Gewebe“ kommt im Buch kaum zur Sprache, die Akteur/innen scheinen sich meistens hinter Zahlen und Kategorien (Mann-Frau, Freund-Verwandte etc.) der Befragungen zu verstecken, ohne dass ihre Selbstdarstellungen und Handlungsdeutungen dargelegt werden. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Feldforschungsrahmen, der Kontext des Alltagslebens der Akteur/innen und die Rolle der Forscherin unbeleuchtet bleiben (die Leser/innenschaft erfährt z. B. zu keinem Zeitpunkt, ob die Gespräche auf Deutsch oder Albanisch, mit oder ohne Übersetzer/in stattfanden; die Analyse wird durch keine Feldbeobachtungen ergänzt etc.). Ein grundsätzlicheres Problem in diesem Zusammenhang scheinen die aus der einschlägigen Fachliteratur übernommenen „kulturellen Muster“ darzustellen, welche als Vergleichsparameter zu den aus eigener Forschung ermittelten Ergebnissen genutzt werden. Obwohl die Autorin sehr treffend und überzeugend auf Fallbeispiele hinweist, die gegen Stereotype sprechen, widerspricht sie diesem Prinzip, indem sie gerade die in der oft problematischen Fachliteratur anzutreffenden Muster wie „Patriarchalität“, „Patrilokalität“, „Autoritätsmuster anhand Geschlecht und Alter“ (Seite 84) über das ganze empirische Material hinweg als Projektionsfläche der so genannten kulturellen Bedeutungen von Netzwerken benutzt – wenn auch nur, um diese zu widerlegen.

Zu den ausreichend dokumentierten Resultaten des ersten Analyseaspekts (Migrationsentscheidungen) weist die Autorin darauf hin, dass beispielsweise viele Frauen angegeben haben, dass „jemand anderer für sie die Entscheidung [der Migration] getroffen hat“, meistens der Vater (137). Statt diese Aussagen in den aktuellen, u.a. global geschlechtsspezifisch hierarchisierten Migrationskontext einzubetten und aus Feldforschungsdaten das Spezifische des Falles zu erklären, zieht die Autorin es vor, diese Aussagen mit Ansichten aus der einschlägigen Literatur zur „traditionellen“ männlichen Dominanz zu kontrastieren. Von ihrem Interviewmaterial lässt sich jedoch methodisch keinesfalls auf „traditionelle Kulturordnungen“ schließen, und darüber hinaus bezieht sich die Fachliteratur (abgesehen von J. Reinecke und nur teilweise K. Kaser) nicht auf die Kosovo-Albaner, sondern hauptsächlich auf Nordalbanien und noch dazu vor allem auf die Berggesellschaften eines konkreten historischen Typus. Diese Hintergründe entsprechen nicht unbedingt dem Herkunftskontext der erforschten Akteursgruppen.

Bis auf diese Kritikpunkte schafft es die Autorin jedoch konsequent, theoretische Aussagen der Netzwerkforschung auf Migrationsnetzwerke zu übertragen. Sehr überzeugend zeigt Dahinden, wie Sozialkapital innerhalb von Migrationsnetzwerken nicht gegeben ist, sondern „gepflegt“ werden muss. So sind sowohl Familiensolidaritäten – wie auch ethnischer Zusammenhalt – abhängig von politischen Krisen und sozialem Kontext. Die bounded solidarity (von A. Portes annähernd als Schicksalsgemeinschaft definierte Beziehung) innerhalb eines sozialen Netzwerks ist nicht unerschöpflich und im albanischen Fall scheint die ethnische Solidarität nach dem Krieg keine große Rolle mehr zu spielen (150), wie die Autorin sowohl bei den Migrant/innen (149ff.) als auch bei den Rückkehrer/innen deutlich nachweist (296ff., 316ff.). Das auf bounded solidarity beruhende Sozialkapital ist an bestimmte Grenzen gebunden, trägt jedoch gleichzeitig zur Verschiebung dieser bei. Zu den Verdiensten dieser Studie gehört es dabei aufzuzeigen, wie diese Grenzverschiebungen stattfinden: etwa über die Teilnahme am „Befreiungskrieg“ als Generator von Sozialkapital oder über die Asylsuche in der Schweiz als Nachzug von Verwandten bei anschließendem Ausbleiben der erwarteten Unterstützung. Es sollte ebenfalls betont werden, dass die Studie einen wichtigen Anhalt dafür bietet, dass ethnische Unterstützungsnetzwerke ein „negatives Sozialkapital“ herstellen können, wenn diese die einzige Ressource bilden.

Die Autorin zeigt ebenfalls, dass Verwandtschaft in den albanischen Netzwerken nicht die „allumfassende“ Wichtigkeit hat, die man ihr im Allgemeinen zuschreibt (309). Die Analyse der albanischen Unterstützungsnetzwerke – wie auch eine Reihe von anderen Netzwerkstudien – macht deutlich, dass Verwandte bei emotionalen und finanziellen Angelegenheiten wichtig sind, jedoch nicht bei der instrumentellen Unterstützung (Jobsuche, Informationsbeschaffung). Hier sind Freundschaften wichtiger. Des Weiteren werden durch die Netzwerkanalyse anschaulich die Thesen der nicht affektiven Bindung von Eheleuten sowie der untergeordneten Rolle der Frauen, die sich in der Literatur zur albanischen Gesellschaft häufig finden, widerlegt. In der Migration scheinen einerseits Ehebeziehungen in emotionaler und sozialer Hinsicht an Bedeutung zu gewinnen, und andererseits tritt die Rolle der Mutter als Schlüsselperson bei Migrationsentscheidungen und transnationalen Bindungen aus dem im Buch vorgestellten Material klar hervor. Äußerst interessant ist dabei das Ergebnis, dass transnationale Beziehungen in der Zeit der Migration von den besprochenen Akteur/innen sehr selten praktiziert werden. Für die Transnationalismusforschung ist diese Beobachtung von besonderer Bedeutung, denn oft wird in ihr davon ausgegangen, dass transnationale Elemente in jedem Migrationsverlauf ex ante existieren (247ff., 321ff.).

In der Gegenüberstellung von albanischen Asylsuchenden und Arbeitsmigrant/innen, welche die Autorin ebenfalls vornimmt, sticht hervor, dass eher die Ersteren soziale Wohlfahrtseinrichtungen in der Schweiz in Anspruch nehmen und in geringerem Ausmaß auf Verwandte als Quelle von Unterstützung zurückgreifen (212, 248). Die Autorin erklärt dies mit ihrer zunehmend prekären sozioökonomischen und rechtlichen Lage in der Schweiz. Man könnte hier auch die Emanzipation von der herkömmlichen Familienautorität oder die zumeist urbane Herkunft der Asylsuchenden der 1990er Jahre als weitere Gründe hinzuzählen.

Die Rezensentin fand das neunte Kapitel über Rückkehrer/innen am aufschlussreichsten, nicht nur wegen der dichten ethnografischen Darstellung der Fälle, sondern auch der für die Migrationsforschung überraschenden Ergebnisse. Besonders sticht dabei die Tendenz hervor, dass bei Rückkehrmigrant/innen, die soziale Unterstützung eher über starke Beziehungen bzw. ausschließlich über dauerhafte verwandtschaftliche Bindungen erhielten, eine Wiedereingliederung weitgehend scheiterte. Erfolgreiche Rückkehrer/innen hatten dagegen ein weites Netz von sekundären Beziehungen und nutzten ausdrücklich ihr durch die Teilnahme im Kampf der UÇK gewonnenes soziales Kapital. Nichtsdestotrotz waren gleichfalls auch starke verwandtschaftliche und transnationale Beziehungen wichtig, die für Reziprozität in der Nachkriegszeit sorgten (z. B. für Kapital zum Existenzaufbau nach der Rückkehr). Dahinden plädiert in diesem Zusammenhang für die Revidierung der These von der Stärke schwacher Beziehungen von Granovetter, denn wie sie auf verschiedenen Ebenen der Analyse zeigt, ist „die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Beziehungen in Hinsicht auf den Zugang zu einem sekundären sozialen Netz von untergeordneter Bedeutung“ (315). In der Schweiz wie im Kosovo sind Arbeitsplätze und Wohnraum über soziale Beziehungen zu finden, die sich durch die Eigenschaft der Stärke charakterisieren. Diesem Phänomen wird durch Klientelismus und knappe Ressourcen im Kosovo Vorschub geleistet. Wie die Autorin weiterhin beobachtet, kanalisieren die schwachen Beziehungen Migrationsrichtungen, aber die starken entscheiden darüber, wer emigriert.

Zur Methode der Netzwerkanalyse gehört es, Personen nicht nach sozialen Kategorien wie Schicht und Bildung zu differenzieren, sondern das Verhalten von Personen über die Muster ihres sozialen Beziehungsgeflechts zu erklären. Dies mag des Öfteren Fragen von sozialer Ungleichheit und von Machtverhältnissen zunächst unberücksichtigt zu lassen. Da wie jeglichen sozialen Phänomenen auch dem Migrationsprozess soziale Beziehungen zu Grunde liegen, erfüllt die Arbeit von Janine Dahinden den wichtigen Forschungsanspruch, die Entstehung und den Wandel solcher Beziehungen zu dokumentieren. Nachdem nun diese Grundlagenarbeit geleistet worden ist, können und sollen auch Machtverhältnisse und soziale Verteilungskämpfe näher untersucht werden, welche dann die Unterschiede sozialer Beziehungsmuster zwischen den „alten“ und „neuen“ Migrant/innen, zwischen den etablierten und den Sans-Papiers, die in dieser Studie angesprochen wurden, zu erklären vermögen.

 

Rezensiert von Georgia Kretsi.

 

Redaktion: Ulf Brunnbauer

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