Rezension 29

Rezension Nummer 29 vom 10.06.2005

 

Thomas Bremer: Religion und Nation. Die Situation der Kirchen in der Ukraine. Wiesbaden: Harrassowitz 2003. (Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa, Band 27). 147 Seiten. 36 Euro. ISBN 3-447-04843-3

 

Rezensiert von: Klaus Buchenau (Berlin)

 

Texte über die Kirchen in der Ukraine fallen auch ohne Überschrift auf – Abkürzungen in Großbuchstaben ragen aus der Bleiwüste hervor, ein Anzeichen dafür, dass hier viele lange Namen im Spiel sind und die Autoren müde werden, sie zu wiederholen. Hierzulande sind die Abkürzungen, außer bei einer kleinen Gruppe von Regionalspezialisten, praktisch unbekannt. Der vorliegende Sammelband handelt von der UGKK (Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche), der UOK-MP (Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats), der UOK-KP (Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiever Patriarchats) und der UAOK (Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche). Die drei orthodoxen Jurisdiktionen des Landes sowie die Unierte (Griechisch-Katholische) Kirche stehen also im Mittelpunkt. Das sind längst nicht alle Glaubensgemeinschaften, die es in der Ukraine gibt. Der vor allem auf der Krim verbreitete Islam, das Judentum und die in Großstädten überaus aktiven protestantischen Freikirchen werden vom Band nicht behandelt, wogegen die römisch-katholische Kirche öfter erwähnt wird. Ihr gehört die – sich zunehmend an das Ukrainertum assimilierende – polnische Minderheit in der Westukraine an.

Der Band geht auf eine Berliner Tagung im Dezember 2001 zurück, wo das Verhältnis von Religion und Nation im Mittelpunkt stand, oder konkreter: die Verbindung von ukrainischer nationaler Identität und religiöser Zugehörigkeit. Das war eine verdienstvolle Sache, schließlich wurde damals in der Öffentlichkeit recht wenig über die Ukraine gesprochen. Den meisten fiel das Missverhältnis zwischen der Größe des Landes und seiner spärlichen Repräsentation im westlichen Diskurs erst auf, als sich eine junge Generation in grellem Orange nach vorne drängte. Jetzt waren und sind Analysen gefragt und der vorliegende Band ist hochwillkommen. Schade nur, dass die Entwicklungen während und seit der Revolution in diesem ansonsten sehr auf Aktualität angelegten Buch keine Aufnahme mehr finden konnten.

Es gibt keine synthetische Einleitung, eine gemeinsame „Botschaft“ lässt sich aber sehr wohl herauslesen: Keine der oben erwähnten Denominationen ist in der Lage, das Ukrainertum nur für sich zu reklamieren – siehe etwa den Beitrag von Alfons Brüning über „Orthodoxie als Element ukrainischer nationaler Identität“ (13) oder den von Katrin Boeckh über „Staat und Kirchen während der Transformation in der Ukraine“ (88).

Die Unierte Kirche konnte sich in der Westukraine als Quasi-Nationalkirche gegenüber den katholischen Polen profilieren, aber die von ihr vertretene Variante des Ukrainertums blieb vielen Orthodoxen fremd, am meisten jenen, die weiter östlich leben. An sich, so Victor Yelensky in seinem theoretisch ausgerichteten Beitrag über „Religiöse und nationale Identitäten“ in der Ukraine, habe die unierte Kirche durch ihren Einsatz für das ukrainische Erbe einen „wundervollen Baustein für einen nationalen Mythos“ geliefert, der aber mit einem anderen Baustein, nämlich dem (orthodox geprägten) Kosakenmythos kollidiert sei (38).

Eignete sich die Unierte Kirche zur Abgrenzung von Polen wie Russen, haftete dem orthodoxen Mehrheitsglauben der nationale „Mangel“ an, dass man ihn auch mit Russland teilte. Heute kommt die Zersplitterung der Orthodoxie erschwerend hinzu. Das Moskauer Patriarchat hat zwar die meisten Gemeinden im Land und wird als einzige Organisation von der Weltorthodoxie anerkannt, ist aber aus dem „ukrainischen Piemont“, der Westukraine, praktisch verdrängt. Das Kiever Patriarchat, das sich 1992/93 von Moskau abspaltete, galt manchen ukrainischen Politikern zunächst als Nukleus einer zukünftigen orthodoxen „Nationalkirche“ (Boeckh, 78), wird aber von einem äußerst umstrittenen Bischof mit KGB-Vergangenheit und starkem Machtinstinkt geleitet, der in der Ukraine selbst vielen suspekt, in Moskau gar verhasst ist. Die kleinste Kirche im Bunde, die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, kommt aus der nordamerikanischen Emigration und ist dort als Teil des Patriarchats von Konstantinopel kanonisch anerkannt, hat aber in der zentralen und östlichen Ukraine keine größere Anhängerschaft gewinnen können.

Die Beiträge zeigen, wie vertrackt die religiöse Situation in der Ukraine ist – und dennoch nicht aussichtslos. So sieht Ben Schenningk in seinem theoretisch orientierten Text über „Religiöse Identität als Konfliktpotential und Wege zur Lösung“ das ukrainische Wirrwarr auch als Vorteil. Religiöse und nationale Identitäten stützen sich nicht gegenseitig, die Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen religiös-nationalen Blöcken, sondern in erster Linie innerhalb der Konfessionen, d.h. zwischen den einzelnen orthodoxen Denominationen einerseits sowie zwischen römischen und griechischen Katholiken andererseits. Das macht ein jugoslawisches Szenario unwahrscheinlich, da sich religiös befeuerte Nationalismen nur schwer entfalten können.

Von hier aus ließe sich weiterfragen: Was bedeutet diese plurale Situation für das zukünftige ideologische Profil der Orthodoxie? Hinreichend bekannt sind die Probleme, die sich ergeben, wenn eine Staatskirche die Nation sakralisiert, den Staat vergötzt und alles „Fremde“ mit einem Bann belegt. In Griechenland, Serbien oder auch Russland ist diese Konstellation ein Hemmschuh für Ökumene und Zivilgesellschaft. In der Ukraine liegt ein anderer Fall vor und von daher wäre es lohnend gewesen, sich die sozialethischen Ansätze der orthodoxen Kirchen, sofern vorhanden, einmal näher anzusehen. Alfons Brüning führt aus, wie die orthodoxe Kyrill-und-Method-Bruderschaft in den 1840er Jahren eine national-demokratische Gesellschaftsvision entwickelte, die sich deutlich von russisch-orthodoxen Konzeptionen unterschied (16f.) – warum sollte ähnliches nicht auch heute passieren?

Schließlich erscheint der aktuelle ukrainische Nationalismus vor allem als Abgrenzung zu Russland und als pro-europäische Orientierung. Hat das Auswirkung auf jene orthodoxe Kirchen, die sich ukrainisch-national definieren? Einen Hinweis liefert Johannes Oeldemann in seinem kenntnisreichen und konstruktiven Beitrag über „Die ökumenischen Beziehungen zwischen den Kirchen in der Ukraine“. Er verweist auf den Unterschied zwischen den unkanonischen orthodoxen Kirchen UOK-KP und UAOK einerseits und dem Moskauer Patriarchat andererseits; erstere sind ökumenisch offener, denn sie wollen die Isolation überwinden, die sich aus ihrer prekären kirchenrechtlichen Lage ergibt (95f.).

Gerade in dieser Richtung wären noch mehr Information und Reflexion wünschenswert. Das gilt übrigens generell für die inneren Verhältnisse der orthodoxen Denominationen. Sie werden an keiner Stelle gründlicher behandelt, im Gegensatz zu den tiefen Einblicken, die Oleh Turii in seinem Text über „Die Griechisch-Katholische Kirche und die ukrainische nationale Identität in Galizien“ gewährt.

Interessant, wenn auch etwas spärlich, sind die Informationen des Bandes über die religiöse „Basis“. Die veröffentlichte Meinung, der Diskurs ist leicht einzufangen und wird daher auch gerne beschrieben, aber was davon kommt bei den Menschen an? Was denken die Gläubigen über „Religion und Nation“? Wissen sie überhaupt, zu welcher Jurisdiktion ihre Kirchengemeinde gehört? Und selbst wenn sie es wissen: ist die Zuordnung zu einer Gemeinde sozial relevant, meinungsbildend, oder ist sie so oberflächlich, dass dieses Wissen für das politische Bewusstsein unerheblich bleibt? Letztlich bleibt erklärungsbedürftig, warum sich die Ukrainer überwiegend als „ukrainisch orthodox“ definieren, obwohl das Moskauer Patriarchat doppelt so viele Gemeinden hat wie die beiden anderen orthodoxen Kirchen zusammen. Einen wichtigen Hinweis gibt Natalia Kotschan in ihrem pro-russisch gefärbten Beitrag über „‚Polnische’ und russische Kirche. Die ukrainischen Kirchen und fremde Identitäten“. Der heutige russische Nationalismus in der Ukraine, so Kotschan, speise sich nicht in erster Linie nicht aus der Diskriminierung durch die ukrainische Mehrheit, sondern daraus, dass sich ein hoher Prozentsatz ethnischer Ukrainer kulturell und sprachlich mit Russland identifiziere, „ohne dass dies im Widerspruch zu ihrer ukrainischen Herkunft stünde“ (109). Victor Yelensky belegt dagegen mit Umfrageergebnissen, dass sich viele Menschen, die eigentlich zu Gemeinden des Moskauer Patriarchats gehören, als Gläubige des Kiever Patriarchats bezeichnen. Auf diese Weise, so Yelensky, „beschreibt die befragte Person ihre Identität, die eine ethnisch ukrainische Komponente besitzt. Darüber hinaus haben wir es in den meisten Fällen offensichtlich mit ‚Taufscheinchristen’ zu tun, d.h. mit nicht praktizierenden und manchmal mit ‚nicht gläubigen Orthodoxen’“ (41). Ben Schenningk kommt unter Berufung auf eine Umfrage zu dem Schluss, die Ukrainer identifizierten sich „mehr mit der Kirche als Wertegemeinschaft (...) als mit gegebenen kirchlichen Institutionen“, so dass sich der Zwist vor allem in der veröffentlichten Meinung und weniger an der „Basis“ abspiele. Dies schränke die politische Mobilisierungskraft der Kirchen erheblich ein (128).

Ein Vorzug des Bandes ist der multidisziplinäre Zugang. Zwar fehlen Informationen zu den Autoren, doch sind die unterschiedlichen „Handschriften“ von Historikern, Theologen und Sozialwissenschaftlern erkennbar. Nichttheologen lesen Thomas Bremers Vorwort über die Hintergründe der katholisch-orthodoxen Auseinandersetzung um „Proselytismus“ mit Erkenntnisgewinn. Gleiches gilt mit Einschränkungen für Hans-Dieter Döpmanns Artikel über „Kirchliche Identität und kanonisches Territorium“, wo es um den Konflikt zwischen Rom und Moskau über die Errichtung katholischer Strukturen in Russland geht. Streiten könnte man wohl über Döpmanns Ansicht, wonach Moskaus Beharren auf dem „kanonischen Territorium“ legitim sei, und die Errichtung katholischer Bistümer in Russland hinter die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückfalle.

Der Beitrag Wolfgang Ullmanns über „Religion und Nation in theologischer Sicht“ dürfte dagegen bei nationalismustheoretisch geschulten Lesern Kopfschütteln hervorrufen. Der im letzten Jahr verstorbene Kirchenhistoriker und DDR-Bürgerrechtler glaubt, dass die heutigen Fachhistoriker auf dem Holzweg seien, weil sie nichts von Kirchengeschichte verstünden. Das mag in mancher Hinsicht stimmen, aber Ullmann benutzt die Kirchengeschichte dazu, mühsam errungene Erkenntnisse der Nationalismusforschung zu negieren. Die ältesten Nationalstaaten Europas, so Ullmann, lägen nicht im Westen, sondern im Osten Europas und hießen Bulgarien, Serbien, Polen, Ungarn und Kiever Rus’. Diese mittelalterlichen „Nationalstaaten“ basierten nach Ansicht Ullmanns „auf der Autonomie von kirchlichen Jurisdiktionen, auf einer untereinander verbindenden eigenen Liturgiesprache und einem diesen jeweils zugeordneten Kirchenvolk“. Die Westeuropäer sollten in Hinblick auf diese Länder ihr Selbstverständnis in Frage stellen und sich auch der eigenen (kirchenbezogenen) Wurzeln bewusster werden. Diese Ansicht dürfte konservativen Nationalhistorikern vieler osteuropäischer Staaten gefallen – plausibler wird sie dadurch aber nicht. Es ist zwar richtig, dass kirchliche Jurisdiktionen das Entstehen der mittelalterlichen Staatenwelt begleitet und unterstützt haben. Wenn Ullmann aber von mittelalterlichen „Nationalstaaten“ spricht, so folgt er der modernen Selbsttäuschung vieler ost- und südosteuropäischer Nationen, die sich zur Hebung des eigenen Selbstbewusstseins mehr Kontinuität zuschreiben, als es tatsächlich gegeben hat. Ein nationales Bewusstsein ist für mittelalterliche Gesellschaften in der Regel nicht nachweisbar, geschweige denn ein Fortbestand dieses Bewusstseins bis in unsere Zeit.

Wer „Religion und Nation“ von vorn bis hinten durchliest, wird sich gelegentlich an Überschneidungen und Wiederholungen stoßen, etwa was die statistischen Daten zu den Denominationen angeht. Freuen darf man sich über das Layout, das wie eine „optische Synthese“ wirkt. Die inhaltliche Synthese muss der Leser selbst leisten, aber das ist kein Nachteil. Das Buch wirft einige Fragen auf, die nicht beantwortet werden – nicht das letzte Wort also, aber doch ein willkommener und größtenteils solider Beitrag.

 

Klaus Buchenau

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