Rezension 12

Rezension Nummer 12 vom 05.04.2004

Keith Brown: The Past in Question. Modern Macedonia and the Uncertainties of Nation. Princeton/NJ: Princeton University Press 2003, 320 S. (Hardcover), ISBN 0-691-09994-4, ca. 55,00 US-$; [Paperback bei Woodstock/Oxfordshire: Princeton University Press 2003, 301 S., ISBN 0-691-09995-2, ca. 18,95 US-$]

 

Rezensiert von: Alexander Jossifidis (Berlin)

 

Erinnerungen an bedeutsame Ereignisse der Vergangenheit stellen bei der Herausbildung einer kollektiven Identität eine nicht zu vernachlässigende Größe dar. Die in diesem Zusammenhang vorkommenden Schauplätze nehmen ihrerseits eine zentrale Funktion ein, da sie den vergangenen Ereignissen einen Namen geben. Dies führt bisweilen dazu, dass einzelne Orte nicht mehr als Orte an sich wahrgenommen werden, sondern vielmehr als Synonyme für zurückliegende Geschehnisse. Zu den bekanntesten Schauplätzen zählen Städte wie Auschwitz oder Hiroschima, die selbst Nichtbetroffene unwillkürlich an die dort stattgefundenen Ereignisse denken lassen.

Im Rahmen der makedonischen Nationalgeschichte kommt der kleinen Gemeinde Kruševo eine ähnliche Bedeutung zu. In dem nördlich von Bitola gelegenen Bergstädtchen fand im August 1903 eine antiosmanische Erhebung ihren Höhepunkt. Christlich-orthodoxe Aufständische riefen die sogenannte Republik von Kruševo. Zwar konnte die osmanische Staatsmacht die Erhebung binnen weniger Wochen niederschlagen, doch überlebte der Mythos dieser Republikgründung die kurze Dauer ihres tatsächlichen Bestehens. So stellt sie mittlerweile einen wichtigen Bestandteil der nationalen makedonischen Historiographie dar, vor allem weil die Republik von Kruševo als früher Versuch einer makedonischen Staatsgründung interpretiert wird.

Die historische Sonderrolle Kruševos veranlasste den ausgewiesenen Makedonien-Experten Keith Brown in seinem Buch „The Past in Question“, die politische Geschichte Makedoniens im 20. Jahrhundert anhand einer Lokalstudie nachzuzeichnen. Sein Buch ist eine Stadtchronik, die mit der Proklamation der Republik von Kruševo beginnt und welche in der Jetztzeit endet. Dabei gelingt es ihm besonders eindrucksvoll aufzuzeigen, wie sich die im Laufe der Jahrzehnte ändernden überregionalen Rahmenbedingungen auf das Leben und die gesellschaftspolitischen Einstellungen der Einwohnerschaft auswirkten.

Als Bestandteil des Osmanischen Reiches wurde die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Objekt rivalisierender nationaler beziehungsweise kirchenpolitischer Machtstrategen bulgarischer, griechischer und rumänischer Provenienz. Während der anschließenden Zugehörigkeit zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen erfuhr die Einwohnerschaft staatlich gelenkte Serbisierungsmaßnahmen. Denen stellte sich eine Innnere Makedonische Revolutionäre Organisation (IMRO) genannte Untergrundorganisation mit terroristischen Mitteln entgegen. Der Zweite Weltkrieg ließ wiederum eine kurze bulgarische Besatzungszeit zu, während derer die neuen Entscheidungsträger den bulgarischen Charakter der Republik von Kruševo besonders hervorhoben. Neben Sympathisanten dieses Regimes gab es in der Gemeinde jedoch auch deren Gegner, die sich schließlich der Partisanenbewegung anschlossen. Es folgte die kommunistisch geprägte Nachkriegszeit in einem Jugoslawien, welches eine makedonische Nation als tragende Säule eines föderal strukturierten Staates bestimmte und gleichzeitig die ökonomischen Lebensgrundlagen radikal änderte. In diese Zeit fiel auch die Errichtung eines in seiner Gestaltung umstrittenen Denkmalparks in Kruševo, der an den Aufstand von 1903 erinnern sollte. Mit der Unabhängigkeitserklärung der makedonischen Republik im Jahre 1991 nahmen die Rahmenbedingungen letztmalig einen neuen gesellschaftspolitischen Charakter an. Hier endet die Zeitreise durch das Kruševo des 20. Jahrhunderts.

Keith Brown lässt in seinem Werk fast ausschließlich Zeitzeugen aus der Gemeinde zu Wort kommen. Damit wählt er eine Perspektive auf die Geschehnisse in Kruševo, die nicht durch den Filter wissenschaftlicher Analysen gezogen wurden. Dies führt wiederum dazu, den Facettenreichtum an Interpretationen bezüglich lokaler Ereignisse während wechselnder politischer Rahmenbedingungen aufzuzeigen. Insofern ein durch und durch gelungenes Buch.

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