Rezension 10

Rezension Nummer 10 vom 13.02.2004

Michael E. Meeker: A Nation of Empire – The Ottoman Legacy of Turkish Modernity. Berkeley, Los Angeles u. London: University of California Press 2002, 420 S. + XXVIII S., ISBN 0-520-23482-0, ca. 29 €.

 

Rezensiert von: Stefan Ihrig (Berlin)

 

Die türkische Schwarzmeerregion bietet sich dem interessierten Beobachter als eine Region mit einer Bevölkerung vielfältigster ethnischer Hintergründe, verschiendenster sozialen Normen und Traditionen dar. Die dort ansässigen Lazen verblüffen beispielsweise den am Ethnie- und Nationalismusdiskurs geschulten Beobachter durch ein eher schwach ausgeprägtes Gruppenbewußtsein und einem geringen Interesse an der eigenen Sprache. Auch gibt es dort Gegenden, in denen ehemals griechisch sprechende Bevölkerungsgruppen zwar ins Türkische assimiliert wurden, sich aber einen gewissen religiösen Eifer und religiöse Gelehrsamkeit auch in der neuen, der muslimischen Religion erhalten haben. Andererseits gibt dort Gegenden mit gegenteiligen Assimilationsergebnissen, in denen türkische Muslime bis in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts vorwiegend Griechisch sprachen. Doch das prägendste Charakteristikum dieser Gesellschaft ist bestimmt ihr von außen wahrgenommener archaischer Charakter. Meekers Monographie versucht die archaischen Verhaltensformen zu erklären, die er „ottomanisms“ nennt und welche auf den ersten Blick denen einer Clangesellschaft zu ähneln scheinen.

 

Er tut dies vor allem an Hand der Stadt und Region Of in der Provinz Trabzon am Schwarzen Meer. Er kombiniert hier seine anthropologischen Erkenntnisse, die er vor allem in den Sechzigern, aber auch später in der Region von Of sammelte, mit historischen Analysen zur Durchdringung des osmanischen Reiches vom Zentrum aus. Da er zugibt in seiner ursprünglichen Interpretation der Gesellschaft von Of vieles nicht verstanden zu haben bzw. nicht in der Lage war, sie hinreichend zu erklären,(1) versucht er nun die Entstehung der Spezifika dieser lokalen Gesellschaft erneut aus historischer Sicht zu rekonstruieren. Einige der früheren Interpretationen seiner Feldforschungen der sechziger Jahre verwirft er infolge dessen völlig.

 

Die Gesellschaft von Of scheint zwar einigen Merkmalen zufolge außerhalb des derzeitigen Staatssystems zu stehen. Andererseits scheint sie aber schon allein durch ihr langes Fortbestehen in dieser Form in gewisser Weise auch innerhalb eben dieses Staatssystems stehen zu müssen. Zuvor war Meeker sich sicher gewesen, in der Vorherrschaft zweier Familien – der Muradoğlu und der Selimoğlu – im öffentlichen Leben von Of eine Clangesellschaft zu erkennen. Doch die sozialen Beziehungen entsprachen bei genauerer Analyse immer weniger dem geläufigen Konzept des „Clans“. Hier gab es keine Versammlungen der Mitglieder, keinen gemeinsamen Besitz, keine Regulierung der Rache im Falle von Ehrverletzung, keine Heiratsregeln, auch die Rolle eines Vermittlers im Streitfall gab es nicht – kurz es fehlte ein System, das auf Pflichten und Rechten basiert. Diese fehlende Merkmale bringen Meeker zu dem Schluss, dass es sich hier eher um ein System lokaler Oligarchien handelt, als um eine „Clangesellschaft“.

 

Um nun diese „Abnormalitäten“ nachzuvollziehen, geht Meeker weit zurück zu den Anfängen des osmanischen Reiches und beschreibt die Konflikte zwischen Zentralismus und Dezentralisierung. Hier erkennt er eine Parallelgesellschaft in den Provinzen, der es ähnlich wie der imperialen Elite, möglich war, die souveräne Macht einer Familiendynastie basierend auf zwischenmenschlichen Beziehungen (interpersonal relations) auszuüben. Dieser Form der Macht mussten sich die verschiedenen imperialen und nationalen Projekte, um erfolgreich sein zu können, dann auch bedienen. Seiner These nach sind diese „ottomanisms“, die er in Of erkennt, also keineswegs Überbleibsel einer vergangenen Zeit, sondern von der türkischen Revolution benutzte und damit in die republikanische Zeit weiterverpflanzte Kooptionsstrategien.

 

Meekers Studie ist in vier Teile gegliedert. Sowohl der erste als auch der vierte Teil stützen sich vor allem auf Meekers Feldforschungen, während die Teile zwei und drei historische Darstellungen sind. Der erste Teil („Aghas and Hodjas: The Repbulican District of Of“) kann als Einführung verstanden werden, da er uns hier die Problematik durch seine eigenen Erfahrungen in den Sechzigern vorstellt. Hier prüft der Autor wie bereits erwähnt sehr selbstkritisch die eigenen und die gängigen Erklärungsmuster. Er kommt hier zu dem Schluss, dass es mit der so genannten Zeit der Aghas (ağa devrisi, 1785/1795-1834), in welcher die zentrale Regierung nicht mehr in der Lage war, in den Provinzen die Ordnung zu erhalten, zu einer Art „Zeitenwende“ in der Geschichte der Region kam. Von da an partizipierten die großen „Oligarchien“ der Muradoğlus und der Selimoğlus bis zum späten 20.Jahrhundert fast konstant an den lokalen Ausformungen des zentralen Machtsystems (Osmanisches Reich/Türkische Republik) und stellen in der Region fast alle wichtigen Posten. Alles, was vor dieser Zeitenwende geschah, spielt keine Rolle mehr im lokalen Gedächtnis.

 

Im Zweiten Teil („The Dissemination of an Imperial Modernity: The Ottoman Province of Trabzon“) diskutiert Meeker erst, wie aus einer sehr heterogenen Bevölkerung im 17. und 18.Jahrhundert eine osmanische Provinz wurde und dann, warum und wie die Bewohner dieser Provinz Of immer mehr am Osmanischen Reich in seiner überregionalen Form teilgenommen haben (Kapitel 3). Die von ihm analysierte Region besteht aus zwei Tälern, wobei diese in sich geschlossenen ökologische und soziale Systeme bildeten. Im frühen Osmanischen Reich waren dort die meisten Bewohner orthodoxe Christen, aber es gab auch turkstämmige Muslime, sowie eine Reihe anderer Gruppen. Während in einem Tal Türkisch zur Assimilationssprache wurde, sprachen im anderen Tal – in dem sich übrigens eine besonders starke muslimisch-religiöse Gesellschaft mit vielen religiösen Schulen herausbildete – die muslimischen Bewohner bis ins 20.Jahrhundert hinein Pontus-Griechisch. In beiden Tälern bildete sich eine Gesellschaft heraus, in welcher die Frauen die Landwirtschaft weitgehend alleine betrieben, während die Männer „frei“ waren und das Jahr über außerhalb der Täler in entlegenen Provinzen des Osmanischen Reiches (hier ist beispielsweise von Sevastopol und Rumänien die Rede) als Tagelöhner, Händler oder als Soldaten arbeiteten. Das Verlassen der unmittelbaren Umgebung und die Teilhabe an imperialen Strukturen hatte somit von Anfang in der Region kein negatives Stigma. Durch eine rapide Bevölkerungsentwicklung in den Tälern wurde dieser Trend noch verstärkt.

 

Meeker beschreibt hier ferner, wie einerseits die Teilnahme am Reich durch bestimmte Verhaltenskodes bedingt und geregelt war (Kapitel 4) und wiederum, wie diese sozialen Herrschaftsnormen verbreitet und mit ihnen der osmanische Staat getragen wurde (Kapitel 5). Er interpretiert hier den Abschnitt der osmanischen Geschichte neu, den Halil Inalcık als die klassische Epoche bezeichnet, und konzentriert sich auf die sozialen Methoden der Macht unter Verwendung von Benthams Panoptikum und Foucaults Ideen zur Überwachungsdiziplin. Meeker zeigt hier wie die Architektur der Residenz der Macht (hier Topkapı Saray) aber auch die Staatsreligion des Islams zu Trägern sozialer Kodes des Machtssystems wurden. Im Folgenden diskutiert er, wie diese sozialen Kodes zwar in der Provinz repliziert wurden, sie aber so offen waren, dass sie dort wiederum für eigene Ziele benutzt werden konnten. Er spricht in diesem Zusammenhang davon, dass es den Bewohnern von Of mit Hilfe der Übernahme dieser Kodes (soziales Verhalten, Islam, Architektur etc.) möglich war das imperiale System von der Peripherie aus zu kolonisieren.

 

Im dritten Teil („The Old State Society and the New State System: The Ottoman Province of Trabzon“) diskutiert Meeker die lokalen Eliten der Provinz Trabzon im 18. und 19. Jahrhundert und wie sie zum einen die untersten Pfeiler des osmanischen Herrschaftssystems waren, aber gleichzeitig auch außerhalb ebendieses Systems standen (Kapitel 6). Im siebten Kapitel zeigt er in einer detaillierten Diskussion der Quellen, wie die europäischen Konsularbeamten, welche die Provinz im 19.Jahrhundert bereisten, durch totales Missverständnis der lokalen Mechanismen der Macht, annahmen, die lokalen Eliten seien in den 1830ern zerschlagen worden. Diese Ansicht, so Meeker, habe sich dann auch innerhalb der zentralen osmanischen Regierung im Zuge der Übernahme westlicher Zentralismuskonzepte ausgebreitet (Kapitel 8). Dieses Missverständnis über die lokalen Mechanismen der Macht in den Provinzen führte dann dazu, dass weder Konsularbeamte noch „Osmanen“ verstanden, wie diese schon verschwunden geglaubten Eliten immer wieder auftauchen konnten.

 

Im Vierten und letzten Abschnitt des Buches („Old Modernity and New Modernity: The Republican Town of Of“) schildert Meeker, wie den lokalen Eliten durch die junge türkische Republik ihre Legitimation zwar eigentlich weitgehend genommen wurde, man sich aber trotzdem weiterhin auf sie gestützt hatte (Kapitel 9). In Folge der ersten demokratischen Wahlen 1950 gelang es den regionalen Oligarchien dann im neuen System Fuß zu fassen, sowohl in den politischen Parteien (Kapitel 10), als auch im wirtschaftlichen System. Im letzten Kapitel zeigt Meeker, wie sich diese lokalspezifischen Beziehungsstrukturen durch Binnenmigration auch in den urbanen Zentren der modernen Türkei fortsetzen.

 

Ein ausführliches Resümee bleibt leider aus. Trotzdem ist Meekers Studie in sich schlüssig und abgerundet. Sie ist eine originelle Fallstudie einer osmanischen und später türkischen Provinz, die zudem auf weiten Strecken neue Interpretationen der allgemeinen osmanischen Geschichte als Beiwerk zur Hand gibt. Meekers Interpretation der sozialen Kodes als gegenseitige Kooptationsmechanismen von Zentrum und Peripherie, sowie die damit verbundene Offenheit des imperialen als auch republikanischen Systems werfen ein neues Licht auf die so oft als Clanstrukturen oder feudalistische Überreste erkannten Charakteristika der Gesellschaften auf dem Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches. Den hier beschriebenen Teilhabemechanismen ist es, so Meeker, letztlich dann auch geschuldet, dass die verschiedenen ethnischen marker, die man bei den Menschen am Schwarzen Meer noch immer erkennen kann (Sprache/Dialekt, customs, Kleidung etc.), bisher kein ausgeprägtes Interesse der Bevölkerungsgruppen dort an der eigenen Ethnie oder Herkunft, geschweige denn ein nationales Erwachen, zur Folge hatten.

 

Stefan Ihrig

E-Mail: Stefan.Ihrig@gmx.net

 

Redaktion: Heiko Hänsel

E-Mail: haenselh@zedat.fu-berlin.de

 

(1) Meeker, Michael E.: The Black Sea Turks: A Study of Honour, Descent and Marriage (Dissertation). Chicago 1970.

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