Lorenz Aggermann, Eduard Freudmann, Can Gülcü: Beograd Gazela. Reiseführer in eine Elendssiedlung. Klagenfurt: Drava Verlag, 2008, 224 Seiten, ISBN: 978-3-85435-533-5, EURO 19.80.

 

Wer aufmerksam durch Belgrad geht, dem fallen sie auf: Menschen, die mit einem zum Fahrrad erweiterten Handwagen von Haus zu Haus fahren und aus dem sich vor den Häusern türmenden Müll Brauchbares, vor allem Papier und Flaschen, heraussuchen. Seit den Wirtschaftskrisen der 1990er Jahre hat sich ein privates, kaum wahrzunehmendes System entwickelt, um diese Menschen ein wenig zu unterstützen. So werden noch brauchbare Essensreste wie altes Brot oder anderweitig Verwertbares in Plastiktüten verpackt und außen an die Mülltonnen gehängt. Von diesen winzigen Zeichen der Solidarität abgesehen, bleiben diese Menschen ungesehen. Dabei sind sie als Flaschen- und Papiersammler entscheidend in den Wirtschaftskreislauf eingebunden, denn ein Pfand- oder Wertstoffsystem gibt es in Serbien nicht. Zumeist handelt es sich bei diesen Menschen um Roma, soviel ist klar. Doch wo und wie sie leben, wissen die wenigsten Belgrader. Seit kurzem kann man sich nun darüber informieren. Beograd Gazela heißt ein auf hochwertigem Papier gedrucktes Buch, das im Untertitel einen „Reiseführer in eine Elendssiedlung“ ankündigt.

Gazela – das ist der Name einer der jüngsten und bekanntesten Belgrader Elendssiedlungen, die Anfang der 1980er Jahre entstanden war, als es nach Titos Tod zu einer schweren Wirtschaftskrise gekommen war. Bennant ist die Siedlung nach jener Brücke, unter der sie errichtet wurde. Diese wichtigste Belgrader Brücke ist nicht nur die Verbindung von Belgrad mit dem Stadtteil Novi Beograd, sondern ist als Teil der Autobahn auch ein vielbefahrener Verkehrsknotenpunkt. Unter dieser Brücke leben geschätzte 820 Menschen (S. 53) in Hütten, die sie aus Wellblech, Holzplatten und Planen errichtet haben (S. 32). In dem Buch Beograd Gazela erfährt der Leser Näheres über ihr Leben, darüber, wie die Menschen dieser Siedlung ihren Lebensunterhalt verdienen, welche Auswirkungen die Lebensbedingungen auf ihre Gesundheit haben und auf welche Schwierigkeiten die Bewohner stoßen, wenn sie sich außerhalb der Siedlung, also innerhalb der Belgrader Gesellschaft, bewegen. Dabei verzichten die Autoren des Buches auf einfache Schuldzuweisungen, sondern nehmen scheinbar objektiv den Ist-Zustand auf. „Roma sind arm, weil sie arbeitslos sind, arbeitslos weil sie ungebildet sind und ungebildet, weil sie arm sind.“ (S. 144) – dies ist zweifelsohne ein Schlüsselsatz des Buches, wenngleich man hinzufügen möchte, dass sie auch deshalb selten über einen Schulabschluss verfügen, weil der Schulbesuch einem Spießrutenlaufen gleicht. So liegen vor einem solchen Schulbesuch für Eltern und Kinder zunächst hohe bürokratische Hürden. Wer sein Kind in einer Schule anmelden will, muss in Belgrad gemeldet sein. Da die Siedlung Gazela illegal ist, müssen die Bewohner eine Scheinadresse finden, die sie angeben können. Oft liegt diese in einem anderen Bezirk, sodass das Kind einen sehr weiten Schulweg hat. Hinzu kommen vielfältige Schikanen und Diskriminierungen in der Schule (S. 145f). Aber die Autoren machen auch deutlich, dass die hierarchische Sozialstruktur innerhalb der Siedlung zu Schwierigkeiten führt, sich zu organisieren, um auf politischer Ebene für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen (S. 168).

An diesem Punkt des Buches verlassen die Autoren den Pfad des klassischen Reiseführers, dem sie in den ersten Kapiteln mit Überschriften wie „Bevölkerung“, „Wirtschaft“, „Transport“, „Essen und Trinken“ noch gefolgt waren – Schlagwörter, die man auch in den meisten Reiseführern findet. Was im Vergleich zu einem klassischen Reiseführer fehlt, sind „Sehenswürdigkeiten“. Gut, dass die Autoren ihre Anlehnung an einen Reiseführer nicht derart weit getrieben haben.

Die Wahl des Genres begründen die Autoren mit ihrer „Absicht, auf Missstände aufmerksam zu machen“ (S. 136). Vermittels der Wahl des Genres – über die sich durchaus streiten ließe – spielen die Autoren mit der Unsichtbarkeit der Siedlung innerhalb der touristisch immer mehr erschlossenen Stadt Belgrad am Zusammenfluss von Save und Donau. Zudem verweist die Genre-Wahl auf den Hintergrund des Projekts, der erst auf den zweiten Blick sichtbar wird: Beograd Gazela ist das Kunstprojekt der drei in Österreich lebenden Künstler Lorenz Aggermann, Eduard Freudmann und Can Gülcü. Worin jedoch der künstlerische Anspruch des Buches liegen soll, wird nicht klar. Es hat eher den Anschein, als versteckten sich die Autoren hinter der Freiheit, die die Kunst verheißt. „Obwohl wir uns wissenschaftlicher Methoden bedienen, stellen wir an unsere Recherche nicht den Anspruch, wissenschaftlichen Maßstäben zu entsprechen, wodurch wir bei der Auswertung unserer Aufzeichnungen und Beobachtungen deutlich mehr Freiheiten haben.“ (S. 129) Und dennoch ist die Sprache des Buches eine distanzierte.

Das Buch besteht aber nicht nur aus dem Text. Daneben gibt es eine weitere Ebene, die keineswegs distanziert ist: Ein wichtiges Moment des Buches sind die zahlreichen farbigen Fotografien, die den Leser direkt in den Alltag innerhalb der Siedlung holen. Die Bilder erzählen eine eigene Geschichte der Siedlung und funktionieren auch losgelöst vom Text. Sie bilden damit eine gute Ergänzung zur versachlichten Darstellung des Lebens in Gazela, eines Alltags, der zwar vor allem von den schlechten hygienischen Bedingungen, dem Mangel und der Not geprägt ist, der aber durchaus nicht trostlos ist. Über die Fotos lernt der Leser die Menschen kennen, die im Text selbst kaum zu Wort kommen. Über die Fotos erfährt der Leser beispielsweise, wie liebevoll die einfachen, engen Hütten geschmückt sind. Zum Teil haben professionelle Fotografen die Fotos gemacht, zum Teil stammen die Fotos von den Bewohnern selbst, wofür ihnen die Autoren Einwegkameras zur Verfügung gestellt hatten. So werden Eigen- und Fremdbildnisse versammelt – jedoch erfährt der Leser erst am Ende des Buches im Bildnachweis, welche Fotos die Eigen- und welche die Fremdwahrnehmung widerspiegeln. Bedauerlich ist auch, dass die Bilder allein für sich stehen und ohne Bildunterschriften auskommen müssen. Mit Bedauern nimmt der Leser zur Kenntnis, dass die Bewohner von Gazela im Buch selbst nicht zu Wort kommen. Zwar wurde zu Beginn des Buches auf die „markanten gesellschaftlichen Unterschiede“ innerhalb der Siedlung (S. 60) hingewiesen wird, im weiteren Verlauf des Textes werden die Bewohner jedoch entpersonalisiert und verschmelzen zu „die Roma“. Angesichts der Tatsache, dass seit dem Kosovokrieg Ende der 1990er Jahre neben den Roma (die Romani sprechen) auch Ashkali (eine ethnische Minderheit aus dem Kosovo, die Albanisch spricht) in Gazela leben (S. 63), ist dies eine unzulässige Verallgemeinerung.

Als eine dritte Ebene des Buches fungiert der untere Seitenrand, an dem fortlaufend ein Auszug aus einer öffentlichen Diskussion abgedruckt ist, die im Anschluss an eine Präsentation des Projekts in Wien stattgefunden hatte. Diese Debatte, in der das Publikum unter anderem die Finanzierung des Projekts kritisch hinterfragt, erhellt die Motive und Vorgehensweisen der Künstler. Diese Reflektionen jedoch sind nicht direkt in den Text eingeflossen, was schade ist, denn ohne jene permanente Selbstreflektion und Selbstbeobachtung, wie sie in der heutigen Anthropologie mit den Beobachtungen einhergeht, bewegt sich das Buch auf einem schmalen Grad zwischen Wissensvermittlung, Voyeurismus und Exotisierung. So erinnert das Buch stellenweise an die volkskundlichen Erkundungen des „Anderen“ im 19. Jahrhundert. Oftmals vereinten jene Ethnographien beides: einerseits eine Annäherung an das Fremde, doch andererseits wurde nicht zuletzt durch diesen Blick auf das vermeintlich Andere jenes erst als solches konstituiert. Dieser Exotisierungstendenz hätte man vielleicht entgehen können, indem man die Bewohner von Gazela in ihren Gewohnheiten stärker in der Belgrader bzw. in der serbischen Gesellschaft verortet hätte, denn beispielsweise auf der Alltagsebene (Essen und Trinken, Feiern etc.) verschmelzen die Gewohnheiten. Diese Verortung hätte helfen können, den eigentlichen Kontrast, die soziale Ausgrenzung und die schweren Lebensbedingungen deutlicher zu konturieren. So verblasst dieser Kontrast innerhalb der serbischen Gesellschaft und wird zu einem generellen Bild des Andersseins – vor allem für die Leser der zuerst publizierten deutschen Ausgabe.[1] Wie man das Leben der Papiersammler in Belgrad beschreiben und gleichzeitig in den gesellschaftlichen Kontext einbinden kann, zeigt ein anderes Buch: Papirnati život (Papierenes Leben).[2] Hierin untersuchen die Anthropologin Mayling Simpson-Herbert, die Soziologen Aleksandra Mitrović und Gradimir Zajić sowie der Architekt Miloš Petrović sowohl Alltag, Familienleben, Selbstorganisation, Ernährung und Gesundheit als auch die Ambivalenzen im Umgang mit den Roma in Serbien, die einerseits ausgegrenzt sind, andererseits durch das Sammeln von Wertstoffen ein integraler Bestandteil des wirtschaftlichen Lebens sind.

Beograd Gazela gewährt einen Einblick in eine Welt, die selten wahrgenommen wird und die sich abschottet – sich nicht zuletzt deshalb abschottet, weil ihre Bewohner immer wieder Ziel rassistischer und anderweitig motivierter, aber nicht minder brutaler Diskriminierung sind. In diesem Buch werden die Bewohner in ihrem Leben ernst genommen. Das Buch beklagt nicht das Elend an sich, sondern setzt sich mit den konkret erfahrbaren Missständen auseinander. Nicht das Wohnen in Gazela an sich wird angeprangert, sondern beispielsweise die mangelhafte Anbindung an die städtische Infrastruktur.

Das Buch will „eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Lebenssituation von Roma in Belgrad gewährleisten“ (S. 11). Angesichts dessen, dass die Roma Europas größte Minderheit darstellen und trotz den Bemühungen der „Roma-Dekade 2005-2015“[3] noch immer ausgeklammert, diskriminiert und an den Rand gedrängt sind, ist dies Motivation genug. Eine Bestandsaufnahme gelingt dem Buch auf alle Fälle – über die Art und Weise mag man geteilter Meinung sein. Dem Stellenwert des Buches als einem Versuch, ungesehenes Elend mitten in Europa, das auch als Nebenerscheinungen von modernem Städtebau gelesen werden kann, sichtbar auf der Mikroebene zu beschreiben, tut dies keinen Abbruch. Als Einstieg in eine Beschäftigung mit der Materie, als Kennenlernen von Ort und Menschen ist das grafisch ansprechende und sorgfältig gestaltete Buch gern empfohlen.

 

Rezensiert von Nicole Münnich (Berlin)
E-Mail: nicole.muennich@gmx.de

 


[1] Laut den Organisatoren des Projekts sind eine englische, eine serbische und eine Romani-Ausgabe geplant.

[2] Mayling Simpson-Hebert, Aleksandra Mitrović, Miloš Petrović und Gradimir Zajić: Papirnati život. Romi sakupljači otpada u Beogradu [Papierenes Leben. Die Roma als Aufkäufer von Abfall in Belgrad], Biblioteka Dekada e rromenge 2005-2015, knj. 2. Beograd: Društvo za unapređivanje romskih naselja, 2006. Im gleichen Jahr erschien eine englische Ausgabe unter dem Titel „A Paper Life“.

[3] Die internationale Initiative „Roma-Dekade 2005-2015“ wurde initiiert von dem Open Society Institute und der Weltbank, unterstützt wird sie unter anderem von der Europäischen Kommission, dem United Nations Development Programme sowie der OSZE; vgl.: http://www.romadecade.org

 

 

 

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