Jurčévić, Josip:
Die Entstehung des Mythos Jasenovac. Probleme bei der Forschungsarbeit zu den Opfern des II. Weltkrieges auf dem Gebiet von Kroatien.

Zagreb: Dokumentacijsko informatijsko središte, 2007. ISBN 978-953-95043-2-6, 223 S. m. Abb.

 

Im Oktober 2007 versandte die Verlegerin Dr. Katica Ivanda das oben genannte Buch über das kroatische Konzentrationslager Jasenovac an zeitgeschichtlich interessierte Leser in Deutschland. Der Sendung hat ein in deutscher Sprache verfasstes Schreiben der Verlegerin beigelegen, in dem es heißt: „Das Buch behandelt zum ersten Mal das genannte Thema wissenschaftlich umfassend und gilt deshalb als Standardwerk auf diesem Gebiet.“[1] Katica Ivanda, die 2007 mit einer Dissertation über „Die kroatische Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland“ an der Universität Bremen promoviert wurde, ist die Ehefrau von Josip Jurčević. Dieser (Jg. 1951) wandte sich aus politischen Gründen (u.a. Beteiligung am „kroatischen Frühling“ 1971) und wegen seiner freiwilligen Teilnahme am „Vaterländischen Krieg“ 1991/92 erst verhältnismäßig spät der Wissenschaft zu. 1996 schloss er das Studium der Geschichte mit einer Magisterarbeit über das „Problem der Erforschung der Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Territorium Kroatiens“ an der Universität Zagreb ab. Aus dieser Arbeit ging die 1998 veröffentlichte kroatische Fassung des oben genannten Buches hervor.[2] Im Jahr 2000 verteidigte Jurčević seine Dissertation über die „Repression des jugoslawischen Systems in Kroatien 1945“. Seit 1997 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am 1991 gegründeten gesellschaftswissenschaftlichen Institut „Ivo Pilar“ in Zagreb – einem Institut, dessen Name Programm ist.[3] Jurčevićs Bestreben, eine außerordentliche Professur an der Universität Zagreb zu erhalten, wurde von den Mitgliedern der Philosophischen Fakultät zurückgewiesen.[4] Forschungsschwerpunkte des Autors sind die kommunistischen Verbrechen in und nach dem Zweiten Weltkrieg, wozu er u.a. ein „Schwarzbuch des Kommunismus“ veröffentlicht hat,[5] sowie der „Mythos Jasenovac“. Darüber hinaus hat sich Jurčević auch als Schulbuchautor sowie Verfasser von Arbeiten zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen betätigt.

Seine Beschäftigung mit dem „Mythos Jasenovac“ fiel in eine Zeit, die vom Krieg in Kroatien (1991–1995), vom (defekten) autoritären Regime des Staatspräsidenten Franjo Tuđman (1990–1999), von der stürmischen „Renaissance“ des Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien und einem ausufernden serbisch-kroatischen Propagandakrieg seit den späten 1980er Jahren geprägt war. Der Wandel des öffentlichen Diskurses in Serbien seit 1981/82, vorangetrieben von Schriftstellern, Vertretern der orthodoxen Kirche und Historikern, das Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften von 1986, der Prozess gegen den ehemaligen Innenminister des kroatischen Ustaša-Staates Andrija Artuković (1986) sowie schließlich der Beginn der „Ära Milošević“ 1987/88 heizten die Atmosphäre an. Ebenfalls 1986 veröffentlichte der Historiker Vasilije Krestić, Mitverfasser des Akademie-Memorandums, einen Artikel „Über die Genese des Genozids an den Serben im Unabhängigen Staat Kroatien“.[6] Dieser Artikel war einer der Meilensteine in den Tabubrüchen der 1980er Jahre. Anders als in der Erinnerungskultur der „Tito-Ära“, in der der Bürgerkrieg der Jahre 1941–45 ethnisch neutral nach dem Schwarzweiß-Schema „Widerstand und Kollaboration“ gedeutet worden war (mit annähernd gleicher Verteilung der Angehörigen aller jugoslawischen Nationen und Nationalitäten auf beide Lager), attestierte Krestić nun – „strengobjektiv“ (strogoobjektivno) – großen Teilen der kroatischen Gesellschaft einen weit in die Vergangenheit zurückreichenden Willen zu „genozidären“ Ideen und Taten. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt, bis „die“ Kroaten generell in zahlreichen publizistischen Ergüssen und pseudowissenschaftlichen Arbeiten serbischer Autoren als Ustaše und Völkermörder diffamiert wurden.

Jurčevićs Arbeit atmet den (Un)Geist dieser Zeit und muss in diesem Kontext gelesen werden (was freilich nicht mehr für die deutsche Ausgabe von 2007 gilt). Die Darstellung ist in drei Kapitel gegliedert. Das erste (13–79) behandelt die Tätigkeit der vom Tito-Regime eingesetzten „Staatlichen Kommission zur Feststellung der Verbrechen der Besatzungsmächte und ihrer Helfershelfer“, sodann die zu verschiedenen Zeitpunkten angelegten Listen von Kriegsopfern (1946, 1950 und 1964) und die humananthropologischen Untersuchungen von Massengräbern auf dem aus fünf „Speziallagern“ bestehenden Gelände des Lagers Jasenovac. Im zweiten Kapitel (81–128) wendet sich Jurčević der Kriegsopferproblematik in verschiedenen demografischen Abhandlungen zu.[7] Das dritte Kapitel (131–183) steht unter der Überschrift: „Das Problem der Kriegsopfer des II. Weltkrieges in der historiografischen und publizistischen Literatur“. Behandelt werden u.a. die Werke von Viktor Novak, Vladimir Dedijer, Antun Miletić, Milan Bulajić, Radomir Bulatović und Franjo Tuđman.[8] Diese Arbeiten sind zwar hinsichtlich Methode, Kontextualisierung und Ergebnissen extrem unterschiedlich, doch geht es Jurčević hier vor allem um die Demontage der Opferzahlen.

Bis zu Titos Tod 1980 wurde die Zahl der Opfer von Jasenovac in der offiziellen jugoslawischen Erinnerungskultur auf 500.000 bis 700.000 beziffert. Das reichte serbischen Nationalisten in den 1980er Jahren aber nicht mehr aus. Die Behauptungen – unter Berufung auf „neue wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse“ – wurden immer bizarrer. Bulatović spricht in seinem 1990 veröffentlichten Werk über Jasenovac von mindestens (!) 1,1 Millionen Toten![9] Es stört ihn nicht, dass diese Zahl in einem unvereinbaren Verhältnis zu allen bevölkerungsstatistischen Angaben steht. Folgte man seiner Behauptung, so hätten die Opfer von Jasenovac aus dem Ausland regelrecht herbei geschafft werden müssen! Gleichwohl war und blieb Jasenovac für serbische Nationalisten das „verborgene Kapitel des Holocaust“, die „größte serbische Stadt unter der Erde“, das „drittgrößte Konzentrationslager Europas“ und die „größte Folterkammer in der Geschichte der Menschheit“.[10]

Jurčevićs Kritik am Umgang mit den Opferzahlen von Jasenovac ist zweifellos gerechtfertigt. Und zumindest in Teilen seines Buches bemüht er sich um eine nüchterne und sachliche Darstellung der jeweiligen Berechungs- bzw. Schätzungsmethoden sowie der daraus abgeleiteten Behauptungen. Seine kritischen Einwände sind zwar nicht neu, aber in der Rekapitulation und Zusammenstellung nützlich. In der (Jurčević offensichtlich unbekannten) westlichen Forschung wurden bereits Anfang der 1950er Jahre gravierende Zweifel an den offiziellen jugoslawischen Opferzahlen geäußert. Die US-amerikanischen Demographen Paul Mayers und Arthur Campbel bezifferten 1954 die Gesamtzahl der jugoslawischen Kriegstoten auf gut eine Million.[11] Im selben Jahr errechnete der deutsche Demograph Gunther Ipsen den demographischen Totalausfall Jugoslawiens (bis zur ersten Volkszählung nach dem Krieg 1948) mit 1,69 Millionen (ähnlich wie der oben erwähnte Vladeta Vučković). Zieht man hiervon die nach Kriegsende ausgesiedelten nationalen Minderheiten ab, ergibt sich ein kriegsbedingter Verlust von rund einer Million Toten, Flüchtlingen und Ungeborenen.[12] Im Zuge der Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Jugoslawien über eine Entschädigung von NS-Opfern reduzierte die Belgrader Regierung 1963 ihre bisherigen Angaben über die Kriegstoten von 1,7 Millionen auf 950.000. 750.000 „Tote“ lösten sich in Nichts auf. Da die Bonner Regierung auf genaueren Angaben insistierte, wurde 1964 erstmals ein landesweiter Zensus der Kriegsopfer in Jugoslawien durchgeführt, bei dem insgesamt 597.223 Personen namentlich erfasst werden konnten. Dieses Ergebnis war mit Sicherheit zu niedrig, was einerseits an der amtlichen Definition des Begriffes „Kriegsopfer“[13] und andererseits an der Tatsache lag, dass die Erhebung erst mit einer unakzeptablen Verspätung von zwei Jahrzehnten und in großer Eile durchgeführt wurde. Vor der jugoslawischen Öffentlichkeit wurde die Liste streng geheim gehalten. Erst ein Vierteljahrhundert später, im November 1989, publizierten zwei Journalisten die Resultate in der Zeitung „Danas“.[14] 1992 filterte dann das Statistische Amt in Belgrad die Namen der in Jasenovac ermordeten Menschen aus den Erhebungslisten von 1964 heraus. Wiederum wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit vorenthalten, da es nicht annähernd den damals in Serbien kursierenden Behauptungen entsprach. Ein Exemplar der Aufstellung gelangte schließlich in die Hände des „Bosniakischen Instituts“ in Zürich, das es 1998 publizierte.[15] Zu den insgesamt 59.188 Opfern des Lagerkomplexes Jasenovac (einschließlich Stara Gradiška) zählten demnach 33.944 Serben, 9.044 Juden, 6.546 Kroaten und 1.471 Roma. Der Rest verteilte sich auf Personen unterschiedlicher ethnischer bzw. religiöser Zuordnung sowie auf Opfer, deren Nationalität nicht eindeutig festgestellt werden konnte. Da die Erhebung von 1964 unvollständig war, sind auch diese Zahlen zu niedrig (wenngleich die Differenz in diesem Fall anteilmäßig sicher geringer ist als beim Gesamtergebnis).[16] Und weil die Daten erst 1998 publiziert wurden, also im selben Jahr, in dem Jurčević die kroatische Fassung seines Buches veröffentlichte, sind sie in seiner Darstellung nicht enthalten. Auch in der deutschen Ausgabe von 2007 fehlen sie.

So weit, so gut (oder schlecht). Doch noch ist unklar, zu welchen Ergebnissen Jurčević selbst gelangt ist. Hätte es der Autor mit seiner Kritik an der Opfermegalomanie sowie an den zahlreichen Unterlassungen, Widersprüchen und Übertreibungen bei der Feststellung der Opfer bewenden lassen, hätte er eine nützliche Tat vollbracht. Aber er hat es nicht dabei belassen, wie bereits der Titel seines Buches andeutet: „Mythos Jasenovac“. Schnell wird deutlich, dass es Jurčević nicht allein und nicht in erster Linie um die Demontage falscher Zahlen geht, sondern um den jeweiligen Kontext, in den diese Zahlen eingebettet sind – konkret um den Ustaša-Staat und das Ustaša-Regime. Die Formulierung „Mythos Jasenovac“ wurde berühmt-berüchtigt durch Tuđmans Opus magnum „Irrwege der Geschichtswirklichkeit“ von 1989.[17] Das Buch ist eine umfangreiche, sich wellenförmige wiederholende Abrechnung mit den Opfermythen des Zweiten Weltkriegs. Dass sich Tuđman mit unbelegten Behauptungen und widersprüchlichen Argumenten seiner Kontrahenten auseinandersetzt, gehört zum normalen Wissenschaftsgeschäft. Einen Großteil seiner Ausführungen wird man bei nüchterner Abwägung der bis dahin (!) bekannten Quellen unterschreiben können. Insofern beruhten die Empörung und die Proteste, die das Buch des ersten Staatspräsidenten des neuen Kroatien in der internationalen Presse und bei unterschiedlichen Organisationen ausgelöst hat, zum Teil auf Unkenntnis des Textes bzw. auf einigen wenigen, in andere Sprachen übersetzten Textfragmenten.[18] Jurčević, der selber jede Festlegung auf Zahlenvermeidet, begnügt sich mit einem Zitat von Franjo Tuđman, demzufolge im Lager Jasenovac „wahrscheinlich 30.000–40.000 Gefangene“ umgekommen seien (175f.).[19] Tuđmans Buch stuft er – trotz zweier von ihm monierter „Mängel“[20] – als das „immer noch […] einzige Werk mit wissenschaftlichen Ansprüchen“ ein, „das sich der systematischen Entwicklung des Mythos Jasenovac direkt widersetzt hat“ (177).

Zu Tuđmans Verteidigern im Westen gehörte der französische Intellektuelle Alain Finkielkraut (Spitzname: „Finkiel-Croate“), der eine sehr „romantische“ Vorstellung von der kroatischen Geschichte hat.[21] Was Finkielkraut (gleich einigen anderen westlichen Intellektuellen) übersah (oder übersehen wollte) – und was auch Jurčević ignoriert –, ist die Tatsache, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Obsession derjenigen, die seit Mitte der 1980er Jahre der kroatischen Nation eine Neigung zum Genozid anheften wollten, bei Tuđman seinerseits (ebenso wie bei Jurčević) zur Obsession geraten ist. Tuđmans quellenkritische Methode, mit der er seine Gegner attackiert, endet bei jenen Quellen, mit denen er seine eigenen Behauptungen zu untermauern sucht. So stützt er sich u.a. auf die Aussagen zweier ehemaliger Lagerinsassen von Jasenovac, Vojislav Prnjatović und Ante Ciliga. Diesen zufolge sei Pavelićs „Kroatische Rechtspartei“ ihrer Herkunft nach „philosemitisch, ja geradezu eine jüdische Partei unter den Kroaten“ gewesen. Jasenovac wird als bloßes „Arbeitslager“ geschildert. Die innere Lagerverwaltung habe fast ausschließlich in den Händen von Juden gelegen. Sie seien es auch gewesen, die die „Initiative bei der Vorbereitung und Provozierung“ des „Massenmords an Nicht-Juden“ ergriffen hätten (eine Aussage, die im logischen Widerspruch zu der Behauptung steht, dass Jasenovac ein Arbeitslager war). Was Tuđmans „Zeugen“ weiter von sich geben, ist Antisemitismus pur: „Die Juden rufen Missgunst und Hass hervor“; sie seien egoistisch, verlogen, feige usw. Kurzum: „Jude bleibt Jude, auch im Lager Jasenovac.“[22] Zwar räumt Tuđman im Anschluss an die Aussage Prnjatovićs ein, dass dessen Urteil von Übertreibungen („wir könnten sagen [mogli bismo reći]: von einer antisemitischen Einstellung“) geprägt sei[23], aber dann gibt er Ciligas ähnlich lautende Ausführungen ohne jede Einschränkung, Erläuterung oder Kritik wieder. Gewiss: es handelt sich nicht um Tuđmans eigene Worte, sondern um Zitate. Aber während Tuđman die Zitate seiner Gegner minutiös auseinander nimmt und kritisiert (und dies in vielen Fällen zu Recht), begnügt er sich hier mit einer kommentarlosen Wiedergabe. Somit muss der Eindruck entstehen, dass die Zitate das ersetzen sollen, was der Autor in eigenen Worten nicht zu sagen wagte. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, dass Tuđman mit seinem Werk in zwei Richtungen zielte: Er wollte nicht nur die Zahl der Opfer von Jasenovac drastisch heruntersetzen (wobei er der historischen Realität rein rechnerisch näher kam als viele seiner Gegner), sondern er wollte auch die Opfer als eigentliche Täter „entlarven“ oder sie zumindest in ein zweifelhaftes Licht rücken. Sie, die jüdischen Täter – und nicht die kroatische Nationalisten und Rassisten – hatten die kroatische Vergangenheit besudelt.

Jurčević hat viele von Tuđmans Argumenten und teilweise auch dessen Vorgehensweise übernommen. So auch ein anderer Autor, Petar Vučić, der 2001 in Zagreb sein Buch über „Judentum und Kroatentum. Ein Beitrag zur Untersuchung der kroatisch-jüdischen Beziehungen“ veröffentlichte.[24] Die Kernthese dieses Autors lautet, dass es in Kroatien keinen (oder allenfalls einen „importierten“) Antisemitismus gegeben habe. Der Autor ist kein Holocaust-Leugner und wird nicht müde, antijüdische Stereotypen zu kritisieren. Im Duktus eines um Objektivität, Rationalität und Nüchternheit bemühten Autors versucht er nachzuweisen, dass Äußerungen, die anderswo als Antisemitismus eingestuft werden, im kroatischen Fall nur Realitätsbeschreibungen seien. Er „wirbt“ bei seinen Lesern um „Verständnis“ für die „parasitäre“ Rolle der Juden und ihre internationalistische Orientierung, die nun einmal bedauerlicherweise in einem Spannungsverhältnis zu den Nations- und Nationalstaatsbildungsprozessen der Kroaten stehe.

Was rechtsradikale, neo-nazistische Kreise in Deutschland und einigen anderen Ländern als „Auschwitzlüge“ bezeichnen, ist für nationalistische Kreise in Kroatien die „Jasenovac-Lüge“ bzw. das „Jasenovac-Märchen“ („jasenovačka bajka“)[25]. In beiden Fällen geht es darum, ein numerisch nicht exakt und lückenlos dokumentierbares Verbrechen in seinen Dimensionen bis zur Unkenntlichkeit zu bagatellisieren oder gänzlich zu leugnen, um die jeweilige nationale Vergangenheit „zu reinigen“, indem Massenmorde zu bloßen Verleumdungen und historischen Fälschungen erklärt werden. Sowohl im vorliegenden Werk wie in verschiedenen Interviews (so im offiziellen Organ der Katholischen Kirche in Kroatien „Glas koncila“), jongliert Jurčević mit offensichtlich absurden Zahlen – zwischen 55 (!) und 1,4 Millionen (!) Opfern – und versucht, die Seriosität neuer Erhebungen und Berechnungen damit ins Lächerliche zu ziehen.[26]

Der nur der „historischen Wahrheit“ und dem „Humanismus“ verpflichtete Autor hat das Unwort „Mythos Jasenovac“ bereitwillig und gedankenlos übernommen und lässt wiederholt erkennen (unter tunlichster Vermeidung klarer Aussagen), dass er Jasenovac als „Arbeitslager“ versteht, dass es einen Genozid an den Serben im „Unabhängigen Staat Kroatien“ nicht gegeben habe, dass die Ausführungen über die Rassenpolitik und das Terrorsystem des Ustaša-Regimes bei Fikreta Jelić Butić[27] unausgewogen seien bzw. „dass mit der Kenntnis der Quellen zu diesem Thema bei der Autorin etwas nicht in Ordnung ist“ (149).

Die Tatsache, dass es auf dem Gelände von Jasenovac eine Vielzahl von Werkstätten und kleinen Betrieben gab, bedeutet nicht automatisch, dass Jasenovac kein Vernichtungslager war. Dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Vernichtungslager in vielen Fällen (im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich ebenso wie in der Sowjetunion Stalins oder anderswo, z.B. im „Unabhängigen Staat Kroatien“) fließend waren und dass man Menschen auch durch Arbeit vernichten kann (man denke an den Slogan in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Theresienstadt, Dachau oder Auschwitz: „Arbeit macht frei“) sollte auch einem Forscher wie Jurčević nicht unbekannt sein. Selbst die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht im „unabhängigen“ Kroatien waren von den Zuständen in Jasenovac entsetzt. Der„Deutsche Bevollmächtigte General“ in Zagreb, Edmund Glaise von Horstenau – alles andere als ein Gegner des kroatischen „Staates“ –, sah sich deshalb zu einer Intervention beim kroatischen Staatsführer Ante Pavelić veranlasst. In einer Aktennotiz für die Besprechung am 17. November 1942 schrieb Glaise-Horstenau in dem ihm eigenen Stil: „Vermutlich wegen Überfüllung des Lagers Jasenovac wurde im Interesse der Lagerinsassen in der Form Platz geschaffen, dass 1500 umgebracht wurden.“[28] Nach der offensichtlich erfolglosen Unterredung mit Pavelić notierte er sarkastisch: „Jasenovac ist ein Paradies! Ein Pfarrer ist dort eines natürlichen Todes gestorben, alle anderen erfreuen sich bester Gesundheit.“[29] Und im Frühjahr 1943 schrieb er an das Oberkommando der Wehrmacht: „In der Tat ist die von Haus aus äußerst schwach fundierte Ustaschabewegung mit ihrer wahnsinnigen Ausrottungspolitik und ihren Gräueltaten zum Symbol der missglückten Staatsschöpfung geworden.“[30] Das Ergebnis der ethnischen Säuberungen im Ustaša-Staat, die sich in einem breiten Spektrum von Zwangsumtaufen, Deportation, Flucht, Exekutionen im Gelände und systematischen Massenmord realisierten, fasste Pavelić in einem Gespräch mit dem deutschen Sondergesandten Edmund Veesenmayer Anfang 1943 in der Äußerung zusammen: „Zur Gründung des Staates hatten wir etwa 30% Serben, nun haben wir durch die Verdrängung und Massakrierung nur noch 12-15%. Die in diesem Zusammenhang erfolgten Exzesse haben irgendwie doch für den kroatischen Staat positive Auswirkungen gehabt.“[31]

Ohne hier auf weitere Einzelheiten eingehen zu können – zur Geschichte des USK existiert eine umfangreiche, durch Quellen gut dokumentierte Literatur –, bleibt festzuhalten, dass Serben, Juden und Roma im Ustaša-Staat Opfer eines Genozids wurden, sofern man die Definition von „Völkermord“ durch die Vereinten Nationen zugrunde legt. Bei den Mordaktionen gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien und Bosnien-Herzegowina handelte es sich nicht – jedenfalls nicht allein und in erster Linie – um „spontane“ Exzesse in einem Bürgerkrieg bzw. um die Verteidigung der kroatischen Heimstätte gegen serbische Četnici und kommunistische Partisanen, sondern um einen intentionalen Prozess, der nicht nur in den richtungweisenden Dokumenten der Ustaša-Bewegung (dem Statut, Ustav, und den Grundsätzen, Načela), sondern auch in einer Fülle von Gesetzen und Verordnungen des Staatsführers (Poglavnik) unmittelbar nach der Machtübernahme – angefangen mit der Verordnung zum „Schutz von Volk und Staat“ vom 17. April 1941 – ihren Niederschlag gefunden haben.[32] Zwar kam es unmittelbar nach Staatsgründung auch zu zahlreichen (und wahrscheinlich unkoordinierten) Mordaktionen der „wilden Ustaše“ (divlje ustaše), die auch für die neue Staatsführung zum Problem wurden, doch parallel dazu schritt der Aufbau eines Terrorapparats mit der Einrichtung von außerordentlichen „Haupt- oder Staatsdirektionen“, Sondergerichten, Konzentrationslagern, des „Ustaša-Aufsichtsdienstes“ sowie mit Aufhebung elementarer Grundsätze des Rechtsstaats zügig voran.[33] Der völkische und rassistische Furor der Ustaše richtete sich gegen alles, was „unkroatisch“ (nehrvatsko) war. Das konnten auch politischer Gegner kroatischer Nationalität sein, zumal sich mehr und mehr Kroaten vom Regime distanzierten.[34]

Aus der Tatsache, dass auch „unkroatische“ Kroaten von den Ustaše verfolgt wurden, kann man jedoch nicht folgern – wie Jurčević dies in einer Diskussion Ende April 2006 getan hat –, dass das Kriterium für Verfolgung im Ustaša-Staat nicht ethnischer Art gewesen sei (nije bio etnički).[35] Mit dieser absurden These setzt sich Jurčević souverän über alle der Forschung seit langem bekannten Quellen zur Ustaša-Bewegung hinweg. Dass Hitler – trotz wiederholter Forderungen seitens der Wehrmachtsbefehlshaber, das Pavelić-Regime zu beseitigen und den deutschen Gesandten in Zagreb, Siegfried Kasche, den „Don Quixote der deutschen Diplomatie“, abzulösen – dem Wüten der Ustaše bis Kriegsende tatenlos zusah, weist dem „Dritten Reich“ nicht nur die Verantwortung, sondern auch eine Mitschuld an den Verbrechen in Jasenovac zu.

Jurčević, der sich gern auf die historische Forschung im Westen, in dem „am höchsten entwickelten Teil der Welt“ beruft (5 und passim), huldigt einem schwer zu überbietenden wissenschaftlichen Provinzialismus. In seinem Literaturverzeichnis (213–220) finden sich zwar viele Titel, die mit dem Thema seines Buches wenig oder gar nichts zu tun haben, aber nicht ein einziger Titel in einer fremden Sprache. Die internationale Forschung (zum Holocaust, zu den Konzentrationslagern, zu Kriegsverlusten, Völkermord und ethnischen Säuberungen) sind ihm unbekannt (es sei denn, dass einer der Autoren oder Autorinnen im früheren Jugoslawien diese Forschungen herangezogen hat). Offenbar ebenfalls unbekannt sind ihm die Debatten über Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996).

Am problematischsten aber ist Jurčevićs Wissenschaftsverständnis: Wenn Autoren wie (der serbische Emigrant) Bogoljub Kočović oder (der kroatische Ex-Partisan) Vladimir Žerjavić in ihren Arbeiten über die Kriegsverluste im Zweiten Weltkrieg vor dem Zerfall Jugoslawiens warnen und für dessen Erhalt plädieren, dann können sie nach Jurčevićs Auffassung keine Wissenschaftler sein. Zwar konzediert Jurčević, dass „gegen den Zahlenteil in B. Kočovićs Arbeit […] kaum etwas einzuwenden“ sei (112) und dass Žerjavićs Berechnung der Kriegsopfer „konsequent nach der statistischen Methode vorgenommen wurde“ (120), aber von einer höheren Warte – von der vermeintlich (nicht)wissenschaftlichen „Motivation“ der Autoren – her betrachtet, seien ihre Werke unwissenschaftlich. Jurčević empört sich darüber, dass Žerjavić mit seinem Buch zur Rettung des jugoslawischen Staates habe beitragen wollen (121). Wer so etwas will, kann nicht objektiv sein. Deshalb „sucht er [Žerjavić] in diesem Kreis chaotisch nach interpretativen Lösungen. Schließlich begibt er sich in den sozrealistischen Pathos, indem er dem Wunsch Ausdruck verleiht, ‚es möge endlich die Vernunft siegen, damit wir wieder ein ruhiges und erfolgreiches Leben führen können, das bei uns sicherlich jeder Mensch herbeisehnt’“ (122). Jurčević fährt einige Zeilen später fort: Žerjavić spiele „oberflächlich und geradezu unernst mit den Zahlen der Opfer von Jasenovac und Bleiburg. Völlig unglaubhaft schließt er, dass in Jasenovac ‚etwa 50.000 Serben umgekommen sind’, und in Bleiburg auch ‚etwa 50.000 Kroaten und Moslems’“ (123). Entlarvend für das Wissenschaftsverständnis von Jurčević ist schließlich der (in der deutschen Übersetzung völlig missglückte) Satz: „Insgesamt betrachtet – ist so konsequent ihre [Kočovićs und Žerjavićs] Berechnungen (erschöpfend in jedem Sinne des Wortes) auch sein mögen, und ihre Hypothesen auch nicht unlogisch sind – für die Bestimmung der Höhe des wissenschaftlichen Wertes ihrer Arbeit die Motivation und das Konzept von entscheidenderer Bedeutung als die Berechnung selbst“ (126f.; Hervorhebung H.S.).

Was Jurčević vorschwebt, ist also eine Art Gesinnungswissenschaft – ganz in der Tradition kommunistischer Kader, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Diese Gesinnungswissenschaft muss national(istisch) fundiert sein, anderenfalls ist sie nicht „objektiv“. Das heißt, dass nach Jurčevićs Maßstäben auch der „strengobjektive“ Vasilije Krestić aufgrund seiner ausgeprägten nationalistischen „Motivation“ ein vollkommener Wissenschaftler ist (wenn auch bedauerlicherweise im falschen Lager)! Tatsächlich aber stehen Nationalismus und Geschichtswissenschaft in einem ausgeprägten Spannungsverhältnis. Ein Nationalist kann auf Dauer kein guter Historiker und ein guter Historiker kann kein Nationalist sein.

Jurčević „ist zur neuen Ikone der kroatischen Rechten geworden“, heißt es in einem Artikel der „unabhängigen“ kroatischen Wochenzeitung „Nacional“ vom Mai 2006. „Er bringt die Standpunkte der politischen Rechten zum Ausdruck – eines bedeutenden Teils des kroatischen politischen Lebens, der seine Stütze verloren hat, seitdem [Ministerpräsident] Ivo Sanader die ‚Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ) in die politische Mitte entführt hat. Unter diesen Umständen hat sich die Rechte entschlossen, einen neuen Repräsentanten zu finden.“[36] Auch wenn Jurčević in breiten Kreisen nicht besonders bekannt sei, repräsentiere er das, was die rechte Wählerschaft brauche. Seit zwei Jahren beschäftige er sich nicht mehr mit Jasenovac. Er habe begriffen, dass ihm das schade, da es „unmöglich“ sei, die Zahl der Opfer von Ustaša-Verbrechen zu verringern. Eine „zuverlässige“ (vjerodostojan) Liste der Opfer, die in der Gedenkstätte Jasenovac angefertigt wurde, enthalte 79.000 Namen, und in Belgrad spreche man von 85.000 Opfern. Umso mehr werden Jurčevićs Verdienste bei der Abrechnung mit kommunistischen Verbrechen und die Tatsache gewürdigt, dass er sich an vielen Initiativen der kroatischen Rechten (wie den Protesten gegen das Haager Tribunal) engagiert habe. So wie Jurčević bestrebt war, die Ustaša-Opfer zu minimieren, so ist er nun bestrebt, die Opfer des Kommunismus (und der serbischen Aggression) zu maximieren. „Unzweifelhaft“, so heißt es im Artikel des „Nacional“, sei er der „intellektuelle Leader der enttäuschten Rechten“. Jurčević erklärte dazu in aller Bescheidenheit, dass ihn die Rolle des Führers (vođa) nicht interessiere. „Ich bin kein Führer, sondern Humanist und Wissenschaftler“.[37]

 

Rezensiert von Holm Sundhaussen (Osteuropa-Institut, Berlin)
Email: sundhaus@gmx.net

 


[1] Begleitschreiben vom 22.10.2007.

[2] Jurčević, Josip: Nastanak jasenovačkog mita: problemi proučavanja žrtava drugog svjetskog rata na području Hrvatske. Zagreb: Hrvatski studiji Sveučilišta 1998. 202 S. (2. Aufl. 2005).

[3] Ivo Pilar (1874–1933) war ein kroatischer Historiker und Politiker. Deutschen Lesern ist er eher unter seinem Pseudonym „L. v. Südland“ bekannt. 1918 veröffentlichte er in Wien „Die südslavische Frage und der Weltkrieg. Übersichtliche Darstellung des Gesamt-Problems“,worin er sich ausführlich mit dem „großserbischen Imperialismus“ auseinandersetzte. Eine vollständige kroatische Übersetzung des Buches erschien erstmals 1943 in Zagreb, wo ein Jahr später auch die dritte Auflage der deutschen Originalausgabe publiziert wurde. 1990 kam die zweite Auflage der kroatischen Übersetzung heraus.

[4] Vgl. „Novi glas hrvatske desnice“, in: Nacional. Neovisni News Magazin, Nr. 550, 29.5.2006, http://www.nacional.hr/articles/view/25498/. Ob Jurčević mittlerweile doch die ersehnte Professur erhalten hat, wie in einigen Zeitungsberichten aus dem Jahr 2007 angedeutet wird, konnte ich bisher nicht überprüfen.

[5] Jurčević, Josip: Bleiburg. Jugoslavenski poratni zločini nad Hrvatima. Zagreb 2005; Ders. u.a.: Čuvari bleiburške uspomene. Zagreb 2003 (2. Aufl. 2005); Ders. u.a.: Crna knjiga komunizma u Hrvatskoj. Zločini jugoslavenskih komunista u Hrvatskoj 1945. g. Zagreb u.a. 2006, zugleich mit Ausgaben in englischer und deutscher Sprache (Die schwarze Liste des Kommunismus in Kroatien. Die Verbrechen der jugoslawischen Kommunisten im Jahre 1945 in Kroatien. Wien u.a. 2006).

[6] Krestić, Vasilije: O genezi genocida nad Srbima u NDH, in: Književne novine, 15.09.1986, 1–4.

[7]Darin werden u.a. die Aufsätze der beiden Mitarbeiter des Statistischen Bundesamts in Belgrad, Ivo Lah und Dolfe Vogelnik, von 1951/52, die Arbeit des kroatischen Historikers Bruno Bušić von 1966 sowie die bahnbrechenden Untersuchungen von Vladimir Žerjavić und Bogoljub Kočović von 1989/90 zusammengefasst.

Erwähnt wird auch der atemberaubende Artikel, den Vladeta Vučković, Professor für Mathematik an der Indiana University South Bend in den USA, im Jahr 1985 in der Londoner Emigrantenzeitschrift „Naša reč“ („Unser Wort“) veröffentlichte. Vučković war nach Kriegsende als Student im Statistischen Bundesamt Jugoslawiens beschäftigt gewesen. In seinem Artikel unter der Überschrift „Begräbnis eines Mythos“ erzählt er die abenteuerliche Story, wie er im Vorfeld der Pariser Reparationsverhandlungen 1947 den Auftrag erhielt, innerhalb von zwei Wochen (!) die Bevölkerungsverluste Jugoslawiens zu errechnen – mit der Auflage, dass diese Zahl den bereits umlaufenden Angaben (1,7 Millionen Opfer) möglichst nahe kommen und wissenschaftlich fundiert sein solle! Dass dieser brisante Auftrag nicht versierten Statistikern, sondern einem Studenten erteilt wurde, gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten im Umgang mit den Opfern des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien. Vučković errechnete für die Bevölkerungsverluste auftragsgemäß – und mit bemerkenswerter Treffsicherheit (zumal die erste Volkszählung nach dem Krieg erst 1948 stattfand) – eine Zahl von 1,7 Millionen. Wenige Tage später habe er aus der Presse erfahren, dass die jugoslawische Regierung die von ihm ermittelten demographischen Verluste in der Öffentlichkeit als Kriegstote „verkaufte“! Unter den „Toten“ befanden sich neben Ungeborenen auch die von den nationalsozialistischen Behörden evakuierten oder von der Tito-Bewegung vertriebenen Jugoslawien-Deutschen, politische Emigranten und andere Gruppen – mehrere hunderttausend Personen, die entweder nie gelebt hatten oder noch am Leben waren. Fortan geisterten diese „toten Seelen“ durch alle jugoslawischen und viele ausländische Publikationen (einschließlich der Enzyklopädie des Holocaust) – siehe: Vladeta Vučković: Žrtve rata. Sahrana jednog mita, in: Naša reč 38 (Oktober 1985).

[8]Darüber hinaus werden die Arbeiten von Đorđe Miliša, Dragomir Džoić, Fikreta Jelić Butić und Narcisa Lengel Krizman diskutiert. Die bibliografischen Angaben finden sich auf S. 213ff.

[9] Bulatović, Radomir: Koncentracioni logor Jasenovac s posebnom osvrtom na Donju Gradinu: istorijsko-sociološka i antropološka studija. Sarajevo 1990, 413 und passim.

[10] Vgl. Jasenovac Research Institute: http://www.jasenovac.org/JRI; Mutić, Mladen: Ni mrtvima nedaju mira, YU panorama 1 (1991), 36, zitiert nach Robert M. Hayden: Balancing Discussion of Jasenovac, S. 214.

[11] Mayers, Paul / Campbel, Arthur: The Population in Yugoslavia. (Hrsg.) Bureau of Census in Washington DC 1954.

[12] Osteuropa-Handbuch: Jugoslawien. Hg. Werner Markert. Köln, Graz 1954, 37ff. Vgl. auch Sundhaussen, Holm: Wirtschaftsgeschichte Kroatiens im nationalsozialistischen Großraum 1941–1945. Stuttgart 1983, 255ff. Ich habe seinerzeit die unmittelbaren Kriegsverluste auf dem Territorium des Ustaša-Staates (in Kroatien und Bosnien-Herzegowina) auf 600.000 geschätzt (258). Zu einem ähnlichen Ergebnis (587.000, davon 271.000 in Kroatien und 316.000 in Bosnien) kommt Žerjavić, Vladimir: Gubici stanovništva Jugoslavije u drugom svjetskom ratu. Zagreb 1989. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse von Žerjavić findet sich im Internet unter: http://www.hic.hr/books/manipulations/p06.htm.

[13] Aus den Kriegsopfern ausgeschlossen waren alle, „die im Laufe des Volksbefreiungskampfes auf Seiten der Besatzer oder einheimischen Verräter irgendwie umkamen (ob im Kampf, als Helfer oder Sympathisanten)“, zit. nach Jurčević, 59.

[14] Krušelj, Željko / Zagorac, Đjuro: Sporna knjiga mrtvih, in: Danas vom 21.11.1989, 24f.

[15] Jasenovac. Žrtve rata prema podacima Statističkog zavoda Jugoslavije. (Hrsg.) Bošnjački institut. Zürich, Sarajevo 1998.

[16] Das erklärt sich u.a. dadurch, dass diejenigen, die aus der amtlichen Kriegsopfer-Definition ausgeschlossen wurden, wohl kaum zu den Opfern von Jasenovac gehörten.

[17] Tuđman, Franjo: Irrwege der Geschichtswirklichkeit. Eine Abhandlung über die Geschichte und die Philosophie des Gewaltübels. Zagreb 1993 (kroatische Originalausgabe 1989; siehe Anm. 19).

[18] Tuđmans Apologeten haben errechnet, dass die ins Englische übersetzten Textstellen, auf die sich viele Kritiker in internationalen Medien beriefen, nur 1,86 Prozent des Gesamtumfangs von Tuđmans Buch ausmachten. Vgl. Knežević, Anto: Mitovi i zbilja: međunarodno značenje Tuđmanovih „Bespuća“ u razotkrivanu uzroka srpsko-hrvatskih rata i razlaza. Zagreb 1992, 45.

[19] Tuđman, Franjo: Bespuća povijesne zbiljnosti. Rasprava o povijesti i filozofiji zlosilja. Zagreb 1989, 316. Unter den Todesursachen werden v.a. Krankheit und Unterernährung (weniger Folter und Mord) hervorgehoben.

[20] Jurčević wirft Tuđman vor, dass dieser die Arbeit von Bogoljub Kočović zu positiv beurteilt habe (dazu weiter unten im Text) und dass Tuđman 1989 zu einer „falschen Beurteilung der Ereignisse“ in Jugoslawien gekommen sei, wenn er schreibt: „Es gibt zahlreiche Gründe, die zu dem Schluß führen, dass aufgrund alles dessen, womit wir uns in diesem Buch ‚Bespuća’ beschäftigt haben, die Zeit der Vernunft gekommen ist, denn was für ein Irrsinn müsste sich im wirklichen und geistigen Leben noch zusätzlich zu jenem ereignen, den es schon gegeben hat.“ Zit. nach Jurčević, 178.

[21] Zum Folgenden vgl. Sundhaussen, Holm: Das „Wiedererwachen der Geschichte“ und die Juden: Antisemitismus im ehemaligen Jugoslawien, in: Juden und Antisemitismus im östlichen Europa. Hgg. Marina Hausleitner / Monika Katz. Wiesbaden 1995, 83ff.

[22] Tuđman, Bespuća, 316ff. Dass es unter den Juden – und allen anderen KZ-Häftlingen – auch Personen gab, die aus Angst, Schwäche oder Hoffnung mit ihren Peinigern „kollaborierten“ und andere Häftlinge auszugrenzen bemüht waren, ist unbestritten. Was Tuđmans „Zeugen“ über die Juden behaupten, gilt auch für Kroaten, Deutsche, Serben etc.

[23] Ebda., 318.

[24] Vučić, Petar: Židovstvo i hrvatstvo. Prilog istraživanju hrvatsko-židovskih odnosa. Zagreb 2001.

[25] Überschrift eines Abschnitts bei Knežević, Mitovi, 15ff.

[26] Vgl. Glas koncila, 16.5.2004, Interview; http://www.glas-koncila.hr/rubrike_interview.html?news_ID=1126. Vgl. auch Jurčević, 44f.

[27] Jelić-Butić, Fikreta: Ustaše i Nezavisna Država Hrvatska 1941–1945. Zagreb 1977, 158ff. Die Autorin geht lediglich in einer Anmerkung (187, Anm. 214) auf die Opferzahl in Jasenovac ein, wobei sie die damals offiziell kursierenden Angaben übernimmt. Ihr Hauptinteresse galt nicht den Zahlen, sondern der Analyse des Ustaša-Regimes.

[28]Aktenvermerk Glaise-Horstenaus vom 17.11.1942, Bundesarchiv/Militärarchiv, 75833.

[29]Ebenda.

[30] Zit. nach Fricke, Gerd: Der „Unabhängige Staat Kroatien“ in der Sicht des Deutschen Bevollmächtigten Generals in Agram, Glaise v. Horstenau. Freiburg 1972, 118.

[31] Zit nach: Der Fall 7. Das Urteil im Geiselmordprozess, gefällt am 19. Februar 1948 vom Militärgerichtshof V der Vereinigten Staaten von Amerika. Hg. M. Zöller. Berlin 1965, 35.

[32] Eine wahre Fundgrube ist die Sammlung der Ustaša-Gesetze und Verordnungen: Zbornik zakona i naredaba Nezavisne Države Hrvatske, Bde. 1–3. Zagreb 1941–1943.

[33] Vgl. hierzu aus der umfangreichen Literatur u.a.: Hory, Ladislaus / Broszat, Martin: Der kroatische Ustascha-Staat 1941–1945. Stuttgart 1964; Jelić Butić (siehe Anm. 27); Sundhaussen, Holm: Der Ustascha-Staat: Anatomie eines Herrschaftssystems, in: Österreichische Osthefte 37 (1995), 2, 497–533; speziell zu Jasenovac Ders.: Das Konzentrationslager Jasenovac (1941–1945): Konstruktion und Dekonstruktion eines Kriegsverbrechens und Weltkriegsmythos, in: Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert. Hgg. Wolfram Wette / Gerd R. Ueberschär. Darmstadt 2001, 370–381; Ders.: Jasenovac 1941–1945, in: Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Hg. Gerd R. Ueberschär. Darmstadt 2003, 49–59.

[34] Die Berichte der deutschen Vertreter vor Ort sind voll mit Klagen darüber, dass es der Ustaša-Bewegung nicht gelungen sei, eine Massenbasis zu schaffen, und dass ihr Regime von immer größeren Teilen der Bevölkerung abgelehnt, ja „gehasst“ werde.

[35] „Man weiß“, fährt Jurčević fort, „dass eine große Zahl von Kroaten (veliki broj Hrvata) in Jasenovac erschossen wurde. (Aber) man weiß weder, wie viele Serben noch wie viele Kroaten getötet wurden“. Zur Diskussion zwischen Jurčević und dem serbischen Historiker Kosta Nikolić vgl. „Naučna istina o zločini i žrtvma“, in: Danas Vikend, 21.-24.4.2006, http://danas.co.yu/20060421/vikend4.html.

[36] Siehe Anm. 4.

[37]Ebda.

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