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Auf den Spuren von Tom Hanks. Zu Besuch in Eisenhüttenstadt im Rahmen des Seminars „Stadtplanung im Sozialismus“

Frontansicht eines Wohngebäudes mit Relief im WK II

Frontansicht eines Wohngebäudes mit Relief im WK II

Wandmosaik Lindenstraße

Wandmosaik Lindenstraße

Stillgelegtes Hotel Lunik

Stillgelegtes Hotel Lunik

Wohnzimmer-in-DDR-Schauwohnung

Wohnzimmer-in-DDR-Schauwohnung

Zu den ersten Gesichtern, die man in Eisenhüttenstadt sieht, gehört das von Tom Hanks. Kaum im Informationszentrum des Tourismusvereins Oder-Region Eisenhüttenstadt auf der zentral gelegenen Lindenallee angekommen, erblickt man sein Konterfei. Und das ist kein Zufall. Der weltberühmte Schauspieler gehört zu den großen Fans der Stadt, war bereits mehrfach vor Ort und schwärmt von der Planstadt in Talkshows. Auch eine Stadtführung soll er schon absolviert haben. Den dramatischen Rückgang der Einwohnerzahl konnte zwar auch er – ebenso wie die jüngst medial breit begleitete Kampagne zum kostenlosen Probewohnen in der Stadt – nicht stoppen, zumindest aber die internationale Bekanntheit der Stadt steigern.

Diese steht in einer Linie mit dem polnischen Nowa Huta, Dimitrovgrad in Bularien und Dunaújváros in Ungarn für die frühen stalinistischen Ideen der Stadtplanung im kommunistischen Osteuropa nach 1945. Hier entstand das Eisenhüttenkombinat Ost, das zum Zentrum der neu zu entwickelnden DDR-Stahlproduktion avancieren und alle Etappen der Stahlproduktion, von der Erzeugung von Roheisen und Stahl bis zur Verarbeitung, vereinen sollte. Obwohl nicht alle Pläne verwirklicht wurden und die Abhängigkeit der DDR von Importen verarbeiteter und unverarbeiteter Stoffe aus West- und Osteuropa nie ganz behoben werden konnte, arbeiteten in der Spitze weit über 10 000 Menschen im Kombinat, um das herum sich eine Vielzahl von Industrie- und Dienstleistungsbetrieben ansiedelte.

Diese Menschen mussten natürlich irgendwo wohnen. Bereits in den ersten Jahren entstanden die zentral gelegenen Wohnkomplexe I–IV, deren Konzeption den von der stalinistischen Architektur inspirierten 16 Grundsätzen des Städtebaus in der DDR folgten. Zumindest die ersten drei Komplexe stehen mittlerweile unter Denkmalschutz und zählen, neben der Frankfurter Allee in Ostberlin, zu den herausragenden Architekturdenkmälern dieser Zeit. Die allermeisten der Blöcke sind mustergültig renoviert, sieht man von leichten Aufhellungen in der Farbgebung und dem nachträglichen Einbau von Balkonen ab. Die meist vierstöckigen Häuserfronten sind um großzügige Innenhöfe herum angeordnet und schließen zur Straße hin ab. Inmitten der großzügigen – und durch Rückbauten teilweise noch großzügiger werdenden Innenhöfe – erwarten die Besucher Kunstwerke, still gelegte Wasserspiele und mittlerweile meist leer bleibende Parkbänke, die erahnen lassen, dass diese einmal soziale Orte gewesen sein müssen, die Möglichkeiten des Zusammenkommens- und lebens ausagierten. 

Interessant sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Komplexen. Legendär ist die Bemerkung Ulbrichts geworden, der von den Zweckbauten nach seinem Besuch 1952 enttäuscht war und mehr Ästhetik anmahnte. So finden sich an einigen Stellen ornamentale Fassaden, großzügige Balkone für die Arbeiter- und Intellektuellenelite und an einigen Stellen sogar Fachwerkelemente, die wohl die nationale Komponente der sozialistischen Architektur stärken sollten. Beeindruckend sind auch die Funktionsgebäude, v.a. die Schulen und Kindergärten, die neben Geschäften zur Deckung des täglichen Bedarfs integraler Bestandteil der Planung der für etwa 5000 Personen geplanten Komplexe waren. Auch wenn vieles mittlerweile leer steht oder umgenutzt wurde – die sozialen und repräsentativen Ideen dieser Ära sind weiterhin sichtbar. Nur in Komplex IV sieht die Lage ein wenig anders aus, bis hierher ist der Denkmalschutz noch nicht vorgestoßen und sofort trifft man an den Gebäuden auf die eigenmächtigen Farb- und Formgebungen der Transformationszeit. Nichts deutet hier mehr auf die in der Lindenstraße zu beobachtende subtile farbliche Trennung und Abhebung von Wohnen (rötlich) und Konsumieren (bläulich) mehr hin, die der heutigen Hauptstraße neben den Hochhausbauten und dem Friedrich-Wolf-Theater ihr Gepräge verleiht.

Breite Magistralen trennen die Komplexe voneinander, an ihnen konzentrieren sich Einkaufsmöglichkeiten und die wenigen verbliebenen kulturellen Institutionen. Aber warum nicht im Zentrum? Mit dem Zentrum ist es so eine Sache. Am Kreuzungspunkt der vier Komplexe erwartet die Besucher… ein Parkplatz und eine schmucklose Grünfläche. Repräsentative Bauten? Bis auf die Stadtverwaltung Fehlanzeige. Wie so oft kam es auch hier nicht zur Realisierung der hochtrabenden Pläne sozialistischer Zentralität. Der Fokus auf den Wohnungsbau, die Verwaltung des Ressourcenmangels, sich verändernde ästhetische Maximen – die Liste an potentiellen Erklärungen und Ausreden ist lang. Das repräsentative Hotel Lunik – früher das erste Haus am Platz und eine Ikone der nach Stalins Tod zur Moderne zurück (oder eher voraus?) tendierenden sozialistischen Architektur – steht seit mittlerweile gut 25 Jahren leer und kommt noch traurig daher. Noch, weil es nach dem Kauf des Gebäudes durch eine lokale Wohnungsbaugenossenschaft Hoffnung gibt, dass das nicht so bleiben muss. Pläne existieren schon, auch wenn die einst so blühende Gastronomie mit Eiscafé und Nachtlokal so wohl nicht wiederkommen wird. Insgesamt besticht, wie engagiert sich die lokalen Bewohner um ihr Erbe kümmern. Keine Graffiti sind zu sehen, die sozialistischen Wandgemälde erstrahlen in voller Farbenpracht, selbst die leerstehenden Gebäude werden mit künstlich aufgemalten Gardinen ansprechend präsentiert. So muss es einem trotz des Besorgniserregenden Bevölkerungsrückgangs und der Krise der Stahlindustrie zumindest architektonisch um die Stadt nicht bange sein. Hier dominiert kein kommerzialisierter DDR-Kitsch, sondern ein aufgeklärtes Bewusstsein von der Relevanz der Vergangenen.

 

Clemens Günther