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Kunst – Hand – Werk

Kunst – Hand – Werk

Konzepte des ästhetischen Objekts zwischen Manufakt, Artefakt und Technofakt

von Dr. Susanne Strätling


1. Fragestellung

Das Projekt untersucht den diskursiven Ort der Hand in ästhetischer Theoriebildung und Praxis. Die Rolle der Hand kennzeichnet hier ein aufschlussreicher Widerspruch. Während einerseits Kulturanthropologie und Medienwissenschaft von einem stetigen Regress der Hand sprechen, der mit der Auslagerung von manuellen Tätigkeiten aus dem Körper in die Maschine und die Prothesen technischer Apparaturen einher geht, ist andererseits in den ästhetischen Praktiken und theoretischen Zugriffen der letzten Jahrzehnte eine Renaissance der Hand als (Material) tastendes, erzeugendes, erfahrendes Körperglied zu beobachten (Leroi-Gourhan 1980; Waldenfels 2002). An diesem ambivalenten Status setzt das Projekt an, indem es die Rolle der Hand in Theorien und Praktiken des Deiktischen, aber auch des Manufakturellen und des Taktilen in den Blick nimmt. Ein solcher Ansatz lokalisiert das künstlerische Zeichen, das die Hand gibt, auf der Schwelle von körperlicher Handgreiflichkeit und abstrahierender symbolischer Handlung. Erst aus dieser Perspektive werden symbolische Techniken als materielle und leibliche Praktiken der performativen Handhabung begreifbar (Wenzel 2003).

Drei argumentative Bögen stehen im Zentrum:

a) Der performative Diskurs: Im Bild der Hand überschneiden sich die Bilder des Künstlers als homo significans und homo faber. In dieser Schnittmenge, die historisch vielfach als Ausschlussmenge gedacht wurde, sind die Bereiche zu erschließen, in denen ästhetische Objekte dezidiert als geformte, gemachte Artefakte in Erscheinung treten und in denen über die Profilierung der Hand als Medium der Manipulation das Kunstwerk aus der Sphäre des Ästhetischen hineinragt in Bereiche des Instrumentellen und Technologischen. Die Materialbasis dieses Strangs betrifft 1) fabrikationsfetischisierende und produktionsästhetisch ausgerichtete Strömungen der Avantgarde, wie v.a. den Konstruktivismus; 2) „organo-poetische“ (Burenina 2003) Konzeptualisierungen der Hand als Werkzeug des Denkens und Gestaltens (vgl. Osip Mandel’štams „denkende Hand“), und 3) Engführungen von Arbeitshand und Ausdruckshand (vgl. das rekurrente Motiv der Hand in der agitatorischen frühsowjetischen Plakatkunst).

b) Der ästhetische Diskurs: Bis in die Moderne hinein ist die Geschichte der Künste eine Geschichte der Konkurrenzen zwischen Handlosigkeit und Handgemachtheit. In dieser wechselseitigen Abgrenzungs- und Usurpationsgeschichte von Manufakt, Artefakt und Technofakt spiegelt sich eine Auseinandersetzung, die bis in die ontologischen Begründungen des Objektes hineinreicht: die Frage nach (göttlicher) Selbstoffenbarung und nach (menschlicher) Gemachtheit, nach Epiphanie und Erzeugung, nach Autogenese und Heterogenese. Das beginnt mit der Kultbildlichkeit der acheiropoieta, der nicht von Menschenhand gemachten Abbilder des Göttlichen, und setzt sich fort bis in die Automatisierung der Künste in Fotografie, Film und Computer, welche die Hand maximal noch als verlängerten Auslöser einsetzen. Der argumentative Schwerpunkt dieses Strangs liegt auf drei Bereichen: 1. der frühen Daguerreotypie und Kalotypie als moderner Formen autopoietischer Kunst, in der Bilder scheinbar selbsttätig aus sich heraus erscheinen und sichtbar werden (vgl. die Metaphorik des ‚pencil of nature’); 2. der spiritistischen Debatte des 19. Jahrhunderts um die Übertragung der Selbstmalens der Bilder in die Schrift, d.h. die Frage nach selbstgeschriebenen Schriften, die das Immaterielle graphisch materialisieren (vgl. die Begrifflichkeit der ‚directen Schrift’); 3. der Zusammenführung beider vorangehender Problemfelder in chironomischen Hand-Portraits, in denen sich Lesbarkeit und Sichtbarkeit als zwei konkurrierende wie einander komplementierende Modi des Zeigens (mit) der Hand verschränken (vgl. z.B. Nadars „Hand eines Bankiers“).

c) Der wahrnehmungstheoretische Diskurs: In der Geschichte der Sinneshierarchie treten beständig das Auge als Fernsinn und die Hand als Nahsinn gegeneinander an. Fast kontinuierlich wurde dem „Adel des Sehens“ (Hans Jonas) dabei die privilegierte Position zugeschrieben, während der ‚proletarischen’ Hand nur eine sekundäre Rolle zukam. Daneben steht eine starke wissenschaftshistorische Tradition der Diskursivierung der Hand zum Kognitionsorgan, in der die Figur des Manuellen und Haptischen zur Denkmetapher rationalisiert wird (man denke nur an abgeschliffene Metaphoriken des Begreifens und Erfassens) bzw. in der die Hand als sinngenerierendes Denkwerkzeug konzeptualisiert oder in das Register der Sprache eingeordnet wird (am deutlichsten wohl in Gestik, Fingeralphabeten, aber auch Chiromantik) (Wehr 1999). In den letzten Jahren sind hier erste Bausteine für eine Geschichte entstanden, die sich gegen diese kognitive und optische Privilegierung des Blicks richtet und ein konkurrierendes Paradigma der Berührungsemphase verfolgt (Benthien 1998; Böhme 1996; Zeuch 2000). Das Projekt will diese Ansätze in folgende Richtungen weiterdenken: 1. im Hinblick auf eine Ästhetik des Kontagiösen; 2. im Hinblick auf symbolische Hybride von (Körper)Kontakt und visueller Dechiffrierung (z.B. den Index, die Spur, den Abdruck u.ä.); 3. im Hinblick auf den Nexus von Manipulation und Simulation (vgl. z.B. das opto-haptische Phänomen der Datenhandschuhe).

In allen genannten Diskursen erscheint die Hand als Movens und zugleich als Grenze der Kunst. Nur aus dieser Auseinandersetzung heraus lässt sich die Konfliktgeschichte manueller und medialer Manipulation begreifen. Es geht mithin weniger um die Frage nach einer nachweisbaren Manufakturalität von Objekten als vielmehr um das Problem, welche Rolle die Hand für die Konzeptualisierung ästhetischer Programmatiken und Objekte spielt. Wie bildet sich über die Hand ein Begriff des Kunstwerks aus? Und wie bildet dieser sich über die Hand immer wieder um?

 

2. Forschungsziel

Ziel der Arbeit ist es, zur Aufarbeitung zweier zentraler ästhetiktheoretischer und -geschichtlicher Fragestellungen beizutragen:

a) Ästhetik der Manipulation: Die Frage nach dem Machen des Kunstwerks ist im Kontext der Relationierung von Kunst, Natur und Maschine zu stellen. Wie werden ästhetische Schaffensprozesse nach natürlichen Werdevorgängen oder technischen Produktionsmodellen konzeptualisiert? Und wie werden die Schemata von Natur und Technik als solche der Genese oder der Selbstgenese des ästhetischen Objekts eingesetzt? Zentral ist hier der Begriff der Manipulation: Das Manipulationistische steht im Doppelsinn seiner Verwendungsweise im Bereich des Taktilen, des Verfertigens, des Manuellen oder gar Manufakturellen, wie auch im Bereich der subtilen Veränderbarkeit, des Gefügigmachens, des Täuschens, des Dienstbarmachens, der objektivierenden Verdinglichung und Steuerung, der autoritären Aneignung und dressierenden Zurichtung, des Arrangements, der technischen Umformung, die in einem Brückenbegriff zwischen Hand und Technologie, dem ‚Digitalen’ zusammenfallen (Baudrillard 1991). Nur in diesem Doppelsinn können ästhetische Objekte als Erzeugte und Erzeugende verstanden werden.

b) Phänomenalität des ästhetischen Objekts: Neben der produktiven Dimension der Hand ist ihre Funktion im Wahrnehmungsgefüge und im sensorisch fundierten Erkenntnisprozess zu berücksichtigen. Eine Leiblichkeitsemphase ästhetischer als aisthetischer Wahrnehmung hätte dabei nicht nur die Hand und das Taktile wiederzuentdecken (Merleau-Ponty). Vor allem wäre zu eruieren, wie über den Tastsinn in der Erfassung der Dinge die Steigerung des manuellen Begreifens zur sensitiven Ergriffenheit, zum affektiven Eindruck provoziert wird. Und wie konfiguriert die Hand das Artefakt in seiner materiellen Gegenständlichkeit? Neben den Weisen distanzierter Rezeption nimmt das Projekt hier das vernachlässigte Gebiet von Poetologien der Berührung, des Kontagiösen, der Nähe in den Blick (Mattenklott 1977; Pethes 2000; Jampol’skij 2001). Nur so ist die Empfindung der Zudringlichkeit des ästhetischen Objekts als pathisches Geschehen der leiblichen Erfahrung einzufangen.

 

3. Relevanz

Aus ästhetischer Perspektive steht die Hand in mehrfacher Hinsicht als Schnittstelle zur Disposition:

a) Die Hand als Werkzeug, das Körperbeherrschung und Medienbeherrschung gleichermaßen betrifft, vermittelt zwischen den Polen Kunstschaffen und Technologie, Ästhetik und Technik, Artistik und Mechanik. Konzepte einer Ästhetik des Manuellen aufzuspüren und zu erarbeiten, bedeutet somit, über die Hand als korporales Werkzeug der Kunstproduktion Bereiche zu erschließen, in denen der Schaffensprozess als performative Poiesis ausformuliert ist und in denen über die Figur der Hand das Kunstwerk als Medium der Manipulation zu erfassen ist.

b) Über den poietisch-performativen Aspekt hinaus fokussiert eine ästhetische Mediengeschichte der Hand ein epistemologisches Problem, indem sie nach der Anthropo-Metaphorik erkenntnisfähiger Organe fragt bzw. analysiert, wie die Hand in zahlreichen Wissensfeldern als Medium des Erkennens eingesetzt wird.

c) Der Status des Manuellen erweist sich als Scheidepunkt zwischen Kunst oder Nicht-Kunst. Ob ein Objekt unter Einsatz der Hand oder unter Umgehung derselben entstand – diese Frage provoziert Bilderkriege. Die Verwerfung der Hand erweist sich bis in die Gegenwart hinein als ästhetiktheoretisch höchstrelevante Kategorie (Keil 1978; Latour/Weibel 2002). Aktualität gewinnt sie v.a. im Gefolge der technischen Reproduktionsmedien, welche die Frage des von Menschenhand Gemachten in das Problem des von Medien Manipulierten umformulieren. Wo die gestaltende Hand sich zur Maushand verformt und zum Fingerdruck verkürzt, tritt nicht nur die acheiropoiesis in ein neues Zeitalter ein. Ihre Verfremdung zu einem Prinzip der technischen Automatisierung eröffnet einen Problemhorizont des Kunstwerks zwischen Geformtem und Gestaltetem auf der einen Seite und scheinbar aus sich selbst heraus erzeugten Objekten auf der anderen Seite. Performanz und Autoperformanz markieren die äußersten Pole des Spannungsfeldes, in dem sich die Frage ‚Was ist Kunst?’ zu situieren hat.