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Russische Kultur als europäische Kultur

Eine Zusammenfassung

Der Blick auf die russische Kultur als integraler Bestandteil der europäischen Kultur reflektiert zum einen die legendären wie auch aktuellen Diskussionen um Russlands Rolle in Europa und wendet sich gleichzeitig gegen die andauernde Stigmatisierung Russlands zum wesenhaft Anderen des Westens. Besondere Aktualität gewinnt diese Fragestellung vor dem Hintergrund der von Samuel Huntington Anfang der 1990er Jahre in die politische Debatte eingebrachte Formel vom Kampf der Kulturen (Clash of Civilisations), die die Zukunft der Weltgesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges und des Blockdenkens bestimmen würde (Huntington 1991 und 1993??). Inwieweit diese Prognose wissenschaftlich tragfähig ist, sei dahin gestellt, sie hat jedoch nichts an Popularität eingebüßt. Fraglos ist ihre Griffigkeit und Einfachheit als Erklärungsansatz für laufende Konflikte, die unter Berufung auf kulturelle Besonderheiten des Gegners abgetan oder sogar geschürt werden können. Sie ist zugleich Beweis für die unvermindert virulente Bedeutung  und die mögliche Instrumentalisierung von Kultur  für politische Ziele und Zwecke.

 

Die Berufung auf kulturelle Besonderheiten hat eine lange Geschichte. Dies gilt für die Selbst- und Fremdwahrnehmungen in allen europäischen Ländern einschließlich Russlands. Und die Gegenwart steht der Vergangenheit in nichts nach. Während Michail Gorbatschow 1987 noch vom Gemeinsamen europäischen Haus spricht, schreibt Boris Jelzin 1996 einen Wettbewerb zur Erneuerung der Russischen Idee aus. Umgekehrt kommt Russland im Prozess der europäischen Einigung mit seiner Osterweiterung eine höchst ambivalente Rolle zu. Wie der Rückblick auf zwei Jahrhunderte zeigt, werden ausgrenzende, essentialistische Konzepte von Kultur besonders in Umbruchs- und Krisenzeiten entworfen respektive bevorzugt. Dagegen treten alternative, auf Integration ausgerichtete Kulturmodelle in solchen Phasen in den Hintergrund.

 

Die Affinität von politischer Lage und dominantem Kulturkonzept wie auch die kurze Geschichte des nunmehr allgegenwärtigen Kulturbegriffs – noch im frühen 19. Jahrhundert ist „Kultur“ nicht nur im Russischen ein Fremdwort – rechtfertigen die Annahme, dass alle Kulturkonzepte, also auch die essentialistischen, Konstruktionen darstellen. Diese These liegt der geplanten Studie zur russischen Kultur als europäischer Kultur zugrunde.

 

Davon ausgehend werden die Homogenität und Dominanz einer Kultur, wie sie etwa nationale Kulturkonzepte gefördert und festgeschrieben haben, in Frage gestellt – noch immer wird zum Beispiel die russische Seele als kulturelle Konstante gehandelt. Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn man bislang verdrängte und vergessene Kulturkonzepte berücksichtigt und die bekannten, kanonisierten Texte einer neuen, vorzugsweise dekonstruktivistischen Lesart unterzieht. Zugleich können durch diese Vorgehensweise einfache Dichotomien wie das Eigene und das Fremde, Orient vs. Okzident zugunsten eines differenzierteren Bedeutungsgewebes aufgebrochen werden.

 

Aus dieser Perspektive zeigen die Karrieren einzelner Kulturkonzepte – ihre Hegemonie, Verdrängung und Renaissance – in Russland und Westeuropa erstaunliche Ähnlichkeiten. Russlands vermeintliche Exotik und Sonderstellung in Europa wird damit ad absurdum geführt. Auch das Selbstverständnis der Osteuropawissenschaften dürfte von der europäischen Dimension dieser Studie tangiert werden. Während die Osteuropawissenschaften noch immer das „Besondere“ – nämlich Osteuropa – zu ihrem Gegenstand machen, beschäftigen sich die entsprechenden Universaldisziplinen mit dem „Allgemeinen“ – implizit gleichgesetzt mit dem Westeuropäischen. Wenn russische Kultur hier als europäische Kultur betrachtet wird, so ist dies auch als Beitrag zur Aufhebung dieser wissenschaftlichen „Arbeitsteilung“ zu verstehen, die einen politisch-ideologischen Hintergrund hat: das tradierte Machtgefälle zwischen West- und Osteuropa.

 

Als Untersuchungsmaterial werden vorrangig programmatische Texte über Kultur –  alte und neue, bekannte und weniger bekannte – herangezogen. Methodische Anleihe nimmt die Studie bei der Diskursanalyse, denn die Macht der Kulturkonzepte, die Instrumentalisierbarkeit von Kultur wird dabei immer mitgedacht. Diese Macht kommt vor allem in Ausgrenzungen zur Geltung: Kulturkonzepte treffen Aussagen nicht nur über das, was Kultur zu sein hat, sondern auch darüber, was nicht als Kultur gelten darf. Aufgrund der Fülle des Materials hat die Studie zwar nur exemplarischen Charakter, ihr Anspruch ist gleichwohl umfassend und wegweisend. Eingelöst wird dieser Anspruch nicht zuletzt durch die Beteiligung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Ethnologie?) und den Dialog von westeuropäischen und russischen Wissenschaftlern, um einer erneuten einseitigen Festschreibung der russischen Kultur bewusst aus dem Weg zu gehen. 

 

Das beantragte Forschungsprojekt verspricht neue Erkenntnisse auf drei Ebenen, der historisch-kulturwissenschaftlichen Forschung, der Theoriebildung und der aktuell politischen Relevanz: 1.Die Erschließung neuer russischer Quellen (periphere oder marginalisierte Diskurse über Kultur) und eine neue Lesart der bereits bekannten russischen Kulturdiskurse wird implizit zur Überwindung eines Eurozentrismus beitragen, der russische Kultur zum Exotischen und Fremden erklärt. Es versteht sich 2. als Beitrag zur theoretisch-methodischen Debatte um den cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften, womit die Profilierung des kulturwissenschaftlichen Ansatzes in den Regionalwissenschaften und eine Neupositionierung der Osteuropastudien und der Osteuropäischen Geschichte einhergeht.

3. Es wird zur kritischen Reflexion auf vermeintliche Kulturkämpfe der Gegenwart beitragen.