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Arbeitspapier 2/2009: Anke Hennig "Die Vergegenwärtigung der Dinge"

News vom 31.12.2009

Die Abteilung Kultur des Osteuropa-Instituts freut sich, die Wiederaufnahme der Tradition der Arbeitspapiere anzukündigen. Mitarbeiter/innen des Instituts stellen hier in loser Folge und offenem Format Ergebnisse aus ihren Forschungen vor. Den zweiten Beitrag der Neuen Reihe der Arbeitspapiere Abteilung Kultur stellt Anke Hennigs Analyse der "Vergegenwärtigung der Dinge" in der russischen Avantgarde dar.

Zusammenfassung:

In der russischen Moderne beginnt ein beispielloser Dynamismus von Veränderungsprozessen die Identität der Dinge aufzulösen. Diese können nun kaum noch in ihrer Statik wahrgenommen werden, ja, selbst sie in ihrer Bewegtheit zu begreifen scheint bereits unangemessen. Denn das „dynamische Ding in Bewegung“ bewegt sich nicht nur hinsichtlich seiner Umgebung, wie Jeremija Joffe 1927 schrieb, sondern auch hinsichtlich seiner selbst. Ein solches Ding ist durch seine Veränderung in den Zeitlauf eingebunden und ist nun nicht mehr einfach gegenwärtig (räumlich präsent) sondern muss stets vergegenwärtigt werden.

In diesem Zusammenhang ist die formalistische Konzeption einer Zeitgenossenschaft der Dinge herauszuarbeiten, auf deren Hintergrund die obsessive Dingästhetik eines seiner Hauptvertreter, Viktor Šklovskijs, zu verstehen ist. Die Ästhetisierung der Dinge in der russischen Avantgarde erscheint hier als Strategie, um den Dingen eine dauernde Gegenwart zu geben und ihnen die Form eines ästhetischen Objektes zu verleihen, das über seinen Artefaktcharakter hinaus eine Struktur seiner „Aktualisierung“ besitzt (Jan Mukařovský). Das Problem lässt sich an den verlorenen Objekten illustrieren, die nur als Doppelbilder zwischen Projekt und Rekonstruktion in die Kunstgeschichte eingegangen sind, wie etwa Vladimir Tatlins Freischwingender Stuhl.

Das Arbeitspapier stellt die nur leicht korrigierte Fassung eines Vortrags dar, der auf der Tagung „Dinge im zeitlichen und kulturellen Transfer“ am Kunsthistorischen Institut/Max-Planck-Institut Florenz, 25.-28.10.2007, gehalten wurde.