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Arbeitspapier 1/2009: Christine Gölz "Wie Evgenij Griškovec' 'Hemd' gemacht ist"

News vom 19.11.2009

Die Abteilung Kultur des Osteuropa-Instituts freut sich, die Wiederaufnahme der Tradition der Arbeitspapiere anzukündigen. Mitarbeiter/innen des Instituts stellen hier in loser Folge und offenem Format Ergebnisse aus ihren Forschungen vor. Den Auftakt der Neuen Reihe der Arbeitspapiere Abteilung Kultur stellt Christine Gölz' Analyse des Romans Rubaška (Das Hemd, 2004) von Evgenij Griškovec dar.

 

Zusammenfassung:

Der Roman Rubaška (Das Hemd, 2004) von Evgenij Griškovec schildert einen Tag im Leben des Architekten Aleksandr, an dem es um alles geht und um nichts und der deshalb alltäglicher nicht sein könnte. Präsentiert werden die Ereignisse und die mit ihnen einhergehende emotionale Innenschau vom fiktiven Großstadt-Melancholiker Aleksander selbst, der sich erzählend auf die Suche nach Ordnung und Sinn macht. Die hier vorgestellte Analyse geht der Frage nach, wie der aus der performativen Theaterpraxis stammende Autor in seinem Prosatext einige seiner typischen dramaturgischen Elemente in narrative Verfahren transformiert. Sie fragt danach, ob sich der von der Bühne bekannte Effekt einer geteilten und doch individuellen Identitätskonstruktion auf der Figurenebene mittels Erzählen wiederholen lässt. Die Analyse zeigt, dass zwar eine Reihe „mimetischer“ Verfahren aus den dramatischen Texten und ihrer Aufführung übernommen werden, die in der Bühnenperformanz mit einem identitätsstabilisierenden Ziel eingesetzte Bezugnahme auf geteilte Erinnerungen im Romannarrativ aber durch eine andere Art der intertextuellen Beziehung ersetzt wird. Für den Erzähltext werden Plotschemata evoziert, die entweder ein klares Ziel der Sujetentwicklung vorgeben (das positiv oder negativ sich lösende Ende einer Liebesgeschichte oder eines Thrillers) oder die intertextuell auf eine identitätsstiftende heroische Mythenstruktur verweisen und sowohl der Romanwelt des Sozialistischen Realismus als auch der Gegenkultur der 1960er Jahre entstammen können. Mit Hilfe dieser narrativen Mustern versucht der Erzähler des Romans seiner Geschichte eines einzelnen Tages Kohärenz und sich selbst Bedeutung zu geben. Da allerdings die im Roman vorgeführten Ordnungsbemühungen in der Konfrontation mit kontingenten Alltagserfahrungen, zu denen auch der Tod gehört, ins Leere laufen, bleibt dem „Helden unserer Zeit“ nur die Flucht in eingeschobene Traumsequenzen, die im Rückgriff auf Identitätsmuster der sowjetischen Vergangenheit heroische Taten gestalten und der Hauptfigur ebenso wie dem (russischen) Leser vertraut sind. Mit seinem eklektischen Umgang mit narrativen Schablonen und dem imaginierten Heldentum auf Zeit, dessen illusionärer Charakter nicht unaufgedeckt bleibt, bietet der Romantext als Ganzes ein (wenn auch prekäres) sinnstiftendes Erzählmuster für den Lebenstext eines Großstadt-Subjekts am Beginn des 21. Jahrhunderts.