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Literatur als Feldforschung - Literatur als Forschungsfeld

(16466)

TypOnline-Seminar
Dozent/inProf. Dr. Susanne Strätling
RaumJK 31/125 (Habelschwerdter Allee 45)
Beginn20.04.2020 | 18:00

Das Seminar führt zwei methodische Stränge zusammen, die sich in den vergangenen Jahren unabhängig voneinander zu einflussreichen literatur- und kulturtheoretischen Paradigmen entwickelt haben: a) die Schreibprozessforschung, b) die Raumforschung. Während die Schreibprozessforschung die „Schreib-Szene“ (Campe) zurückbindet an mediale Techniken, Gesten und situative Rahmungen der Textproduktion, geht es der Raumforschung im Zuge des spatial turn um die Wiederentdeckung der basalen Tatsache, dass nicht nur jedes Ereignis, jede Handlung, jede Erfahrung eine räumliche Signatur aufweist, sondern zugleich auch Räume hervorbringt. Diese Doppelstruktur kennzeichnet auch den Akt des Schreibens. Im Seminar wollen wir das Schreiben unter den oftmals höchst instabilen Bedingungen der Feldforschung untersuchen. Als Ausgangshypothese dieser Untersuchung ließe sich formulieren: Im Kontext der Feldforschung entdecken Schriftsteller die Literatur als Feld wie auch als Instrument und Medium der Forschung neu.

Diese Hypothese überprüft das Seminar systematisch an Fallstudien. In exemplarischer Lektüre von Auszügen aus Expeditionsberichten und feldforschungsbasierten literarischen Texten von ca. 1850 bis in die Gegenwart konzentriert sich die Analyse darauf, wie im Pendeln zwischen oft schwer zugänglichen Räumen und heimischem Schreibtisch, im Ineinander von Sammeln, Faktensichern, Beobachten und Aufzeichnen spezifische Techniken einer „Vertextung der Welt“ (Görbert) herausgebildet werden. Aus Forschungsreisen und Expeditionen gehen Texte hervor, die sich heuristisch im weitesten Sinne als „Transkripte des Raums“ (Augé) bezeichnen lassen, d.h. als Versuche, die Ordnung von Räumen zu erschließen, indem sie in die Ordnung von Texten übersetzt und darin neu angeordnet werden. Um die Spezifik der jeweiligen Ansätze zu erschließen, werden Konzepte aus der Ethnologie und Anthropologie, der Raumtheorie und der kulturtechnischen Genealogie des Schreibens herangezogen. 

Seminarorganisation

Dieses Seminar wird aufgrund der fehlenden Präsenz in seiner Organisationsformen anders als geplant verlaufen. Dennoch hoffe ich, dass es auch in seiner modifizierten Form Material und Anregung für Ihre Forschungsinteressen bietet und wir aus den verschiedenen home offices heraus in einen Austausch darüber eintreten können, welche literarischen Formen der Feldforschung es gibt bzw. wie die Methodik der Feldforschung zugleich auch eine Poetik derselben sein kann.

Zugleich erlaubt uns der Online-Modus auch, vom Korsett des Wochenplans abzuweichen und – dem Anspruch eines forschungsorientierten Masterseminars angemessen – freier zu arbeiten. Ich schlage vor, dass wir Blackboard als eine Arbeitsplattform nutzen, in der thematisch gebündelt Forschungskonzepte und Fallstudien unabhängig vom Wochenrhythmus diskutiert werden können. Ich habe Ihnen deshalb im Blackboard sechs Ordner eingerichtet: einen zu theoretischen Konzepten, fünf weitere mit einzelnen Fallbeispielen. Diese Beispiele bilden ein Spektrum von Feldforschungspoetiken ab, das historisch vom Beginn des 19. Jahrhundert (Chamisso) bis in die Gegenwart (Aleksievič) reicht und das systematisch Poetiken des Sampling (Pil’njak) ebenso adressiert wie die sog. Ethnopoesie (Fichte). Aktuell bilden die Ordner allerdings auch ab, was mir digital zur Verfügung steht. Sobald Bibliotheken und Buchscanner wieder zugänglich sind, werde ich den Bestand erweitern. Selbstverständlich wäre es ideal, Sie könnten die nun erst einmal eingerichtete Sammlung um weitere Materialien ergänzen und dabei auch gerne weitere Fallstudien-Ordner einrichten. Alle TeilnehmerInnen werden im Kurs als „Teaching Assistent“ geführt, so dass Sie alle Rechte haben, selbst Materialien hochzuladen. Zugleich möchte ich Sie bitten, nur nach Rücksprache mit mir Dateien zu entfernen.

Damit Blackboard aber nicht nur eine Sammlung oder ein Archiv wird, sondern sich auch abbildet, dass und wie aktiv damit gearbeitet wird, bitte ich Sie alle, im Verlauf des Semesters drei schriftliche Diskussionsstatements im Umfang von ca. drei Seiten im Diskussionsforum bei Blackboard einzustellen. Diese Statements sollten können sich unter Hinzuziehung der theoretischen Ansätze auf eines oder (vergleichend) auf mehrere Fallbeispiele beziehen, sie können aber natürlich auch rein theoretisch bleiben. In der Gestaltung der Statements können Sie Ihre eigenen Forschungsfragen und ihre Forschungsagenda entfalten. Gerne können Sie dabei, wenn dies Ihrem Denken mehr entspricht, auch freiere, essayistische Formen wählen. Um Ihnen eine Idee zu geben, wie wir im Präsenzseminar die theoretischen und literarischen Texte konstelliert hätten, füge ich Ihnen im Blackboard auch den alten Seminarplan an. Sie können sich aber weitgehend von diesem lösen und Ihre eigenen ‚Paarungen’ des Materials vornehmen.

Bitte stellen Sie Ihre Statements verteilt über den Verlauf des Semesters ein (eines im Mai, eines im Juni, eines im Juli). Ich werde dann im Diskussionsforum Stellung zu Ihren Statements nehmen. Damit Sie aber nicht nur von mir Feedback bekommen, sondern auch von Ihren KommilitonInnen, werden wir folgendermaßen vorgehen: Jede/r Seminarteilnehmer/in formuliert zusätzlich zu seinen eigenen Statements kurze Respondenzen (ca. eine halbe Seite) zu drei anderen eingegangenen Statements. Auch diese Respondenzen posten Sie bitte im Diskussionsforum. Zu welchen Statements Sie Respondenzen schreiben, bleibt ganz Ihnen überlassen. Sie können sich das selbst aussuchen – auch im Seminar würden Sie sich ja zu Diskussionsbeiträgen melden, die Sie relevant finden (und nicht etwa auf Bestellung reagieren).

Dieses Vorgehen ersetzt sicher keine vollwertige Seminardiskussion, aber Sie ermöglicht das vielleicht Wichtigste: konzentrierte Lektüre, fokussierte Reflexion darüber und gezieltes Feedback dazu.

Materialauswahl:

  • James Clifford: On Ethnographic Allegory (1986)
  • James Clifford: Notes on (Field)Notes (1990)
  • Clifford Geertz: Thick Description (1973)
  • Bronisław Malinowski: Argonauts of the Western Pacific (1922)
  • Michel de Certeau: Pratiques d’espace (1990)
  • Bruno Latour: Circulating Reference. Sampling the Soil in the Amazon Forest (1999)
  • Jurij Lotman: Symbolische Räume (1984)
  • Oliver Lubrich/Thomas Stodulka: Emotionen auf Expeditionen (2019)
  • Svetlana Aleksievič: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (U vojny ne ženskoe lico, 1983/1985) 
  • Svetlana Aleksievič: Tschernobyl (Černobylskaja molitva, 1997) 
  • Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813/4) 
  • Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt II (1836) 
  • Hubert Fichte: Xango (1976)
  • Hubert Fichte: Psyche (1980)
  • Michel Leiris: L’Afrique fantôme (1934)
  • Michel Leiris: Cinq études d’ethnologie (1969)
  • Boris Pil’njak: Im Nebelland (Zavoloč’e, 1924)
  • Sergej Tret’jakov: Feld-Herren (Mesjac v derevne, 1930)
  • Sergej Tret’jakov: Dzhonguo (Čžungo, 1932)
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