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Michail Bachtin: Prosatheorie

(16417)

TypSeminar
Dozent/inProf. Dr. Susanne Strätling
RaumKL 29/237 Übungsraum (Habelschwerdter Allee 45)
Beginn22.04.2020 | 10:00

Michail Bachtins Theorie der Prosa, insbesondere des Romans, ist begriffsbildend für die internationale Literaturwissenschaft seit den 1980er Jahren geworden. Konzepte wie Dialogizität, Karnevalismus, Polyphonie und Chronotopos gehören zum Kern des textanalytischen Wissensbestands, sie sind „Denkfiguren des 20. Jahrhunderts“ (Sasse). Bachtins literaturtheoretisch-philosophisches Werk steht aber auch exemplarisch für die Verdrängung und die schwierigen Peripetien avancierter Theoriekonzepte osteuropäischer Provenienz im 20. Jahrhundert. Überwiegend in der Verbannung entstanden, lange Zeit marginalisiert, nur mit großer Verspätung und gegen immense Widerstände überhaupt publiziert erfährt Bachtins Werk erst posthum eine intensive Rezeption – und auch diese zunächst stärker in Westeuropa als in Russland. Als besondere Herausforderung für die Rezeption erwies sich zudem die Tatsache, dass die prekäre Situation Bachtins sowie die enge ‚dialogische‘ Verflechtung innerhalb des sog. Bachtin-Kreises (Kagan, Medvedev, Vološinov) bis heute zu Unsicherheiten bezüglich der (maskierten) Autorschaft einiger früher Texte führte. Im Seminar erarbeiten wir die Schlüsselkonzepte von Bachtins Prosatheorie, rekonstruieren ihre theoriegeschichtliche Verflechtung und ihren wissenspolitischen Kontext und vollziehen die Migration von Bachtins Œuvre in den westeuropäischen Theoriekontext (u.a. durch Kristeva) nach. Da Bachtin seine Theoreme zumeist in enger Lektüre literarischer Texte entwickelt, ziehen wir im Seminar auch passagenweise Auszüge u.a. aus Dostoevskij und Rabelais heran.