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Die metahistoriographische Revolution

Dissertationsprojekt Clemens Günther

30.03.2020

Mitte der 1960er Jahre setzt im Spätsozialismus in der Sowjetunion ein grundlegender Wandel historischer Fiktion ein. Dieser Wandel zeigt sich prägnant im Aufkommen metahistoriographischer Fiktion, für die epistemologische Fragen der Bedingungen der Möglichkeit historischer Erkenntnisbildung im Fokus stehen. Orientiert an dieser Definition untersucht die Arbeit auf der einen Seite die literarische Problematisierung der kunstexternen Bedingungen der Möglichkeit historischer Erkenntnisbildung und nimmt ihre sozialen, institutionellen und ideologischen Voraussetzungen in den Blick. Auf der anderen Seite fokussiert sie die kunstinternen Bedingungen der Möglichkeit historischer Erkenntnisbildung wie die formale Strukturierung, Gattungspoetik, Erzählstruktur und Medialität historischer Fiktion. Durch einen solchen funktionspoetologischen Textzugriff wird Literatur als wesentliches Medium der Indikation und Inspiration veränderter gesellschaftlicher Ordnung im Spannungsfeld von Systemzerfall und Systembildung lesbar. Die Studie entwickelt eine neue Genealogie der russischen Gegenwartsgesellschaft im Zeichen der Auseinandersetzung um die Möglichkeit und Geltung historischer Erkenntnis.

Historische Fiktion ist nicht nur Ressource politischer Legitimation und kultureller Selbstorientierung, sondern auch zentrales Feld der Aushandlung neuer Wissensordnungen der sowjetischen und russischen Gesellschaft. Diese These wird in der Arbeit an drei historischen Komplexen entfaltet – dem Spätsozialismus, dem Interregnum der Perestrojka und der 1990er Jahre und der gegenwärtigen ‚Metamoderne‘. Die Abschnitte greifen jeweils auf ein breites Primärtextkorpus zurück und setzen dieses in Verbindung mit internationalen und außerliterarischen Entwicklungen. Orientiert an sechs Leitparadigmen (Revision, Peripherie, Artefaktualität, Topographie, Popularität und Ereignishaftigkeit) betrachtet die Studie den veränderten Umgang mit Geschichte als Indikator funktionaler Differenzierung im Zuge der Systemtransformation. In Abgrenzung zu eher linear orientierten Gattungsgeschichten im westlichen Kontext, zeigt sie, wie metahistoriographische Fiktion im sowjetischen und postsowjetischen Kontext von Anfang an im Dienst konkurrierender epistemologischer Entwürfe steht, deren erkenntniskritische Einsichten und politisch-moralische Absichten eine privilegierte Perspektive auf die jüngere russische Literaturgeschichte freilegen.