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Zwischen Wohnheim, Wissenschaft und Kaltem Krieg. Erfahrungsberichte von Promovierenden in Leningrad 1969-1980

Druck mit Abbildung des Universitätsgebäudes der Leningrader Universität. Er wurde bei einem Leningrader Delegationsbesuch 1969 der FU übergeben

Druck mit Abbildung des Universitätsgebäudes der Leningrader Universität. Er wurde bei einem Leningrader Delegationsbesuch 1969 der FU übergeben
Bildquelle: FU-Archiv, Sammlung Gastgeschenke, Signatur: GG/86

Eberhard Lämmert (rechts) und Valentin Aleskovsky (links) während des Umtrunks nach der Unterzeichnung der Verlängerung des Vertrags zwischen der Freien Universität Berlin und der Universität Leningrad (1980)

Eberhard Lämmert (rechts) und Valentin Aleskovsky (links) während des Umtrunks nach der Unterzeichnung der Verlängerung des Vertrags zwischen der Freien Universität Berlin und der Universität Leningrad (1980)
Bildquelle: Fotograf: Reinhard Friedrich. FU-Archiv, Signatur: RF/0277-13

Rolf Kreibich (2. von rechts) gibt einem Vertreter der Delegation aus der Sowjetunion die Hand (1972)

Rolf Kreibich (2. von rechts) gibt einem Vertreter der Delegation aus der Sowjetunion die Hand (1972)
Bildquelle: Fotograf: Reinhard Friedrich. FU-Archiv, Signatur: RF/0168-02

Nicolo Luzzatto, Paul Niklas Grohmann, Hans Emil Wegener

2022 setzte die Freie Universität Berlin aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine das wissenschaftliche Austauschabkommen mit der Staatlichen Universität in St. Petersburg aus. Damit endete eine mehr als 50 Jahre dauernde Partnerschaft, die 1968 mit der Unterzeichnung des ersten Partnerschaftsvertrags in einer Zeit begann, als die staatliche Universität noch Schdanow-Universität und Sankt Petersburg Leningrad hieß. Für das Osteuropa-Institut war dieses Abkommen von großer Bedeutung, ermöglichte es Studierenden und Promovierenden doch Reisen in die Sowjetunion und Kontakte mit sowjetischen WissenschaftlerInnen.

Im Universitätsarchiv der FU konnten Erfahrungsberichte von Promotionsstudierenden eingesehen werden, die sich zwischen 1969 und 1980 für jeweils fünf bis zehn Monate in Leningrad aufhielten und für das Außenamt der FU sowie nachfolgende Austauschstudierende ihre Erfahrungen notierten. Wir werden im Folgenden untersuchen, wie die Promovierenden das Stadtleben in Leningrad und den bürokratischen Apparat einer sowjetischen Universität wahrgenommen haben und welche Vorstellungen sie dabei mitbrachten.

Erwartungen und Erfahrungen

„Die Zeiten, in denen Rußlandreisende selbst Schnürsenkel und Toilettenpapier mitnehmen mußten, scheinen eigenen Beobachtungen zufolge endgültig der Vergangenheit anzugehören“ (Jahn/Mattes 1969/70, S. 3). Alle Bereiche des Lebens, ob in den Wohnheimen, der Universität oder an den verschiedensten Orten in Leningrad, wurden von den DoktorandInnen mit ihrer bekannten Umgebung in Westberlin verglichen. Dabei spielten auch die eigenen Erwartungen und Stereotype eine Rolle. Gleichzeitig stellen sich, wie im Zitat oben, viele Verfasser:innen der Erfahrungsberichte gegen typische Vorurteile und das Bild einer rückständigen Sowjetunion. Es bilden sich aber vor allem zwei Themenkomplexe   heraus, die in den Erfahrungsberichten immer wieder mit dem Berliner Alltag verglichen werden: Die Verfügbarkeit von Waren sowie die medizinische Versorgung.

Viele Erfahrungsberichte starten mit einer „Packliste“, also einer Empfehlung, was für den mehrmonatigen Aufenthalt in Leningrad unverzichtbar sei. So solle man neben Kleidung und persönlichen Gegenständen auch Büromaterial im Gepäck haben, „da das sovetische nicht den DIN-Formaten“ (Jahn/Mattes 1969/70, S. 5) entspräche. Für die Ausstattung im Wohnheim wird zudem geraten, „1-2 Rollen Schrankpapier, farbloses Bohnerwachs, Spülmittel und [ein] Geschirrtuch“ (Bödeker/Pape 1969/72, S. 1) einzupacken. Hingegen wird die Lebensmittelversorgung in den meisten Berichten als gut beschrieben, was womöglich ein Hinweis darauf sein könnte, dass eigene Erwartungen übertroffen wurden und das stereotype Bild einer sowjetischen Mangelwirtschaft gebrochen wurde. Aber auch negative Einschränkungen werden durch „Schlangestehen“ (Glenn 1973, S. 4) beim Einkauf und ein einseitiges Angebot im Winter benannt: „Obst und Gemüse sind im Sommer und Herbst reichhaltig vorhanden, im Winter gibt es überwiegend Weißkohl und Äpfel. Sämtliche Milchprodukte sind sehr gut und preiswert. Das Wurstangebot ist weniger reichhaltig“ (Bödeker/Pape 1969/72, S. 2).

Bei der Beurteilung der medizinischen Versorgungslage gehen die Berichte hingegen teils diametral auseinander: „Entgegen seinem Ruf ist das sovetische Gesundheitswesen rückständig, vor allem, was die Versorgung mit Medikamenten und den hygienischen Zustand der Krankenhäuser betrifft“ (Kerneck 1976, S. 6). Ein anderer Bericht hingegen meint, „daß die medizinische Versorgung sehr gut ist“ (Hruschka 1979/80, S. 4). Und ein dritter Bericht befindet die „sovetischen Ärzte [als] gewissenhafter und gründlicher als die deutschen“ (Bödeker/Pape 1969/72, S. 2). Alle Verfasser:innen befanden sich laut ihren Berichten im Krankenhaus, die unterschiedliche Beurteilung des sowjetischen Gesundheitswesens kann daher auf individuelle, aber auch geschlechtsspezifische Erfahrungen zurückgeführt werden. Letzteres traf etwa auf die Verfasserin des ersten Zitats zu, die allen Frauen riet: „Bei Verdacht auf Schwangerschaft oder Frauen- und Geschlechtskrankheiten sollte man sich nicht an die Universitätsklinik wenden (sie genoß zumindest zu meiner Zeit auf diesem Ressort den Ruf der Weltfremdheit) sondern an die bezirkseigene Familienberatungsstelle […]. Hier arbeiten Ärztinnen täglich mit über hundert Frauen vorwiegend proletarischer Herkunft – sprich, sie haben einen realistischen Überblick über Lebens- und Krankheitserscheinungen“ (Kerneck 1976, S. 6).

Bürokratische Probleme

Für die Studierenden bedeutete der Aufenthalt in der Sowjetunion häufig zunächst einmal die Auseinandersetzung mit staatlichen Autoritäten und Regeln. Eine zentrale Rolle kam während ihres Aufenthalts den sogenannten Rukovoditeli zu (vergleichbar etwa mit Mentor:innen), welche allen Promovierenden zu Beginn zugewiesen wurden. Sie entschieden, wo, wie und wann sie zu ihren Themen arbeiten konnten. Eine Doktorandin beschreibt, dass ihr Mentor „pro forma für Beratung, praktisch auch für die Überwachung des Arbeitsablaufs“ (Glenn 1973, S. 2) zuständig sei. Gleichzeitig sei man „von ihm, seinem Wohlwollen, seinen Einflußmöglichkeiten und -bereitschaft, einem zu helfen oder einen auch nur in Ruhe zu lassen“ (ebd.) in höchstem Grade abhängig. Wie sie weiter ausführt, müsse „fast alles außer dem täglichen Gang in die Bibliothek und private Besuche“ (ebd.) von ihm genehmigt werden.

Dass die Arbeitsmöglichkeiten aufgrund der Bürokratie auch komplett behindert werden konnten, musste eine andere Aspirantin während ihres Aufenthalts 1975/76 feststellen. Nachdem sie die Thematik ihres Forschungsprojekts geringfügig verändert hatte, wurde ihr von der Fakultät für Journalistik die Zuteilung eines Rukovoditel’ zunächst untersagt. Begründet wurde dieser Schritt mit einem angeblich zwingenden Fakultätswechsel. Sie musste daraufhin den kompletten bürokratischen Prozess wiederholen. Das war nicht nur lästig, sondern hatte handfeste Konsequenzen: weder erhielt sie Zugang zu Archiven, noch konnte sie Reisen in andere Städte unternehmen oder Kontakte zu zentralen Personen der Fakultät für Journalistik aufnehmen. Auf Verständnis für Ihre Sorgen durfte sie bei den Verantwortlichen nicht hoffen, die ihre Macht geradezu kafkaesk demonstrierten. So fühlte sie sich bei einem Gespräch mit dem Dekan der Fakultät für Journalistik „als ein ebenso unerfreuliches wie ungefährliches Insekt“ (Kerneck 1976, S. 4).

Die Berichte geben ihren Leser:innen Tipps, wie man sich unter solch widrigen Umständen am besten verhalten sollte. Sie rieten zu Feingefühl im persönlichen Umgang und einem präzisen Verständnis für die politische Dimension der eigenen Forschungsfragen. So meint eine Aspirantin, dass „auf keinen Fall das Thema [der Forschung] so gewählt werden [sollte], daß der Eindruck entstehen könnte, hier würden antisovetische Interessen verfolgt.“ (Bödeker 1972, S. 3). Dies verhinderte zwar nicht, dass die Rukovoditel’nitsa, wie in einem weiteren Bericht beschrieben, Einfluss auf die Arbeit nahm, beispielsweise, indem sie versuchte, eine bestimmte Arbeitsmethodik auszureden. Aber zumindest konnte man arbeiten und musste nicht den Großteil des Aufenthalts mit bürokratischen Prozessen verbringen.

Leningrader Alltag

Das Leben in Leningrad bestand aber nicht nur aus dem Umgang mit offiziellen Stellen. In den Wohnheimen, in denen die Aspirant:innen untergebracht wurden, bot sich die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt mit lokalen Studierenden. Dies wurde als Chance und Risiko gesehen, wie ein Erfahrungsbericht belegt: „Im Zusammenleben mit sowjetischen Doktoranden sehe ich sowohl einen großen Vorteil [...], als auch den Anlass für Konflikte und Missverständnisse aller Art. Das – auch von sowjetischen Doktoranden – als beengt empfundene Zusammenleben erfordert von allen Beteiligten ein Höchstmaß von Takt und Selbstdisziplin. Viele der im Wohnheim allgemein praktizierten Lebensgewohnheiten verstoßen gegen die Heimordnung, über die der      [Bewohner] zu Beginn seines Aufenthaltes in Kenntnis gesetzt wird“ (Hoffmann 1974-75, S. 1). „Die dann wirklich praktizierten Lebensgewohnheiten können dann nur im Gespräch und unter Rücksichtnahme der auf die Zimmergefährten herausgefunden werden“ (ebd., S. 9).

Diese Lebensrealität unterschied sich grundsätzlich von der bundesrepublikanischen. Sie bot im Vergleich zu anderen Ausländern, die beispielsweise als Tourist:innen, Diplomat:innen oder Journalist:innen im Land waren, aber auch weitergehende Möglichkeiten: „Beim Finanziellen und anderen Vorzügen ist [der Aspirant] doch soweit in das Leben der Stadt integriert, dass ihm wesentlich mehr Möglichkeiten offen stehen als den anderen oben genannten Gruppen. [...] Beim Fotografieren sollten die überall üblichen Bestimmungen eingehalten werden. Es gibt Objekte, die in jedem Land Fehldeutungen der Tätigkeit des Fotografen aufdrängen, der sie aufnimmt“ (Jahn/Mattis 1969-70, S. 12). Zum Fotografieren kamen die Studierenden aber kaum, zumindest wenn man den Berichten folgt, in denen die kulturellen Möglichkeiten Leningrads nur in einem Bericht hervorgehoben werden: „Keinem, der an der Newa schon gewesen ist, muß man noch versichern, daß die Millionenstadt überaus schön ist; daß selbst der Vorbereitete überwältigt ist von Ausmaß klassischer Schönheit in der Architektur und Stadtplanung, aber auch in allen „Details“: den Statuen, Gittern, Brücken“ (Herkommer 1976, S. 1).

Immer wieder thematisierten Promovierende ihre deutsche Herkunft und den wenige Jahrzehnte zurückliegenden Zweiten Weltkrieg, der in Leningrad vor allem mit der Erfahrung der Belagerung verbunden war. Bei der Sichtweise der einheimischen Bevölkerung auf die Promovierenden spielte dieser historische Einfluss eine wichtige Rolle: „[Der Stipendat] findet eine Situation vor, in der das Verhalten seiner Umgebung ihm gegenüber in ganz besonderer Weise durch die historischen Erfahrungen bestimmt ist, welche die Sowjetunion allgemein und in diesem Falle Leningrad besonders mit Deutschland machen musste. Die zweieinhalbjährige Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen und die damit verbundenen Verluste und Zerstörungen gehören heute zum Bewusstsein der Bewohner Leningrads. Dem steht ein deutliches Interesse von russischer Seite gegenüber, über diese gemeinsame Vergangenheit zu sprechen“ (Jahn/Mattis 1969-70, S. 13). Die westdeutschen Wissenschaftler:innen konnten dieses Bedürfnis aber häufig nicht stillen, da, wie ein Promotionsstudent meint, es ihnen schlichtweg an Wissen der historischen Kontexte fehlte.

Schluss

„Vorweg: ich betrachte die dort gebotenen Möglichkeiten und Erfahrungen in jedem Falle als Gewinn, wenn auch nicht immer und unbedingt als Vergnügen, und bereue nicht, mich dieser Wirklichkeit ausgesetzt zu haben“ (Glenn 1973, S. 2).
Ein ähnliches Fazit zogen die meisten Aspirant:innen und auch ansonst gleichen sich die Berichte über den Zeitraum 1969–1980 in ihren beschriebenen Erfahrungen, Schwerpunkten und Themen. Setzt man sie zu einem Gesamtbild zusammen, eröffnet sich eine einzigartige Perspektive. Westberliner Promovierende berichten über ein Leningrad, in dem sie sich nicht als Touristen aufhielten, sondern in dem sie ihren Alltag im Spannungsfeld von Wissenschaft, Wohnheim und Kaltem Krieg gestalteten. Für die meisten unter ihnen war der Aufenthalt in Leningrad eine prägende Erfahrung.