Schocktherapie: Krisen, Kürzungen und Kommissionen am OEI, 1988-1994
Clemens Günther, Robert Kindler
Zu Beginn der 1990er Jahre befindet sich das Osteuropa-Institut (OEI) in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Auf der Agenda steht die Auflösung oder doch zumindest die radikale Verkleinerung des Instituts. Denn das OEI ist – so die Ansicht der Kritiker inner- und außerhalb der Freien Universität – den Herausforderungen einer radikal veränderten Gegenwart weder wissenschaftlich noch organisatorisch gewachsen. Viele Mitglieder des Instituts haben hingegen eine grundlegend andere Sicht der Dinge: Das Ende des Staatssozialismus in Europa eröffnet ihnen neue Forschungsmöglichkeiten und Perspektiven.
Auf den ersten Blick ist die kontrovers geführte Debatte um die Zukunft des OEI Teil einer grundlegenden Diskussion um Nutzen und Relevanz einer Osteuropaforschung, die den Zusammenbruch des Ostblocks nicht vorhersehen konnte. Doch Überlegungen zur Schließung des 1951 gegründeten OEI lassen sich nicht allein mit dem Transformationsschock der frühen 1990er Jahre erklären. Wichtige Gründe liegen tiefer: Unter anderem spielen hier lang anhaltende universitätsinterne Spannungen (wie etwa das letztlich nie geklärte Binnenverhältnis zwischen Fachbereichen und Zentralinstituten), drängende Sparzwänge seit dem Ende der 1980er Jahre und nicht zuletzt die Reform der Berliner Hochschullandschaft nach 1990 eine Rolle. Welche Handlungsoptionen eröffnen sich den unterschiedlichen Akteuren in dieser herausfordernden Situation und wie versuchen sie, etablierte Strukturen zu reformieren oder aufzulösen?
Spannungen in den 1980er Jahren
In den 1980er Jahren ist das OEI ein Institut mit mehr als 20 Professuren und beinahe 40 wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die in acht Abteilungen organisiert sind. Das Spektrum reicht dabei von Slawistik und Geschichte bis hin zu Rechtswissenschaften und Soziologie. Hinzu kommen eine umfangreiche Bibliothek und Dokumentationsdienste mit entsprechender personeller Ausstattung. Innerhalb dieses über Jahrzehnte gewachsenen institutionellen Zusammenhangs arbeiten die Forschenden unterschiedlicher Disziplinen zumeist nebeneinander her und spätestens nach dem Scheitern eines gemeinsamen SFB Mitte der 1970er Jahre schlafen die Bemühungen um interdisziplinäre Kooperationen weitgehend ein. Zugleich entwickelt die Universitätsleitung Ende der 1980er Jahre weitreichende Reformpläne, bei denen die Abspaltung einzelner Disziplinen aus dem OEI zentral ist; 1988 stehen Slawistik und Balkanologie auf dem Spiel. Aus der Perspektive der Institutsleitung ist klar, dass dabei nicht fachliche Überlegungen, sondern einzig Sparerwägungen ausschlaggebend sind. Besonders schockiert die Osteuropaspezialisten, dass entsprechende Beschlüsse ohne vorherige Anhörung der Betroffenen gefasst werden. Entsprechend harsch fallen die Reaktionen am OEI aus. Meinungsstarke Professoren setzen in dieser Situation auf Konfrontation und sparen teils auch nicht an deutlichen Worten. Besonders tut sich dabei der Balkanologe und Institutsratsvorsitzende Norbert Reiter hervor, der auch aus seiner persönlichen Betroffenheit keinen Hehl macht.
Schlussendlich werden die Reformpläne noch nicht umgesetzt. Doch das Verhältnis zwischen FU-Präsidium und OEI-Leitung ist höchst angespannt, als mit den Revolutionen des Jahres 1989 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Ost- und Ostmitteleuropas fundamental erschüttert und neu geordnet werden. Für die Freie Universität bedeutet diese historische Zäsur unter anderem, dass ihre aus dem Kalten Krieg begründete Sonderstellung endet und sie – wie alle Berliner Universitäten – ihren Platz in einer neu geordneten Hochschullandschaft finden muss.
Drohende Streichung und neue Dynamiken
Am OEI verstehen die maßgeblichen Akteure erst mit einiger Verzögerung, dass dieser Prozess auch in ihren Bereichen zu massiven Einschnitte führen wird. Und so sind die Jahre zwischen 1990 und 1992 gekennzeichnet durch eine Vielzahl an Sparvorschlägen, Positionspapieren und Stellungnahmen, die vor allem eines zeigen: Die innere Zerrissenheit der zunehmend überalterten OEI-Professorenschaft und ihre Unfähigkeit, sich gemeinsam auf konstruktive Reformvorschläge zu einigen, die mehr sind als eine Verteidigung des status quo. Auf den Druck von außen reagieren sie einerseits mit dem Hinweis auf die eigene Relevanz und vergangene Meriten. Andererseits entsteht am Institut eine neue Dynamik, die sich etwa in der Etablierung eines Graduiertenkollegs zu Transformationsprozessen in Osteuropa (1992) oder übergreifenden Vorlesungs- und Veranstaltungsreihen zu aktuellen Themen (etwa zur Geschichte der Ukraine) manifestiert. Es kann also keine Rede davon sein, dass das OEI die grundlegenden Umbrüche in Ost- und Ostmitteleuropa vollständig ignoriert hätte. Doch bei den Debatten um die Zukunft des Instituts spielen solche Initiativen praktisch keine Rolle. Deutlich wird vielmehr, dass die Diskussion auf unterschiedlichen Ebenen geführt wird: Während die meisten WissenschaftlerInnen vor allem ihre jeweiligen disziplinären Standpunkte im Blick haben, geht es FU-Präsidium und Berliner Senat weniger um konkrete Inhalte als um strukturelle Reformen und Einsparmöglichkeiten. Diese Phase der letztendlich fruchtlosen Debatten und Konflikte endet, als die Fortexistenz des Instituts im Jahr 1992 ernsthaft auf dem Spiel steht.
Im September 1992 legt die Landeshochschulstrukturkommission (LHSK) ihre Empfehlungen für die Zukunft der Zentral- und Regionalinstitute vor. Deren Existenz sei „historisch-zufälligen Entwicklungen an der FU geschuldet und kein aus heutiger Sicht objektives und dauerhaftes Erfordernis.“ Dem OEI, dem vorgeworfen wird, „nicht genügend auf den Strukturwandel in Osteuropa reagiert zu haben“, droht gar als einzigem Zentralinstitut die Schließung. Die FAZ verkündet bereits am 18. September das „Ende des Berliner Instituts”, im vorschnellen Nachruf heißt es wenig schmeichelhaft: „Wenn das Osteuropa-Institut jetzt verschwindet, so ist es nicht schade ums Institut”.
Widerstand und Kompromisse
Eine eilig erarbeitete Stellungnahme des Institutsrat verwahrt sich gegen solch „unvollständiges und ungenaues Faktenmaterial“ und die fachfremde Besetzung der Kommission. Noch deutlicher wird der Institutsratsvorsitzende, der Rechtswissenschaftler Herwig Roggemann, in einem Rundbrief im Dezember 1992, in dem er die Vorschläge der LHSK als „auf geradezu peinliche Weise uninformiert und unzutreffend“ zurückweist. Erkennbar wird hier die Strategie, die Arbeit der Kommission in Gänze zu delegitimieren und Präsidium und Wissenschaftsverwaltung zu direkten Verhandlungen mit dem OEI zu bewegen.
Gleichzeitig zeichnen sich bereits mögliche Kompromisslinien ab: Forschung und Lehre sollen gegenwartsbezogener werden, gesellschaftswissenschaftliche Fragestellungen an Bedeutung gewinnen und das Institut um sechs Professuren in den Kernfächern Recht, Wirtschaft, Politik, Soziologie, Geographie und Geschichte gruppiert werden. Abgestimmt sind diese Empfehlungen aber nicht und Roggemanns professorale Kollegen überbieten sich in den kommenden Wochen mit alternativen Vorschlägen. Der Literaturwissenschaftler Witold Kosný und der Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen schlagen eine Konzentration auf Ost- und Südosteuropa unter Preisgabe Ostmitteleuropas vor und plädieren wenig überraschend für ein Kernprofil rund um die Disziplinen Geschichte, Kultur und Landeskunde. Der Soziologe Siegfried Baske hält wiederum den Balkanraum für verzichtbar und möchte die starren Abteilungen zugunsten „dynamische[r] Forschungsprojekte“ auflösen. Der Historiker Hans-Joachim Torke empfiehlt als Lösung die Aufteilung des OEI in ein „historisch-kulturwissenschaftliches […] und ein gegenwartsbezogenes staatswissenschaftliches Institut“. Mitte April 1993 treffen sich einige der Antipoden in einer der Zukunft des OEI gewidmeten Sondersendung der Sendereihe „kontrovers“ des Deutschlandfunks und tragen die schwelenden internen Konflikte damit in die Öffentlichkeit.
Parallel zu den internen Diskussionen laufen die Beratungen mit Senatsverwaltung und Hochschulleitung. Erstere teilt der alarmierten OEI-Fachschaftsinitiative im Dezember 1992 mit, dass man sich „effektive Strukturen durchaus im Rahmen eines erneuerten OEI vorstellen könnte.“ Und auch in der Strukturempfehlung der Entwicklungs- und Planungskommission (EPK) vom März 1993 ist die Rede davon, „daß ein neues Institut für Osteuropa […] in reduzierter Form einen Neuanfang machen kann.“ Im April 1993 ist schließlich „von einer Auflösung des Instituts […] keine Rede mehr.“ Hier wird sichtbar, dass die Arbeit der LHSK erkennbar als Drohkulisse fungiert, um die internen Diskussionen am OEI zu beschleunigen und eine prinzipielle Zustimmung zu inhaltlicher Neuaufstellung und Personalreduktion zu erhalten. Als Verfahrensvorschlag zur Güte wird eine externe Kommission von Fachleuten mit einschlägigem Osteuropa-Profil ins Auge gefasst, die bis Jahresende 1993 einen Bericht erstellen soll – Bedingung dafür ist aber, „daß sich noch vor der Begutachtung Konturen einer breit getragenen Lösung abzeichnen.“
Der Druck wirkt und zwischen April und Juli 1993 verständigt sich der Institutsrat auf die „ergänzende Erforschung historischer und kulturhistorischer Voraussetzungen“, „multidisziplinäre Kooperation“ in Projektthemen und eine „Mindestanzahl von Professuren“. Durchgesetzt haben sich damit vor allem die gesellschaftswissenschaftlichen Professuren, die Ausgliederung der Slavistik wird widerwillig akzeptiert. Kultur und Geschichte sollen in einem Arbeitsbereich konzentriert werden, während Politik und Gesellschaft, Recht und Wirtschaft sowie Anthropogeographie und Balkanologie die anderen drei Schwerpunkte bilden sollen.
Als im März 1994 mit einiger Verspätung der Bericht der Kommission eintrifft, werden viele der institutsinternen Empfehlungen berücksichtigt, aber nicht alle. Zum Streitpunkt werden in den kommenden Monaten vor allem die Zukunft der Balkanologie und des Magisterstudiengangs Osteuropastudien. Intern gilt letzterer als Flaggschiff einer erneuerten multidisziplinären Osteuropaforschung, den Gutachtern hingegen erscheint er „diffus und disparat“. Das Schreckgespenst der Einstellung des erfolgreichsten Studiengangs, der mittlerweile die eigentliche Klammer interdisziplinärer Zusammenarbeit am OEI bildet, kann schließlich durch Zugeständnisse vertrieben werden. Scheitern wird das OEI allerdings mit seinem Protest gegen die von der Kommission empfohlene Minimalausstattung von 12 Professuren, die in den Beratungen mit dem Präsidium gar auf acht zusammenschrumpft. Slavistik, Balkanologie und Geographie sind nicht mehr zu halten. „Die unentbehrlichen fachlichen Kerne werden bewahrt“, ließe sich mit der Überschrift eines Artikels im Magazin der FU Berlin am Ende des Reformprozesses positiv konstatieren, auf der negativen Seite steht die Verkleinerung des Instituts um 60 Prozent, aus 20 Professoren werden acht, aus acht Abteilungen drei, auch Studiengänge wie die Lehramtsausbildung Russisch und der Magisterstudiengang Balkanologie fallen weg.
Fazit
Zwischen 1988 und 1994 wird aus einer zunächst universitätsinternen Diskussion um die Zukunft einzelner Abteilungen am OEI eine öffentliche Debatte um die Zukunft der Osteuropaforschung unter Beteiligung von Medien, Politik und Wissenschaft. Der disziplinäre und regionale Zuschnitt des Instituts wird dabei verknüpft mit der Frage finanzieller Einschnitte. Während für die Universitätsleitung beide Stränge von Beginn an verbunden sind, realisieren die Betroffenen am OEI erst spät ihre existentielle Bedrohung. Beide Seiten mobilisieren externe Expertise, um ihre eigene Position zu stärken, sie wirken über Kommissionen und Kommentare in der Presse, um Verhandlungspositionen zu stärken. Die Stärkung eigener Positionen ist im Falle des OEI jedoch ambivalent, belasten Spannungen zwischen Professoren und dysfunktionalen Gremien doch die Entwicklung gemeinsamer Positionen. Das mag repräsentativ für Strukturdebatten an Universitäten sein, in denen sich zunächst meist jeder selbst der nächste ist. Es ist im spezifischen Fall des OEI aber nur verständlich vor dem Hintergrund der gleichzeitigen Transformation der Forschungsregion und -tradition. Die Transformation des Instituts bewirkt dabei mittelfristig ein neues Verständnis von Regionalstudien, das sich von disziplinärer Profilierung in Richtung multidisziplinärer Projektarbeit entwickelt. Diese Schocktherapie und der mit ihr verbundene Selbstverständigungsprozess ist schmerzhaft gewesen, hat aber auch die Fundamente gelegt, auf denen das Institut gegenwärtig steht.
Literatur
Hénard, Jacqueline: Östlicher Raum. Ende für das Berliner Institut, in: FAZ vom 18.09.1992, S. 33.
Landeshochschulstrukturkommission Berlin: Stellungnahmen und Empfehlungen zu Struktur und Entwicklung der Berliner Hochschulen, Berlin 1992.
Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin (UAFU), FU-Bestand, Sign. ZI-1-V/384 ,Landeshochschulstrukturkommission, 1991–1992.
Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin (UAFU), FU-Bestand, Sign. ZI-1-V/385, Evaluation OEI, 1993–1994.
Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin (UAFU), FU-Bestand, Sign. ZI-1-V/434, Reformvorschläge OEI, 1987–1992.
