Lehrstelle Ukraine? Lehre und Forschung zur Ukraine am Osteuropa-Institut zwischen 1979 und 2004
Abb. 1 – Hans-Joachim Torke
Bildquelle: CC BY-SA 4.0
Abb. 2 – Russian Imperialism. From Ivan the Great to the Revolution. Hrsg. von Taras Hunczak. New Brunswick 1974
Lukas Dominik, Amadeus Albrecht, Amelie Astel
„Die Ukrainer galten bis vor kurzem auch in Deutschland als Russen, ihre Sprache als russischer Dialekt, ihre Geschichte als russische, polnische oder sowjetische Geschichte…” So fasste der Historiker Andreas Kappeler im Jahr 1994 den deutschen Blick auf die Ukraine zusammen. Als 2022 der Historiker Andrii Portnov einen Überblick der Geschichte der deutschen Ukrainistik gab, zitierte er diese Zeilen. Seiner Ansicht hatte sich in der Zwischenzeit in der deutschen Wissenschaftslandschaft nicht viel verändert. Weiterhin würden sich deutsche Perspektiven häufig auf „Nationalismus, Antisemitismus und Kollaboration mit den Nazis“ beschränken.
Einer der Gründe für diese oft beklagte Defizit besteht in den prekären Bedingungen, unter denen Forschung und Lehre zur Ukraine stattfanden und -finden. Insbesondere eine universitäre Lehre, die sprachliche und fachliche Grundlagen vermittelt, existiert an vielen Orten nicht und ist bis heute stark von Einzelpersonen abhängig.
Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin greift dieser Text dieses Thema in historischer Perspektive auf. Welche Rolle spielte die Ukraine in der Lehre des Osteuropa-Instituts? Anhand von Dokumenten aus dem Archiv der Freien Universität, insbesondere kommentierten Vorlesungsverzeichnissen von 1979 bis 1999, werden inhaltliche Tendenzen sowie die Rolle von Einzelpersonen in der Lehre und Forschung zur Ukraine nachvollzogen. Der Text untersucht damit am Beispiel des Osteuropa-Instituts einen möglichen Zusammenhang von inhaltlichen Leer- und personellen wie strukturellen Lehrstellen in der universitären Ausbildung.
Eine zentrale Rolle für die akademische Beschäftigung mit der Ukraine nimmt in den 1980er Jahren der Leiter des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte am OEI, Hans-Joachim Torke ein. Er veranstaltete im Oktober 1986 eine Konferenz über die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen im bayerischen Garmisch-Partenkirchen. Sie knüpfte an eine kanadische Tagungsreihe über die Beziehungen der Ukraine zu ihren Nachbarländern an. Das Programm umfasste die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen von ihren Anfängen im 9. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit, ihr Fokus lag jedoch auf der Epoche der beiden Weltkriege. Die Initiative zu dieser Konferenz verdeutlicht Torkes besonderes Interesse an der Ukraine und seine prägende Rolle für die Etablierung der Ukraineforschung am OEI. Die Konferenz war kein isoliertes Ereignis. Auch in der Lehre setzte Torke Akzente für die Beschäftigung mit der Ukraine. Gleichwohl zeigt ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse, dass sie vorerst ein Randthema blieb.
In den 1980er Jahren befassten sich nur wenige Lehrveranstaltungen explizit mit der Ukraine. 1979 bis 1980 veranstaltete der Privatdozent Bohdan Osadczuk, ein bedeutender ukrainischer Journalist und regelmäßiger Gast im Internationalen Frühschoppen der ARD, eine dreiteilige Seminarreihe zu den Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine. Darüber hinaus bot die Slawistik im Sommersemester 1981 erstmals Ukrainisch als Modellversuch an. Dieser wurde jedoch aus unbekannten Gründen nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Denkbar ist, dass der Kurs nicht von genügend Studierenden besucht wurde. Drei Jahre später war es Torke, der die Ukraine mit seinem Seminarmit dem Titel „Moskau und die Ukraine im 17. Jahrhundert“ zurück auf die Agenda brachte. Inhalt sollte die „Angliederung der Ukraine an das Moskauer Reich im Jahr 1654” sowie die damit verbundene „kontroverse Diskussion”– ein deutlicher Hinweis darauf, dass Torke die Ukraine nicht als bloßes Anhängsel Russlands betrachtete. Eine dauerhafte Priorität in Torkes Lehrangebot genoss die Ukraine jedoch noch nicht. Erst im Jahr 1989 taucht sie wieder im Vorlesungsverzeichnis auf – diesmal im Rahmen einer Exkursion in die Ukraine und nach Südrussland, mitsamt vorbereitender Lehrveranstaltung.
Lehrveranstaltungen zur Ukraine nach 1991
Es waren der Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der Ukraine, die der wissenschaftlichen Beschäftigung neuen Auftrieb verlieh. So nehmen die Angebote verschiedener Fachbereiche und Dozent:innen ab 1991 deutlich zu. 1992 widmete die Abteilung für Slawistik der Entstehung der ukrainischen Sprache eine Sonderveranstaltung. Der akademische Mitarbeiter Carsten Kumke bot im Wintersemester 1993/94 eine Blockveranstaltung zur „Geschichte der Ukraine” als „vergessener[...] Nationalität[...] des russischen Reiches bzw. der ehemaligen Sowjetunion” an. Der russische Herrschaftsanspruch über die Ukraine wird nun historisiert und kritisiert.
Im Jahr 1994 wurde der Ukraine eine gesamte Ringvorlesung mit dem Titel „Die Ukraine – ein neuer Staat in Europa” gewidmet, die gemeinsam von Torke und dem Wirtschaftswissenschaftler Hans-Erich Gramatzki organisiert wurde. Über ein Semester hinweg wurde dort über ökonomische, soziale, politische und historische Fragen gesprochen. Hervorzuheben sind Gastvorträge von vier ukrainischen Kollegen, zwei aus Lviv (in dem damaligen Aushang noch als “Lemberg” bezeichnet), und zwei weitere aus Kyiv. Es sollte nicht bloß über die Ukraine geredet und gelehrt werden, sondern eben auch mit Ukrainern. Im Gegensatz zu früheren Seminartiteln kommt Russland in den Ankündigungen der einzelnen Vorlesungstermine nicht mehr vor. Die Perspektiven und der Forschungshorizont sind vielseitig und kritisch: Angefangen bei Carsten Kumkes Vorlesung über „Probleme der ukrainischen Geschichte”, bis hin zu Jaroslav Isaevyčs Vorlesung „Die ukrainische, polnische und jüdische Nationalbewegung in Ostgalizien während der Habsburg-Periode”.
In den folgenden Jahren fallen die angebotenen Lehrveranstaltungen wieder in alte Muster zurück: Die Ukraine wird vor allem im Zusammenhang mit Russland betrachtet. Lediglich Gramatzki und Kumke lehren explizit zur Ukraine. Vergleichbare Angebote zur Ringvorlesung sowie Gastvorträge ukrainischer Wissenschaftler:innen bleiben aus. Es wird wieder vor allem über die Ukraine gesprochen. Auch Hans-Joachim bietet keine einschlägigen Seminare und Vorlesungen mehr an. Es liegt die Vermutung nahe, dass diesmit seiner schweren Erkrankung und seinem frühen Tod im Jahr 2000 zu tun hatte.
Ab dem Jahr 2000 sind keine kommentierten Vorlesungsverzeichnisse des OEI mehr überliefert. Die unkommentierten Vorlesungsverzeichnisse für alle Fachbereiche und Zentralinstitute, die stattdessen vorliegen, geben deutlich weniger Auskunft über Seminarinhalte. Allerdings lässt sich feststellen, dass die Ukraine selten explizit in Seminartiteln als Thema genannt wird – Ausnahmen sind Lehrveranstaltungen von Gramatzki und Ricarda Vulpius – als noch im vorigen Jahrzehnt, als auch eine kleinere Rolle in der Lehre spielt.
Ricarda Vulpius studierte selbst von 1992 bis 1996 am Osteuropa-Institut der FU Berlin und promovierte anschließend über Nationalisierung der Religion. Russifizierungspolitik und ukrainische Nationsbildung (1860-1920) zunächst bei Hans-Joachim Torke, nach dessen Tod bei Holm Sundhausen und Andreas Kappeler. Seitdem hat sie immer wieder zur Geschichte der Ukraine geforscht, publiziert und gelehrt und war Gründungsmitglied der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission. Ihre Zeit an der Freien Universität erinnert sie für ihre wissenschaftliche Karriere als prägend: „Ich habe dort [am OEI] in Hans-Joachim Torke sehr schnell jemanden erlebt, der sich für die Ukraine interessierte […] Ihm verdanke ich, als er mich dann fragte, ob ich bei ihm wissenschaftliche Mitarbeiterin werden wollte, und es dann um die Frage des Dissertationsthemas ging, war es ein großes Geschenk für mich, dass er meinen Blick mit großer Freude auf die Ukraine lenkte. Gerade vor dem Hintergrund des angespannten ukrainisch-russischen Verhältnisses [in den 1990er Jahren/ nach der Ukrainischen Unabhängigkeit].“ Gleichzeitig sah sie sich bei ihrer Promotion gelegentlich sowohl mit Desinteresse als auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie sich „nationalistisches Gedankengut zu eigen machen würde“ indem sie „jetzt [1998] wo es die Ukraine [als unabhängigen Staat] gibt, die Nation in der Vergangenheit [..] suche“. Als Professorin für Osteuropäische und Ostmitteleuropäische Geschichte an der Universität Münster lehrt sie heute selbst zur ukrainischen Geschichte und setzt sich mit der Etablierung des interdisziplinären Netzwerks „Ukrainian Studies in Münster“ für die Schaffung nachhaltiger Strukturen zur Forschung und Lehre zur Geschichte und Kultur der Ukraine ein.
Literatur
Kappeler, Andreas: Eine kleine Geschichte der Ukraine. München, 8. Aufl. 2022 (1994)
Portnov, Andrii: Ukraine-Studien in Deutschland. Beobachtungen eines Historikers. In: Ukraine-Analysen Nr. 269, 30.05.2022, S. 12–13.
Worschech, Susanne: Ukrainian Studies? – Fehlanzeige: Die Ukraine im Spiegel der Wissenschaft in Deutschland. Ukraine-Analysen Nr. 250, 28.04.2021, S. 2–6.


