„Ich würde es sehr unterstützen, wenn sich an unserem Institut mehr bewegte“. Die Anfänge der Frauenförderung am Osteuropa-Institut in den 1980er und 1990er Jahren
Abb. 1. Häufig als inoffizielles Logo der Frauenförderung verwendet: das „Venussymbol“ mit einem akademischen Hut
Bildquelle: Cover des Gleichstellungsberichts der FU 1993–1994, Foto von Julia Liebald
Abb. 2. Protokoll der ersten Frauenvollversammlung am OEI im Dezember 1989
Bildquelle: FU-Archiv, ZI-1-V 248
Abb. 3. Wer am Osteuropa-Institut an „Frauenthemen“ interessiert war, konnte im Wintersemester 1991/92 immer mittwochs an der gleichnamigen Ringvorlesung teilnehmen. Besonders bemerkenswert: die angebotene Kinderbetreuung
Bildquelle: FFBIZ: F Rep. 10 Berlin 8 b.6 (1261 a, b)
Julia Liebald
Die Umbruchszeit um 1989/91 bringt für das Osteuropa-Institut nicht nur neue Möglichkeiten der Forschung und internationalen Vernetzung, sondern auch eine viel diskutierte Umstrukturierung. Während das gesamte Institut noch über die möglichen Konsequenzen dieser Veränderungen debattiert, treiben einige Frauen am OEI ein anderes Projekt voran: Sie fordern strukturelle Verbesserungen für Frauen* an der Universität, neue inhaltliche Schwerpunkte und ein Konzept, wie Gleichberechtigung konkret erreicht werden kann. Diese Anfänge der Frauenförderung fehlen bisher in der institutionellen Erinnerung des OEI. Dieser Beitrag wirft ausgehend von Quellen aus dem FU-Archiv einen Blick auf die Akteurinnen der Zeit: Welche Ziele verfolgen die Engagierten und welche Handlungsspielräume können sie nutzen, um diese zu erreichen?
Initiativen und Forderungen der 1980er Jahre
Sogenannte „Frauenthemen“ in Forschung und Lehre einzubringen – das ist seit den 1970er Jahren ein wichtiges Ziel der Frauenbewegung, die etwa durch Sommeruniversitäten und feministische Gruppen an der FU Berlin stark vertreten ist (Färber 2000: 33). Auch am OEI gibt es Bemühungen, Geschlechterperspektiven in der Forschung sichtbar zu machen. So findet beispielsweise 1985 eine Konferenz zum Thema „Die gesellschaftliche Stellung der Frau auf dem Balkan“ statt. Zudem ist ein großes studentisches Interesse an „frauenbezogenen Themen“ überliefert. Wer diese frühe Konferenz initiiert und welche Wissenschaftler*innen sich besonders für Frauenforschung einsetzen, ist bisher nicht untersucht – in jedem Fall lassen sich hier die ersten Spuren frauenbewegten Engagements am OEI beobachten.
Ab Mitte der 1980er Jahre konzentriert sich dieses Engagement hauptsächlich auf die Etablierung einer ersten ehrenamtlichen Frauenbeauftragten. Dabei folgt das OEI einer FU-weiten Initiative, die stark auf den Druck durch die Frauenbewegung zurückgeht (Färber 2000: 35). Seit 1985 gibt es in den Fachbereichen sogenannte Kontaktpersonen, die die Kooperation mit der seit 1981 existierenden „Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung“ (ZE) vorantreiben sollen (Tomberger 2018: 28). Da dieses Amt allerdings keine klaren Aufgaben und Rechte hat, legen die Frauen diese gemeinsam fest und definieren sich selbst als Frauenbeauftragte. Für das OEI nimmt Brigitte Heuer aus der Abteilung Soziologie/Philosophie an diesen Treffen teil, von 1987 bis 1989 ist sie die erste offizielle Frauenbeauftragte des OEI.
In den Akten des OEI ist nur sehr wenig über diese frühe Phase der Frauenförderung überliefert, in der das Amt der Frauenbeauftragten ausgestaltet wird. Dass es sich dabei um kontroversen Aushandlungsprozess handelt, lässt sich an der Diskussion um die Kompetenzen der zentralen Frauenbeauftragten auf FU-Ebene beobachten. 1988 setzt sich eine Gruppe von Frauen gegen den FU-Präsidenten Dieter Heckelmann durch, der eine unbezahlte „Feigenblatt-Frauenbeauftragte“ (taz 1988) mit wenigen Befugnissen vorschlägt. Stattdessen entsteht eine hauptamtliche und damit bezahlte Stelle mit Antrags- und Rederechten in den Gremien sowie dem Recht auf Akteneinsicht. Die Entwicklung des Amtes liegt damit zu großen Teilen in den Händen der beteiligten Frauen, die sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre für eine Institutionalisierung und Umsetzung ihrer Forderungen einsetzen.
Spielräume in der Umsetzung am OEI (1989–1991)
Zu Beginn des Jahres 1989 gibt es an der FU sowohl dezentrale Frauenbeauftragte an den Fachbereichen, die ehrenamtlich arbeiten, als auch eine zentrale, hauptamtliche Stelle – auch wenn diese aufgrund der ungeklärten Finanzierung erst 1990 besetzt wird (Färber 2000: 43). In der Zwischenzeit arbeiten die Frauenbeauftragten der Fachbereiche bereits daran, neue gesetzliche Regelungen umzusetzen, die im März 1989 im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Alternativer Liste (AL) festgelegt werden: Für die einzelnen Hochschulbereiche sind sowohl eine Frauenbeauftragte mit „Informations-, Antrags-, Rede- und Öffentlichkeitsrecht“ als auch ein Frauenförderplan „mit gestaffelten Quotierungsmodellen“ vorgesehen. Das stellt eine enorme Verbesserung der Kompetenzen dar. Im November 1989 lädt Heuer schließlich zum ersten Mal zu einer Frauenvollversammlung am OEI ein, um die Wahl einer Frauenbeauftragten und deren Stellvertreterin durchzuführen.
An dieser ersten Vollversammlung am 4. Dezember 1989 nehmen 35 Studentinnen, 15 Sonstige Mitarbeiterinnen und sieben Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen teil. Anstatt jedoch wie vorgegeben zwei Frauen auszuwählen, die als Frauenbeauftragte wirken sollen, entscheiden sich die Beteiligten für eine gemeinschaftliche Ausübung des Amtes: Sie beschließen, „daß das Amt der Frauenbeauftragten am Osteuropa-Institut k o l l e k t i v [Hervorhebung im Original] von einer Gruppe von 8 Frauen wahrgenommen wird.“ (siehe Abb. 2). Bereits 9 Tage später wird die nächste Vollversammlung anberaumt. Ob aus pragmatischen Gründen oder ideologischer Überzeugung: Hier setzen die Frauen ihre eigenen Vorstellungen von gemeinschaftlicher Arbeit durch, anstatt lediglich den gesetzlichen Vorgaben zu folgen.
Besonders bemerkenswert ist das große studentische Interesse, das sich nicht nur in der Teilnahme an der Sitzung, sondern auch im Wahlergebnis ausdrückt: Es werden fünf Studentinnen, eine Sonstige Mitarbeiterin und zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in die Gruppe gewählt, die das Amt der Frauenbeauftragten ausfüllen soll. Zu dieser Gruppe gehört auch weiterhin Brigitte Heuer selbst. Auch als offizielle Vertretung der Gruppe und damit offizielle Frauenbeauftragte werden Studentinnen gewählt, namentlich Katharina Wertenbruch und Vesna Ivković. An anderer Stelle berichtet Brigitte Heuer von „großem Interesse an frauenbezogenen Themen“ in der Lehre und Initiativen von Studentinnen, beispielsweise für ein frauenbezogenes interdisziplinäres Seminar in der Abteilung Slavistik.
Neben Brigitte Heuer und den Studentinnen tritt eine weitere Gruppe in dieser Zeit prominent in der Frauenförderung auf: Knapp zwei Monate nach der Frauenvollversammlung im Dezember 1989 lädt Mary Hess, die als einzige Sonstige Mitarbeiterin in die Gruppe der Frauenbeauftragten gewählt wurde, zu einer „Versammlung der Sonstigen Mitarbeiterinnen“ ein. Hintergrund ist der erste Entwurf eines Frauenförderplans, den Brigitte Heuer erarbeitet und im Mai 1989 dem Institutsrat vorgelegt hatte. Dafür erhebt sie erstmalig Daten über die Frauen, die am OEI studieren und arbeiten. Hess kritisiert, dass die Sonstigen Mitarbeiterinnen darin nicht berücksichtigt seien, obwohl „die überwiegende Mehrheit der im Hause arbeitenden Frauen“ zu dieser Gruppe gehört. Die Versammlung im Februar 1990 erarbeitet sechs Forderungen, die in dem im November 1990 beschlossenen Frauenförderplan auch enthalten sind. Die Sonstigen Mitarbeiterinnen halten zum Schluss ihres Protokolls fest: „Es wurde betont, daß alle Frauen im Haus sich gegenseitig fördern sollten.“
Während in den Jahren 1989/90 zahlreiche Dokumente davon zeugen, dass verschiedene Gruppen und Akteur*innen zusammenarbeiten, diskutieren und ihre Forderungen und Perspektiven in die neu am OEI entstehenden Strukturen einbringen, bricht die Überlieferung danach ab. Gemäß der Wahl im Dezember 1989 ist für das Jahr 1990 Katharina Wertenbruch als Frauenbeauftragte am OEI eingesetzt, es folgt ihre Stellvertreterin Vesna Ivković in den Jahren 1991–1992 (Koreuber 2017: 43f).
Die Professionalisierung der Frauenbeauftragten ab 1992
Im März 1992 werden als neue Frauenbeauftragte die Fremdsprachensekretärin Uta Grabmüller und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Monika Katz (Slavistik) gewählt. Es lässt sich eine deutliche Professionalisierung des Amtes beobachten: Anstatt das Amt gemeinsam als Gruppe zu füllen und regelmäßige Vollversammlungen abzuhalten, bieten Grabmüller und Katz feste Sprechzeiten und Angebote für verschiedene Statusgruppen an. Dass die Arbeit einen gewissen „Dienstleistungscharakter“ annahm, wird auch in einem Infoblatt deutlich: Grabmüller und Katz listen ein vierzehntägiges „studienbegleitenden ‚Feminar‘“, bei dem „Beratung, Information und praktische Hilfe“ angeboten werden, berichten von der Herausgabe eines Aufsatzbandes und dem Aufbau eines bibliographischen Schwerpunkts „Frauen in Osteuropa“. Sie fragen aktiv Bedarfe ab: „Für sonstige Mitarbeiterinnen: Hier fehlt es uns noch an Ideen! Fragen zum Arbeitsplatz? Qualifizierung? Gesprächskreis? […] Für Frauen mit Kindern: Wer wäre an Betreuungsmöglichkeiten oder anderen Hilfen interessiert?“
Ab August 1992 verändern sich die Umstände der Frauenförderung am OEI durch die Verabschiedung neuer FU-weiter Frauenförderrichtlinien, die die Aufgaben und Rechte der Frauenbeauftragten weiter konkretisieren. Ob und wie die Frauenbeauftragten auf die Kürzungen und strukturellen Einschnitte am OEI reagieren, die Anfang der 1990er Jahre dramatische Dimensionen annehmen, bleibt letztlich offen. In einer Einladung zur Frauenvollversammlung aus dem Oktober 1993 ist nur vage von „Veränderungen“ die Rede: „Veränderungen am OEI? Es wird sicher Veränderungen geben. Wo und wie werden sie spürbar werden? Mit welchen Konsequenzen müssen wir rechnen?“ Hier lässt die Überlieferung keine weiteren Einblicke zu, beispielsweise in die Diskussion bei der im November stattfindenden Versammlung.
In den Materialien, die über die Amtszeit von Uta Grabmüller und Monika Katz überliefert sind, lässt sich nicht zuletzt der Wunsch nach mehr Engagement am OEI beobachten. Die Frauenbeauftragten bitten beispielsweise bei der Überarbeitung des Frauenförderplans im Wintersemester 1993 darum, dass der Entwurf „in Diskussionen kräftig durchgekocht werden sollte“, sie suchen nach Interessierten am Amt der Frauenbeauftragten für die anstehende Wahl im Frühjahr 1994 und versuchen, eine Frauengruppe am OEI zu initiieren: „Ich würde es sehr unterstützen, wenn sich an unserem Institut mehr bewegte, zum Beispiel […] einen Frauenrat oder eine Frauengruppe mit allen Statusgruppen oder ein Frauenbüro.“ Ob diese Vorschläge auf viel Begeisterung stießen, ist im Nachhinein schwer nachzuvollziehen – festgehalten werden kann, dass Grabmüller und Katz ihr Amt bis 1996 innehatten.
Was bleibt?
Die Umbruchszeit um 1989/90 wird in der Geschichtsschreibung der Frauenbewegung häufig als Zeit des Aufbruchs und der Demokratisierung charakterisiert. Dies lässt sich auch für das OEI festhalten: Eine verhältnismäßig große Gruppe engagierter Frauen setzte sich hier für die Frauenförderung ein, brachte eigene Schwerpunkte ein und gestaltete das OEI aktiv mit. Gleichzeitig gab es wenig Interaktion mit den Themen, die das OEI als Ganzes beschäftigten. Ab 1992 ist eine Professionalisierung beim Amt der Frauenbeauftragten zu beobachten, einhergehend mit nachlassendem Engagement aus der Gruppe der Studierenden sowie der Mitarbeiterinnen am OEI.
Ausgewählte Quellen und Literatur
Einladung zur Frauenvollversammlung des Zentralinstituts Osteuropa-Institut vom 08.11.1989, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Entwurf für einen Frauenförderplan für das Osteuropa-Institut vom 08.05.1989, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Frauenförderplan für das Osteuropa-Instituts, vom Direktorium des OEI genehmigt am 12.11.1990, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
„FU-Frauenbeauftragte beschlossen“, in: taz. die tageszeitung, 16.06.1988.
Grabmüller, Uta/Katz, Monika: Wir stellen uns vor! Die Frauenbeauftragte des OEI und ihre Stellvertreterin, Flugblatt 1992, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Grabmüller, Uta: Einladung zur Frauenvollversammlung an alle Studentinnen und Mitarbeiterinnen für den 02.11.1993, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Hess, Mary: Einladung zur Versammlung der Sonstigen Mitarbeiterinnen des Osteuropa-Instituts vom 25.01.1990, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Hess, Mary: Protokoll der Versammlung der Sonstigen Mitarbeiterinnen des Osteuropa-Instituts am 13.02.1990, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Heuer, Brigitte: Protokoll der Frauenvollversammlung am Osteuropa-Institut am 04.12.1989, in: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, ZI-1-V/248.
Färber, Christine: Frauenförderung an Hochschulen. Neue Steuerungselemente zur Gleichstellung, (Politik der Geschlechterverhältnisse, Bd. 15), Frankfurt a.M. / New York 2000.
Koreuber, Mechthild: Die Frauenbeauftragten an der Freien Universität. 30 Jahre Geschichte in Namen, in: 30 Jahre Frauenbeauftragte an der Freien Universität Berlin. Wissenschaftlerinnen-Rundbrief 2/2017, hrsg. v. Mechthild Koreuber, Berlin 2017, S. 42–45.
Koreuber, Mechthild/Tomberger, Corinna: Konsequent für Chancengerechtigkeit. Die Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin, in: 30 Jahre Frauenbeauftragte an der Freien Universität Berlin. Wissenschaftlerinnen-Rundbrief 2/2017, hrsg. v. Mechthild Koreuber, Berlin 2017, S. 10–39.
Osteuropa-Institut: 70 Jahre OEI. Ein Institut im Spiegel seiner Zeit, Berlin 2022.
Tomberger, Corinna: Meilensteine. Die Freie Universität Berlin auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Hochschule, in: 70 Jahre Freie Universität – 70 Jahre Frauen an der Freien Universität. Wissenschaftlerinnen-Rundbrief 2/2018, hrsg. v. Mechthild Koreuber, Berlin 2018, S. 22–37.



