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„Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen” 1.000 Dissertationen der FU zu Osteuropa in 75 Jahren

Grafik 1: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Erscheinungsjahrzehnt

Grafik 1: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Erscheinungsjahrzehnt

Grafik 2: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Regionen

Grafik 2: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Regionen

Grafik 3: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Regionen und Erscheinungsjahrzehnt

Grafik 3: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Regionen und Erscheinungsjahrzehnt

Grafik 4: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Wissenschaftsbereichen

Grafik 4: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Wissenschaftsbereichen

Grafik 5: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Wissenschaftsbereichen und Erscheinungsjahrzehnt

Grafik 5: Dissertationen mit Osteuropa-Bezug nach Wissenschaftsbereichen und Erscheinungsjahrzehnt

Hergen Frerichs

War Rudi Dutschke Doktorand am Osteuropa-Institut?

„Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen: Über den Unterschied des halbasiatischen und des westeuropäischen Weges zum Sozialismus” – so lautet der Titel der Dissertation von Rudi Dutschke aus dem Jahre 1974. Doch anders als man es aufgrund des Titels vermuten könnte, war Rudi Dutschke damit nicht der prominenteste Doktorand des Osteuropa-Instituts, an dem er als studentische Hilfskraft gearbeitet hat. Die Betreuer der Dissertation von Rudi Dutschke waren die Professoren Urs Jaeggi und Peter Furth, der eine wirkte am Institut für Soziologie und der andere am Institut für Philosophie der FU.

Osteuropa ist der Forschungsgegenstand des OEI als interdisziplinärem Regionalinstitut. Dieser Beitrag geht der Frage nach, mit welchen regionalen und fachlichen Schwerpunkten sich das OEI in den 75 Jahre seit seiner Gründung beschäftigt hat. Ein vielversprechender Weg, um diese Frage anzugehen, wäre die Auswertung der Dissertationen, die im Laufe der Zeit am OEI verfasst wurden. Dissertationen als Nachweis der Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten könnten Einblicke in die Forschungsschwerpunkte der am OEI vertretenen Abteilungen und Forschungsinteressen des wissenschaftlichen Nachwuchses bieten.

Gibt es keine Dissertationen am OEI?

Leider lässt sich dieser Weg nicht ohne Weiteres beschreiten. Im digital erfassten Bibliotheksbestand der FU sind zwar alle an der FU verteidigten Dissertationen als Hochschulschriften erfasst, es gibt aber keinerlei Hinweis auf die am OEI angefertigten Dissertationen, da das OEI als Zentralinstitut der FU nie ein eigenes Promotionsrecht hatte. Doktoranden, die sich mit Osteuropa beschäftigen wollen, können zwar am OEI tätige PromotionsbetreuerInnen wählen, promovieren aber an einem der mit Promotionsrecht ausgestatteten Fachbereiche der FU. Selbst wenn Rudi Dutschke gewollt hätte, hätte er seine Dissertation also nicht „am OEI“ schreiben können.

Eine Näherung: 1.000 Dissertationen der FU zu Osteuropa

Statt aufzugeben, probieren wir es mit einer Näherung. Wir identifizieren im Bibliotheksbestand alle Dissertationen der FU zu Osteuropa, und zwar unabhängig von einem erkennbaren OEI-Bezug. Um die Dissertationen zu finden, treffen wir die Annahme, dass ein Osteuropa-Bezug entweder im Titel oder in der Verschlagwortung deutlich wird. Wir erstellen eine Liste mit deutschen und englischen Suchwörtern, die hauptsächlich Regionen, Länder und Sprachen umfasst. Mit den Suchwörtern *usbek* und *uzbek* identifizieren wir z.B. alle Dissertationen mit Bezug zu Usbekistan. Insgesamt enthält unsere Liste 83 Suchwörter.

Geografische Bezüge können auf diese Weise gut ermittelt werden, wie hoch die Dunkelziffer nicht erkannter Dissertationen ist, bleibt jedoch offen. Es ist anzunehmen, dass dieser Suchalgorithmus politologische Titelgebungen besser abdeckt als z.B. literaturwissenschaftliche, die häufig Autorennamen beinhalten, oder wirtschaftswissenschaftliche, die komparativ angelegt sind.

Der erste Suchdurchlauf ergibt ansehnliche 7.860 Treffer aus einem FU-Dissertationsbestand von rund 44 Tausend Arbeiten. Auch die Arbeit von Rudi Dutschke ist unter den Treffern, allerdings 27 (!) Mal. Das liegt daran, dass es in der Bibliothek mehrere Exemplare der Arbeit gibt und dass gleich mehrere Suchwörter im Titel und in der Verschlagwortung anschlagen. Wir entfernen alle Duplikate, so dass von jeder Arbeit nur noch der Treffer mit der höchsten Relevanz übrigbleibt.

Ein Abgleich der Treffer in unserem Datensatz mit der Auflistung von Dissertationen der FU im Bereich der Russika und Sowjetika in den Jahren 1973 – 1975 (Bruhn 1981) ergibt eine recht hohe Trefferquote von 31 von 40 (= 78%). Dabei waren sechs Titel, z.B. zu Chinas Weg in die Weltpolitik und zur Geschichte der Apotheken in Moskau, von vorneherein nicht Bestandteil unseres Datensatzes, während wir drei Titel, z.B. zur türkischen Außenpolitik im Zweiten Weltkrieg, in der Endredaktion bewusst herausgefiltert haben.

Im Zuge der Trefferanalyse werden auch die Schwächen des Suchvorgehens offensichtlich. So erhalten wir mit dem Suchbegriff *DDR* auch eine größere Zahl von medizinischen Arbeiten, die sich mit der „Schil-ddr-üse“ beschäftigen. Die Suchwörter *russ* und *serbi* führen ebenfalls zu einer Reihe von Fehltreffern (z.B. „P-russ-ia“ oder „Was-serbi-ndung“). Es gibt auch zahlreiche Treffer aus den Bereichen (Tier-)Medizin, Geologie und prähistorischer Archäologie, deren Osteuropa-Bezüge in diesem Fall weniger interessieren. Schlussendlich verbleiben rund 1.000 Osteuropa-Dissertationen aus den vergangenen 75 Jahren.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus den Daten ziehen?

Die erste Analyse betrifft die Anzahl der Arbeiten im Zeitablauf. Grafik 1 zeigt zwei starke Anstiege, erst in den 70er- und dann in den 90er-Jahren. Das könnte mit der Neuen Ostpolitik unter dem Bundeskanzler Willy Brandt ab 1969 und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 zu tun haben. In den 2000er- und 2010er-Jahren bleibt der Output hoch, aber mit einer rückläufigen Tendenz. In der Zeit seit 2021 zeichnet sich – möglicherweise aufgrund der Corona-Pandemie – ein stärkerer Rückgang ab.

 Grafik 2 zeigt die Verteilung der Arbeiten nach Regionen. Mit großem Abstand die meisten Arbeiten wurden zur Region „Ostdeutschland / DDR“ geschrieben, gefolgt von „Russland“ und der Region „Polen / Ungarn / Tschechoslowakei / Tschechien / Slowakei“.

Legende (Grafik 2): BG = Bulgarien, RO = Rumänien, AL = Albanien, BA = Bosnien-Herzegowina, XK = Kosovo, HR = Kroatien, ME = Montenegro, MK = Nordmazedonien, RS = Serbien, SI = Slowenien, KZ = Kasachstan, KG = Kirgisistan, TJ = Tadschikistan, TM = Turkmenistan, UZ = Usbekistan

Es lässt sich darüber streiten, ob wir Ostdeutschland und die DDR dem Forschungsobjekt „Osteuropa“ zuordnen können. Dafür sprechen die Zugehörigkeit der DDR zum Ostblock und die Systemtransformation in Ostdeutschland nach dem Fall des Eisernen Vorhanges. Dagegen spricht die geographische Lage der SBZ/DDR. Hier wurde die DDR aufgenommen; nicht zuletzt auch deshalb, weil am OEI über Jahrzehnte immer wieder Forschung zu diesem Thema betrieben wurde.

Grafik 3 zeigt zusätzlich zur regionalen auch die zeitliche Verteilung der Dissertationen. Die Anzahl der Dissertationen zur Region „Ostdeutschland / DDR“ ist seit den 70er-Jahren in allen Jahrzehnten führend und erreichte ihren Höhepunkt in den 90er-Jahren. Die Anzahl der Arbeiten zur „Sowjetunion“ dagegen war in den 60er-Jahren führend und erreichte ihren Höhepunkt bereits in den 70er-Jahren. Auffallend sind auch die hohen Werte für die Visegrád-Region in der Transformations- und EU-Beitrittsphase in den 90er- und 2000er-Jahren und für die Balkan-Region in den 2000er-Jahren mit der Aufarbeitung der post-jugoslawischen Kriege. Das Interesse an Russland befindet sich seit den 90er-Jahren konstant auf einem hohen Niveau.

Interessant ist, dass es für „Belarus / Moldau / Ukraine“ vor 1991 nur vier Arbeiten gab, und zwar zwei Arbeiten über polnische Lehnwörter im Weißrussischen und im Ukrainischen in den 50er-Jahren und zwei Arbeiten über die Herkunft der Zaporoger Kosaken des 17. Jahrhunderts bzw. die Partisanenbewegung in Weißrussland im Zweiten Weltkrieg in den 80er-Jahren.

Bei der Katalogisierung von Dissertationen in den Bibliotheksbestand findet auch eine Klassifikation in wissenschaftliche Themenbereiche gemäß der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) und / oder der Dewey Decimal Classification (DDC) statt. Beide Schemata lassen detaillierte Zuordnungen zu. In unserem Datensatz ist das entsprechende Feld aber nur in rund 80% der Fälle befüllt. Wenn es befüllt ist, gibt es sehr häufig mehrere Einträge, ohne dass eine Hauptzuordnung zu erkennen ist.

Grafik 4 erhält eine manuelle Auswertung dieser Klassifikation und zeigt die häufigsten zehn Wissenschaftsbereiche. Politologie, Geschichte und Wirtschaftswissenschaften führen das Ranking an, gefolgt von Rechtswissenschaft, Slawistik und Soziologie.

Grafik 5 zeigt, dass die Bereiche Rechtswissenschaft und die Wirtschaftswissenschaften ihren zahlenmäßigen Höhepunkt in den 90er-Jahren hatten und der Bereich Geschichte in den 2000er-Jahren. Der Bereich Politologie ist in den 90er-, 2000er- und 2010er-Jahren durchgehend stark. Weniger sichtbar ist, dass der Bereich Slawistik in den 50er- und 60er-Jahren und die Wirtschaftswissenschaften in den 70er-Jahren führend waren.

Das OEI im Dissertationsbestand der FU

Das OEI ist in den Daten nicht vollständig unsichtbar. Zunächst trägt eine der Dissertationen im Datensatz das OEI im Titel. Es ist die Arbeit „Das Berliner Osteuropa-Institut: Organisationsbiografie einer interdisziplinären Hochschuleinrichtung 1945 - 1976” von Ursula Stegelmann aus dem Jahr 2014. Ein Fokus ihrer Arbeit liegt auf den Gründungsprofessoren des OEI. Die Dissertationstätigkeit am OEI selbst wird nicht untersucht.

Darüber hinaus gibt es 72 Dissertationen, die in Schriftenreihen des OEI erschienen sind. Der älteste Eintrag „Die griechischen Lehnbildungen und Lehnbedeutungen im Altbulgarischen” von Kurt Schumann stammt aus dem Jahr 1956. Der jüngste Eintrag ist die Arbeit „Osteuropa und die Zusammenarbeit mit internationalen Strafgerichtshöfen: ausgewählte Länder” von Susen Wahl aus dem Jahr 2010. Seit 2011 – möglicherweise im Zuge der digitalen Transformation und der weitgehenden Einstellung entsprechender Schriftenreihen – gibt es keine Nennungen mehr.

Fazit, oder: Was kann man aus dieser Übung lernen?

Das OEI begeht im Jahr 2026 Jahr sein 75. Jubiläum. Die Auswertung der Dissertationen mit Osteuropa-Bezug, die in diesen 75 Jahren an der FU Berlin angefertigt wurden, zeigt, mit welchen regionalen und fachlichen Schwerpunkten sich der wissenschaftliche Nachwuchs im Zeitablauf beschäftigt hat. Der Bestand von rund 1,000 Dissertationen stellt einen wichtigen Teil der Forschungs-DNA der FU Berlin dar. Eines ist sicher: Die Bedeutung des OEI für die Osteuropa-Forschung an der FU ist viel größer als es in den Dissertationsdaten erscheint. Und gerade die jüngste Vergangenheit zeigt, dass Osteuropa auch für zukünftige Forschergenerationen ein spannendes Thema bleiben wird.

Quellen / Literatur

Bibliotheksportal Primo der Freien Universität Berlin. Die Datenabfragen wurden im Juni 2026 durchgeführt.

Bruhn, P. (1981): Russika und Sowjetika unter den deutschsprachigen Hochschulschriften (1973 – 1975). In: Bibliographische Mitteilungen des Osteuropa-Instituts an der Freien Universität Berlin. 21.