Forschungsprofil

Osteuropa im transnationalen Verflechtungsraum

Zielvereinbarung Forschung, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin

Profilgebend für das Institut ist eine disziplinenübergreifende Forschung über Osteuropa, die Area Expertise mit theoriegeleiteten Fragestellungen der Sozial- und Kulturwissenschaften verknüpft. Was zu Osteuropa gehört, wird in der Literatur uneinheitlich definiert. Wir zählen Russland und die europäischen Staaten dazu, die vormals Teile der Sowjetunion oder von ihr als Satelliten beherrscht waren. Russland gehört zur europäischen Geschichte, Politik und Kultur. Zugleich positioniert sich das riesige Land immer wieder als Zentrum Eurasiens, als eigenständiger zivilisatorischer, politökonomischer und machtpolitischer Pol und als Gegenmodell zum Westen. Dies hat für die ganze Region vielfältige Folgen. Südosteuropa spielt für den Vergleich ebenfalls eine Rolle, bildet aber keinen Schwerpunkt.

Die Relevanz der skizzierten Perspektive ergibt sich aus mehreren Faktoren: Erstens ist Osteuropa geprägt von einer gemeinsamen „kommunistischen“ Vergangenheit, bei welcher der Staatssozialismus sowjetischen Typs strukturbildend war. Aufgrund historischer Vorbedingungen und konkreter Akteurskonstellationen schlugen aber die Länder sehr verschiedene Transformationspfade in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie ein, die ihrerseits inzwischen Pfadabhängigkeiten schaffen. Bei der Auslotung dieser Variation, deren Dynamik bzw. Stabilität bestehen nach wie vor erhebliche Forschungsdefizite.

Zweitens bildete und bildet Osteuropa einen eigenen kulturellen, politischen und ökonomischen Verflechtungsraum, durch den sich mit den unterschiedlichen Orientierungen der Länder nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus neue/alte Grenzlinien ziehen. Mit Russland als einem traditionellen Zentrum einerseits und Westeuropa sowie den USA als dem anderen Attraktionspol stellt er einen Brennpunkt neuer und alter globaler und europäischer Konflikte dar, in denen es sowohl um Vormachtstellungen und sozio-ökonomische Entwicklungschancen als auch um kulturelle Identitätskonzepte und Selbstbestimmung geht. Die gegenwärtige – erneute – Abkehr Russlands vom „Westen“ und seine Wiederkehr als globaler Player haben die Auseinandersetzung um politische Regime, Wirtschafts- und Sozialmodelle, um ökonomische, politische und kulturelle Integration in neuer Weise verschärft. Diese Auseinandersetzung ist im Kontext der globalen Kritik am finanzmarktgetriebenen Globalisierungszyklus seit den 1980er Jahren und der gegenwärtigen Krise des Liberalismus zu begreifen.

Drittens erleben wir ein Wiedererstarken des Autoritarismus als einen übergreifenden Trend, der angesichts der unterschiedlichen Transformationspfade und Integrationsmuster nach 1989 keineswegs zu erwarten war. Fragen nach den gemeinsamen Legacies verschwinden daher nicht von der Forschungsagenda. Allerdings reicht diese Perspektive nicht aus, da dieser Trend auch mit den Erwartungen an den, dem Verlauf und den Ergebnissen des Transformationsprozesses zu tun hat und in einer globalen Entwicklung steht.

Mit dem sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsprofil „Osteuropa im transnationalen Verflechtungsraum“ wird sowohl auf eine regionale wie globale Verflechtung abgestellt, ohne die die Entwicklung im östlichen Europa nicht zu begreifen ist. Das Forschungsprogramm grenzt sich deutlich von European Studies ab, die Osteuropa primär als Teil der Europäischen Union oder als assoziierte bzw. zu assoziierende Peripherie betrachten. Russland erscheint hier allenfalls als intervenierende Variable und nicht als eigenständiges Forschungsfeld.

Die transnationale Verflechtungsperspektive wird mit komparativen Ansätzen verknüpft, die je nach Untersuchungsfrage variieren. Im Mittelpunkt der Komparation steht der Regimevergleich, der nicht auf das politische System beschränkt wird, sondern einen breiten politökonomischen Ansatz verfolgt, bei dem politisch-rechtliche Systeme, sozio-ökonomische Ordnungsmodelle und kulturelle Normen- und Ordnungsvorstellungen bzw. -konflikte in Beziehung gesetzt werden. Die Verflechtungs- und die Regimeperspektive stehen in einem engen Zusammenhang, da die Regimeausprägung, die Art und Weise der Verflechtung und die Verflechtung wiederum die Regimeausprägung beeinflussen. Moderne hybride oder autoritäre Regime sind in internationale Kooperations- und Machtstrukturen eingebunden.

Das Osteuropa-Institut (OEI) an der Freien Universität prägt eine Kombination aus Sozial- und Kulturwissenschaften, einschließlich Geschichte und bisher auch Recht. Diese Fächerkombination mit einer starken Präsenz der Sozialwissenschaften und die relative Größe des Instituts sind deutschlandweit einmalig und schaffen sehr gute Voraussetzungen dafür, das Forschungsprofil auszufüllen. Auch wenn durch den anstehenden Generationswechsel eine weitere Präzisierung des Profils noch nicht möglich ist, lassen sich gemeinsame Forschungsfragen und –felder benennen, die das Institut in den nächsten Jahren bearbeiten wird.

Übergreifende Forschungsfragen

  • Was treibt die Rückkehr des Autoritarismus in Osteuropa an? Welche sozio-ökonomischen Ordnungsmodelle und Legitimationsstrategien werden dabei verfolgt? Wie interagieren formale und informale Institutionen bei der Ausprägung und Stabilität der Regimevariationen? Wie variiert dieser Zusammenhang in einzelnen Politikfeldern und auf der Basis unterschiedlicher Wirtschaftsstrukturen?
  • Welche Rolle spielen historische, kulturelle und institutionelle Legacies für ähnliche bzw. divergente Entwicklungspfade, für ähnliche und konfligierende Normen- und Ordnungsvorstellungen?
  • Welche Effekte haben die konfligierenden, transnationalen Diffusions-, Migrations- und Integrationsprozesse auf die sozio-ökonomischen Systeme, auf die politischen Regime und die Formierung kollektiver Identitäten der Länder? Wie wirkt Russland als Ordnungsmodell und geopolitischer Akteur auf Ostmittel- und Südosteuropa und Eurasien?
  • Wie interagieren die Entwicklungen in Russland und Osteuropa mit den Krisen der globalen Wirtschafts- und Weltordnung?

Forschungsfelder

(1)   Komparative Institutionenforschung und Institutionentheorie: Zusammenspiel von formalen Institutionen und informellen Regeln, Normen und Praktiken in autoritären bzw. hybriden Regimen; Adaption internationaler Standards in diesen Kontexten; Verknüpfung von politischen Regimen mit sozio-ökonomischen Varianten von Marktwirtschaften und Sozialpolitik, Performance von Institutionen und deren Folgen für die sozio-ökonomische Entwicklung und soziale Ungleichheit; die kulturelle Einbettung institutioneller Ordnungen.

(2)   Russland als Großmacht: Russland als Ordnungsmodell für europäische und außereuropäische Weltregionen in Geschichte und Gegenwart; Wandel des Wirtschaftsmodells und der Sozialordnung im Kontext globaler Krisen; imperiale Restauration und politische, sozio-ökonomische sowie identitäre Abkehr Russlands vom „Westen“; historische und meta-historische und kulturelle Narrative im post-sowjetischen Russland als Legitimations- und Kritikressource, die Rolle des Rechts in diesen Prozessen.

(3)   Akteure und kulturelle Ordnungsvorstellungen: Konstruktion und Rekonstruktion osteuropäischer Identitäten im Kontext von nationaler Abgrenzung und Migrationsgeschichte (einschließlich der osteuropäisch-jüdischen Geschichte); Zivilgesellschaft und Produktion, Widerstreit und Diffusion von Ideen im Spannungsfeld von offiziellen und subversiven Kulturen.

(4)   Politische Ökonomik und kulturwissenschaftlich informierte Wirtschaftsgeschichte: Modellierung politischer Prozesse, Ökonomik der Zentralplanung und Transitionspfade im Vergleich, persistente kulturelle Ordnungsvorstellungen und wirtschaftliche Entwicklung in Ost- und Südosteuropa – das Russische und des Osmanische Kaiserreich im Vergleich.