Das halbe Jahrhundert des Hungers- eine Sinnesgeschichte. Hungerkatastrophen in Russland und der Sowjetunion (1891-1946)

(31605)

TypSeminar
Dozent/inVitali Taichrib
InstitutionOsteuropa-Institut
SemesterSommersemester 2017
Veranstaltungsumfang2 SWS
RaumGarystr. 55 Raum B
Zeit

Dienstag 10-12 Uhr

Hunger ist nicht nur ein körperliches Empfinden. Hunger beeinflusst die Wahrnehmung und das Handeln von Menschen. Wie nehmen Menschen in Zeiten großer Hungerkatastrophen ihre Welt (über ihre Sinne) wahr? Wie verhalten sie sich in Gruppen und wie agieren sie in solchen Ausnahmezuständen? Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die „Formierung“ einer sowjetischen Gesellschaft ziehen? Dies sind die übergeordneten Fragen für das Seminar.

Ausgangspunkt für das „halbe Jahrhundert des Hungers“ bildet die Hungersnot der Jahre 1891/92, die sich von ukrainischen Gebieten bis hin zum Ural erstreckte und von der ca. 11 Mio. Menschen betroffen waren. In den nächsten fünf Jahrzehnten folgten drei weitere Hungernöte dieses Ausmaßes: die Hungerkatastrophe der Jahre 1921-24, die auf Revolution und Bürgerkrieg folgte; die Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33, ausgelöst durch die Maßnahmen der „forcierten Industrialisierung“ und die stalinistische Macht- und Gewaltpolitik (in der ukrainisch-nationalen Erinnerungskultur wird von „Holodomor“ gesprochen); die Hungerkatastrophe der Jahre 1946/47, die auf den Zweiten Weltkrieg folgte und nur aus einer globalen Perspektive heraus fassbar wird.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts begleitete das Phänomen „Hunger“ in der einen oder anderen Form den Alltag vieler Menschen in der Sowjetunion. Im Seminar nähern wir uns diesem Thema aus einer sinnesgeschichtlichen Perspektive und analysieren gemeinsam Alltagserfahrungen in Ausnahmezuständen. In diesem Rahmen werden auch Grundlagen für den geschichtswissenschaftlichen Umgang mit Sinneswahrnehmung vermittelt.

Das Seminar richtet sich vor allem an Bachelor-Studierende des Studiengangs Geschichte, Interessierte aus anderen Fachrichtungen sind willkommen. Kenntnisse des Russischen und anderer ost- und ostmitteleuropäischer Sprachen sind angesichts der Quellenlage sehr hilfreich, jedoch keine Voraussetzung.

 

Literatur:

Conquest, Robert: The Harvest of Sorrow: Soviet Collectivization and the Terror-Famine, New York 1987.

Ganson, Nicholas: Famine of victors: The Soviet hunger of 1946–1947 in historical and global perspective, Chapel Hill 2006.

Patenaude, Bertrand M.: The big show in Bololand: the American relief expedition to Soviet Russia in the famine of 1921, Stanford 2002.

Smith, Mark M.: Sensory History, Oxford u.a. 2007.

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