Nationalizing Empires? Nationsbildung unter imperialer Herrschaft in Ostmitteleuropa im 19. Jahrhundert

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TypSeminar
Dozent/inAgnieszka Wierzcholska
InstitutionOsteuropa-Institut
SemesterWintersemester 2016/2017
Veranstaltungsumfang2 SWS
RaumGarystr. 55 Raum 121
Zeit

Mittwoch 10-12 Uhr

Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass das Thema Nationsbildung im östlichen Europa in letzter Zeit an Aktualität gewinnt. Im Zuge des Euro-Maidan in der Ukraine und der russischen „Intervention“ diskutierten Publizisten, Historiker und Politiker in den deutschsprachigen Feuilletons, ob die Ukraine überhaupt eine „richtige“ Nation sei. Mit dem Erstarken nationalistischer Bewegungen im östlichen Europa, sei es die ONR in Polen oder die Jobbik in Ungarn, scheint auch das alte Bild von einem rückständigen, „schlechten“ Ethno-Nationalismus im Osten Europas bestätigt. Umso sinnvoller erscheint es angesichts dieser Debatten, historisch zu den Anfängen der modernen Nationsbildungsprozesse im 19. Jahrhundert zu schauen, um ein fundiertes Bild dieser longue durée Entwicklungen zu gewinnen.


Nationsbildungsprozesse innerhalb multinationaler Imperien stellen weiterhin eine Herausforderung der Nationalismusforschung dar. Im östlichen Europa verlief nation-building unter besonderen historischen Bedingungen: unter imperialer Überschichtung, in multi-ethnischen Regionen und über imperiale Grenzen hinweg. Aus der Makroperspektive betrachtet müssen wir die Politik(en) „nationalisierender Imperien“ beleuchten, da sowohl das Habsburger als auch das Russländische Reich in höchstem Maße nationale Entwicklungstendenzen beeinflussten. Sie verfolgten eine bewusste Nationenpolitik, indem sie beispielsweise eine Titularnation bevorzugten und durch Akkulturation und Assimilierung andere ethnische Gruppen unter Druck setzten. Aus der bottom-up oder der lokalen Perspektive betrachtet, lebten in den multi-ethnischen Räumen Ost(mittel)europas die „anderen“ Nationen aber häufig in derselben Straße, waren Nachbarn und Schulkameraden. Inwiefern können wir daher von einer Verflechtungsgeschichte unterschiedlicher Nationsbildungsprozesse auf engem Raum sprechen?
Das Seminar ist dreigeteilt: Im ersten Teil „Nationalismusforschung revisited“ beschäftigen wir uns mit Theorien und Modellen zu Nationsbildungsprozessen, der zweiten Teil setzt einen geographischen Schwerpunkt in „Räume Ost(mittel)europas erkunden“, im dritten Teil erarbeiten Studierende kleinere Fallstudien aus dem Themengebiet.
Osteuropäische Fremdsprachenkenntnisse sind von Vorteil, aber nicht zwingend erforderlich.


Literatur:
Brubaker, Rogers: Nationalism Reframed: Nationhood and the National Question in the New Europe. Cambridge: Cambridge University Press 1997.
Berger, Stefan / Miller, Alexei (Hg): Nationalizing Empires. Budapest: Central European University Press 2014.

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