Jüdisches Leben in Polen nach 1945

(31603)

TypSeminar
InstitutionOsteuropa Institut
SemesterSommersemester 2015
Veranstaltungsumfang2 SWS
RaumGarystr. 55 301
Zeit

Mittwoch 12-14 Uhr

„Ich vermisse Dich, Jude!“ Mit dieser Aufschrift, die Rafał Betlejewski in Großbuchstaben über sieben Metern auf Mauern in Warschau und anderen Städten malte, erregte der Künstler großes Aufsehen. Er wolle mit seinem 2010 realisierten Projekt daran erinnern, dass „etwas Wichtiges“ den Polen fehle. Während des Zweiten Weltkrieges fielen über 90% der polnischen Juden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer. Die Morde geschahen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den nicht-jüdischen Polen. Die Reaktionen letzterer reichte von selbstloser Hilfe, über Erpressung bis hin zu Mord. Das Seminar widmet sich der Frage, wie Juden nach den erschütternden Erlebnissen und extremen Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs ein neues Leben in Polen aufbauten.

Nach dem Krieg entstand ein Polen, dessen Grenzen verschoben wurden und große Bevölkerungsteile migrierten. Polen wurde zu einer sozialistischen Volksrepublik, deren Einwohnerschaft ethnisch und religiös beinah homogen war. Die Mehrheit der überlebenden polnischen Juden überstand den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. In mehreren Repatriierungswellen kehrten viele nach Polen zurück, blieben oder migrierten weiter. Die Gründe für die Ausreise waren vielfältig – zu politischen Faktoren mischten sich emotionale: Polen war in der Wahrnehmung vieler Überlebender zu einem Friedhof ihrer Familien und Glaubensbrüder geworden. Der gewalttätige Antisemitismus, im Besonderen das Pogrom in Kielce 1946, bei dem 42 Juden von nicht-jüdischen Polen ermordet wurden, löste eine große Emigrationswelle aus. Viele Juden, die sich entschieden, in Polen zu bleiben, verheimlichten ihre jüdische Herkunft. Andere maßen ihr keine Bedeutung zu und hofften, das staatssozialistische System werde eine gerechtere Gesellschaftsordnung schaffen. Wieder andere engagierten sich zunächst in jüdischen politischen Parteien, später in jüdischen Kulturvereinen. Es gab jiddische Verlage, eine jiddische Zeitung, jüdisches Theater.

Das Seminar ist quellenbasiert und widmet sich beispielhaft ausgewählten Themen des jüdischen Lebens in Polen nach 1945, unterschiedlichen Regionen (Warszawa, Łódź, Dzierżoniów), aber auch dem Nachkriegsantisemitismus. Eine Exkursion zum neu eröffneten Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau ist unter Vorbehalt geplant.

Polnisch- und Jiddischkenntnisse sind von Vorteil, aber keine Voraussetzung. Die Lektüre zum Seminar ist größtenteils in Englisch.

Literatur:

Karen Auerbach: The house at Ujazdowskie 16. Jewish families in Warsaw after the Holocaust. Bloomingston, IN [u.a.] 2013.

Feliks Tych, Monika Adamczyk-Garbowska (Hg.): Następstwa zagłady Żydów. Polska 1944 – 2010. Lublin 2011.

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