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Mariana Hausleitner, Harald Roth (Hg.): Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa. München: IKGS Verlag 2006, 360 Seiten, 20,50 Euro. ISBN 3-9809851-1-3

 

Was lässt sich schreiben zu einem Buch, das bereits ein Dutzend Mal rezensiert wurde, auf H-Soz-Kult, in Fachzeitschriften sowie erfreulicherweise in den Ländern, die im Band behandelt werden? Zugegeben, der Gedanke, der Zwölfte in einer Reihe von lobenden Rezensenten zu sein, beflügelt nicht. So soll hier vor allem ein zentrales Postulat des Bandes besprochen werden, das in anderen Besprechungen zu kurz gekommen ist, nämlich das vom spezifischen „Minderheitenfaschismus“.

Der Titel des Buches „Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa“ ist missverständlich. Da in der Einleitung der Nationalsozialismus explizit als Teil des europäischen Faschismus begriffen wird, ist der Nationalsozialismus im Titel eigentlich überflüssig. Da der Band aber nicht hält, was der Titel verspricht – denn im Wesentlichen wird der politische Einfluss des nationalsozialistischen Deutschland auf deutschsprachige Minderheiten behandelt – hätte besser der Faschismus aus dem Titel gestrichen werden sollen. Sechs Aufsätze behandeln die Frage, wie deutsche Minderheiten in Rumänien (Cornelia Schlarb, Thomas Şindilariu), Jugoslawien (Carl Bethke, Zoran Janjetović), Ungarn (Norbert Spannenberger/József Vonyó) und der Slowakei (Christof Morrissey) auf den Erfolg des Nationalsozialismus im Deutschen Reich reagiert haben. Drei Aufsätze untersuchen weitere Aspekte der Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien, namentlich die Verarbeitung des Ersten Weltkrieges in Siebenbürgen in Form von Kriegerdenkmälern (Bernhard Böttcher), die Rolle der deutschen Minderheit bei der Niederschlagung eines kommunistischen Aufstandes in Bessarabien 1924 (Olga Schroeder-Negru) sowie die Rezeption des Nationalsozialismus durch die Evangelische Kirche in Rumänien nach dem Kriegsende (Pierre de Trégomain). Zwei Aufsätze schließlich nehmen eine andere Perspektive ein und schildern am Beispiel der Juden in Kroatien (Ivo Goldstein) und der ungarischsprachigen Minderheit in der rumänischen Moldau (Meinolf Arens/Daniel Bein), wie sich der Faschismus in Form von Umsiedlung und Massenmord auf Minderheiten auswirkte. Mit seinem Aufsatz über die ungarische Minderheit in Rumänien ist Franz Sz. Horváth der einzige Autor, der die Affinität einer nichtdeutschen Minderheit zum Faschismus behandelt.

Die Leitfrage des Buches formuliert Daniel Ursprung in einer kompetenten Einführung, die einen Überblick über die jüngsten Faschismustheorien und die einzelnen Beiträge bietet. Gibt es einen Minderheitenfaschismus, sprich einen Faschismus, der unter ethnisch, national oder sprachlich definierten Minderheiten – die AutorInnen des Bandes bedienen sich hier verschiedener Modelle – besonders durchsetzungsfähig ist und andere Charakteristika aufweist als der Faschismus jener Faschisten, die einer nationalen Majorität angehören? Zunächst greift Ursprung in seiner Definition auf die von Roger Griffin vorgeschlagene Charakterisierung des Faschismus als „palingenetischer Ultranationalismus“(1) auf. Obgleich Ursprung die Kombinationen mit dynamischeren Faschismusdefinitionen empfiehlt, wird Faschismus letztlich als Ideologie charakterisiert, und die betrachteten Minderheiten könnten, so Ursprung, am Maßstab eben jenes ultranationalistischen Wiedergeburtsdenkens gemessen werden (S. 46). Dann gibt Ursprung einige Hypothesen vor, anhand derer ein spezifischer Minderheitenfaschismus festgestellt werden könne. Erstens habe das Bestreben nach innerem Zusammenhalt und nach Bündelung aller Kräfte innerhalb der politischen Repräsentation der Minderheiten verhindert, dass faschistische Bestrebungen wirksam bekämpft wurden. Der Faschismus ließ sich nicht ausgrenzen, vor allem dann nicht, wenn die jeweilige Referenznation (manche Autoren sprechen hier auch „Staatsnation“ oder „Mutterland“) bereits faschistisch regiert wurde. Zweitens sei die ausländische Beeinflussung ein wesentliches Moment des Minderheitenfaschismus gewesen. Dadurch seien die konservativen Eliten der Minderheiten unter einen doppelten Druck geraten sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch ihre radikalen Herausforderer. Diesen wiederum sei durch ihre Kooperation mit dem Nationalsozialismus ermöglicht worden auch ohne Bündnis mit den Konservativen politisch erfolgreich zu sein, wodurch sie ihre Radikalitität nicht zu Gunsten der Realpolitik aufgeben hätten müssen. Drittens schließlich hätten sich Faschisten besonders bei solchen Minderheiten durchsetzen können, die wenig politisiert waren und bei denen die Faschisierung einherging mit der beginnenden Entwicklung eines nationalen Bewusstseins.

Daniel Ursprungs Hypothesen bilden eine spannende Grundlage für die Untersuchung des Themas Minderheiten und Faschismus. Doch erfolgt diese in den einzelnen Beiträgen nur bedingt. Zwar wird der Dualismus zwischen Konservativen und Nationalsozialisten, der zumindest für die meisten deutschen Minderheiten prägend war, von den meisten Autoren aufgegriffen. Etablierte konservative Minderheitenpolitiker, die vielfach schon vor dem Ersten Weltkrieg eine bedeutende gesellschaftliche Rolle gespielt hatten, sahen sich Erneuerern gegenüber, bei denen es sich oftmals um vom Nationalsozialismus inspirierte jüngere Männer handelte, die flexibler agierten, keinerlei Nostalgie für die Vorkriegsverhältnisse hegten und denen es ein wichtiges Anliegen war, ihre von der deutschen Volkstumspolitik unterstützten Aktivitäten qualitativ wie quantitativ zu erweitern. Diese Erweckungsarbeit habe manchmal missionarische Züge angenommen. Doch anders als von Ursprung angenommen, duckten sich die Konservativen nicht immer weg, sondern ließen sich auf eine Auseinandersetzung ein, die teilweise gewaltsam ausgetragen wurde, wie es Janjetović für die Vojvodina beschreibt (S. 223). Ein Punkt, in dem sich die AutorInnen der Beiträge meist einig sind, ist, dass sich auch das konservative Minderheitenestablishment zunehmend materiell wie ideell auf das Dritte Reich bezog. Außenpolitische Erfolge Deutschlands wie die Zerstörung der Versailler Friedensordnung wurden stark und positiv rezipiert. Inhaltliche Vorgaben des Nationalsozialismus aber seien durchaus selektiv rezipiert worden (Horváth, S. 94).

Im Band wird mehrfach betont, dass die positive Wahrnehmung des nationalsozialistischen Deutschland durch Minderheitengruppen nicht mit Faschismus gleichzusetzen sei. Dass sich die Nationalsozialisten unter den Minderheiten schließlich zwischen 1938 und 1940 durchsetzen konnten, habe eben daran und an der Volkstumspolitik des Deutschen Reiches gelegen und weniger an der Attraktivität des Faschismus als solcher. Diese Einsicht widerspricht der Existenz eines Minderheitenfaschismus eher. Dass der Faschismus ein eigenständiges Phänomen lokalen Kontextes war und nicht auf Kollaboration beschränkt werden kann, ist zwar ein Postulat aus Ursprungs Einleitung, das sich in der Argumentation einiger Autoren aber nicht wiederfindet. Während Bethke für die Schwaben in Slawonien unterstreicht, dass Paramilitarisierung und Kontakte zum SD von der Volksgruppenführung selbst ausgegangen seinen (S. 212), sieht Janjetović (S. 233) in der deutschen Minderheit in erster Linie ein von der NS-Führung für eigene machtpolitische Ziele instrumentalisiertes und missbrauchtes Objekt.

Es erweist sich, dass die stärkere Berücksichtigung nichtdeutscher Minderheiten dem komparatistischen Ansatz des Buches gut getan hätte. Insbesondere ein Blick auf die italienische Minderheit in Jugoslawien hätte hier bedeutende Aufschlüsse bieten können, war doch neben Deutschland Italien das einzige faschistische Land in der 1930er Jahren. So bietet allein Horváths Aufsatz einen komparatistischen Bezugspunkt für die besprochenen deutschsprachigen Minderheiten. Die ungarische Minderheit in Rumänien, hinter der kein faschistisches ungarisches Regime stand, habe über eine gewisse politische Pluralität verfügt, die auch ein linkes und ein liberales Lager beinhaltete. Die Exklusion ungarischer Juden sei allmählich durchgesetzt worden, und die von der Minderheit rezipierten Faschismen seien nur von eingeschränkter Attraktivität für diese gewesen. Der rumänische Faschismus Codreanus Prägung zum Beispiel sei gerade für seine Minderheitenfeindlichkeit kritisiert worden (S. 106).

Die Forschungsrichtung, die Faschismus nicht als Ideologie sondern als spezifisches gewaltorientiertes soziales Handeln in Europa nach dem Ersten Weltkrieg versteht, wird in der Einleitung nur am Rande erwähnt und in den einzelnen Beiträgen gar nicht, mit Ausnahme Şindalarius Beitrag über den Schwimmbadbau in sächsischen Städten in Siebenbürgen, der für den Bau in Herrmannstadt die Verbindung von volksgemeinschaftlichen Elementen, Sport, Kampf und dem Überspringen des olympischen Geistes der Berliner Spiele 1936 aufzeigt. Ein solcher Fokus ist meines Erachtens am meistversprechenden, soziale Praxen vor Ort auf ihren Faschismus hin zu befragen.

Auf der Suche nach dem spezifischen Minderheitenfaschismus hätte die Problematisierung der Titelsubstantive „Einfluss“ und „Minderheit“ weiterhelfen können. Die Relativität des letzteren Begriffes ist zentral für die Analyse des Selbstverständnisses und der politischen Organisation einer so titulierten Gruppe. In manchen Fällen sahen sich Minderheiten als solche, in anderen nicht. In den meisten Fällen war „die Minderheit“ erst 1918 entstanden und viele konnten das Attribut nach 1938 auch wieder abgeben, wie im Falle der „Sudetendeutschen“ oder der Székler. Genau dort ließe sich Minderheitenfaschismus gezielt untersuchen, wo er auf den Mehrheitsfaschismus stieß, wie es für den Sudetengau bereits getan wurde.(2)

Auch die Perspektive auf den „Einfluss“ bedeutet eine unnötige Verengung, wie sie für einige Beiträge des Bandes bereits kritisiert wurde, die die Verbreitung des Nationalsozialismus in Süd- und Mittelosteuropa vor allem als eine Implementierung von top nach bottom begreifen. Die Transfers zwischen Faschismus und Minderheiten werden kaum bedacht, obgleich doch Faschismus und „Volksgruppenproblematik“ in Europa zwei simultan nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Phänomene sind. Das Erkennen dieses Zusammenhanges erlaubt eine Vielzahl an Fragen. Wie war in Regionen, in denen Minderheiten die Bevölkerungsmehrheit stellten, die jeweilige Wahrnehmung des Faschismus? Und wie war es um diese politische Option bestellt in Zeiten ethnisierter Konflikte? Wurde, wenn eine Minderheit zum Faschismus tendierte, die konkurrierende Minderheit dadurch antifaschistisch? Und wie reagierten Minderheiten, die mit untereinander konkurrierenden Faschismen konfrontiert waren? In diesem Zusammenhang enttäuschend ist der Aufsatz Ivo Goldsteins über „Judengenozid in Kroatien“. Goldstein versucht erst gar nicht, das spannungsgeladene Verhältnis zwischen deutschen Nationalsozialisten, italienischen Faschisten, der kroatischen Ustaša sowie einer deutsche Minderheit, die sich an der Verfolgung von Serben und Juden aktiv beteiligte, zu analysieren. Zudem widerspricht er sich darin, ob die Judenverfolgung der Ustaša nun nationalsozialistisch inspiriert war (S. 318) oder der eigenen Gewaltpraxis und deren Eskalation entsprang (S. 321ff.), und datiert schließlich den Beginn des Judenmordes in Kroatien von Juni auf Mai 1941 um einen ganzen Monat nach vorne (S. 320). Andere Aufsätze bieten hier weiterführende Ansätze: Bethke zeigt auf, dass die slawoniendeutschen Nationalsozialisten vor allem in der konservativen kroatischen Bauernpartei ihre Kooperationspartnerin, aber auch ihre Konkurrentin sahen, und eben nicht in der Ustaša. Andersherum habe die deutsche Minderheit in der Vojvodina die Allianz mit der faschistischen Ljotić-Bewegung gesucht, was sie sogar in einen Konflikt mit dem Auswärtigen Amt gebracht habe, welches das autoritäre Regime in Jugoslawien gegen die Faschisten unterstützte (S. 206).

Solche Befunde sind es, die den Sammelband zu einem spannenden Buch machen. Die postulierte Existenz eines spezifischen Minderheitenfaschismus wird durch die Beiträge jedoch nicht bestätigt. Dafür sind weitere vergleichende Untersuchungen von Nöten, die alle Verfahren, die der Komparatistik zur Verfügung stehen, ausschöpfen sollten.

 

Rezensiert von: Alexander Korb (Washington, DC)
Email: AlexanderKorb@gmx.net

 

(1) Griffin Roger, The nature of fascism. New York 1991, S. 26.

(2) Volker Zimmermann, Die Sudetendeutschen im NS-Staat. Politik und Stimmung der Bevölkerung im Reichsgau Sudetenland (1938-1945), Essen 1999.

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